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Der Mensch und seine Persönlichkeitsmerkmale

Mein Unglaubensbekenntnis


Sonntag, 12. Januar 2014. Ich glaube nicht, dass Homosexuelle bessere Menschen sind als Heterosexuelle. Oder Frauen besser als Männer. Ich glaube auch nicht, dass Schwarze bessere Menschen sind als Weiße. Oder Behinderte besser als Gesunde. Und warum sollten Arme reineren Herzens sein als Reiche? Ich glaube überhaupt nicht, dass Menschen dadurch bessere Menschen werden, dass man sie schlecht behandelt. Ich bin aber sicher, um es bei diesen fünf Kriterien zu belassen, dass überall auf der Welt Homosexuelle schlechter behandelt werden als Heterosexuelle, Frauen schlechter als Männer, Schwarze schlechter als Weiße, Behinderte schlechter als Gesunde und Arme schlechter als Reiche.


Es mag Ausnahmen geben oder gegeben haben. So war es bspw. eine Zeitlang in Zimbabwe nicht so günstig, eine weiße Hautfarbe zu haben. Andere Beispiele ließen sich erwähnen; doch ändern auch sie nichts am Befund, dass die angeführten fünf Gruppen in aller Regel schlecht behandelt wurden und werden. Bessere Menschen sind ihre Angehörigen dadurch nicht geworden. Ich räume ein, dass die Auswahlkriterien für diese fünf Gegensatzpaare ziemlich willkürlich gewählt sind. Und ihrerseits schwer oder gar nicht miteinander zu vergleichen, was allein schon ein Blick auf die Größe der Gruppen verdeutlichen mag. Hinzu kommt, dass der letztgenannte Widerspruch (arm vs. reich) nicht so recht zu den anderen passen will.  


Schließlich ist Armut nicht angeboren. Oder sagen wir besser: es gibt rein theoretisch die Chance, ihr im Laufe des Lebens zu entkommen. Auch hierzu ließen sich Beispiele anführen. Freilich ist auch das Gegenteil denkbar; Beispiele hierfür sind nicht ganz so prominent, dafür aber umso zahlreicher. Ich schlage trotz dieser Variabilität vor, die Klassenzugehörigkeit im Kriterienkatalog zu belassen. Der Status „behindert oder nicht“ könnte sich ja auch im Laufe des Lebens verändern. Auch hier übrigens zumeist in die nicht wünschenswerte Richtung. Seit einigen Jahren oder gar Jahrzehnten gilt dies vermehrt auch für die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht. Mit in den meisten Fällen wünschenswertem Ergebnis.  


Für den Versuch, eine prinzipielle Veränderung der Hautfarbe vorzunehmen, gilt dies wiederum, wie das Beispiel Michael Jacksons gezeigt haben mag, nicht unbedingt. Die Hautfarbe scheint mir, einmal abgesehen von Oberflächlichkeiten wie Bräunungsstudios oder Bräunungsurlauben, ein sehr unflexibles Persönlichkeitsmerkmal zu sein. Doch im Grunde gilt auch für die vier anderen Kriterien allenfalls eine extrem geringe bis gar keine Wahlfreiheit. Es ist zulässig, hier von „angeborenen“ Eigenschaften zu reden. Also auch in Bezug auf die sexuelle Orientierung eines Menschen. Dies wird mitunter bestritten, jedoch niemals von seriöser Seite.  


Kleines Zwischenfazit zu der einen Seite der „Rechnung“: es gibt Menschen, die wegen ihrer angeborenen Zugehörigkeit zu einer Menschengruppe systematisch ausgegrenzt, diskriminiert, bedroht, verfolgt, mit Gewalt überzogen, versklavt oder gar ermordet werden. Banal, mögen Sie einwenden, keine neue Erkenntnis. Okay: stimmt! Aber so hin und wieder darf man ja auch mal auf Selbstverständlichkeiten hinweisen. Doch allein schon, um keine Zeit zu verlieren, kommen wir nun – nur mal kurz - zur anderen Seite der „Rechnung“, zum Konzept von den „guten und schlechten Menschen“. Es ist mehr als nur „banal“, es ist – zurückhaltend formuliert – fragwürdig. Allein schon wegen der möglichen Zwischentöne. Und der ungleich höheren Variabilität im Laufe des Lebens.  


Bleiben wir also auf der linken Seite der Gleichung, bei den – tatsächlichen oder vermeintlichen - Determinanten der Entwicklung einer Person hin zu einem guten oder auch nicht ganz so guten Menschen. Hier wäre zunächst einmal einzuräumen, dass mit den genannten fünf Kriterien – sexuelle Orientierung, Geschlecht, Hautfarbe, Gesundheitsstatus, Klassenzugehörigkeit – längst nicht alles erfasst wird, was Menschsein „determiniert“. Ganz offensichtlich fehlt in diesem Katalog die Ethnie. Mit der Hautfarbe allein kämen wir z.B. in Hinblick auf die Roma nicht weiter. Und was ist mit der Religion? Nehmen Sie z.B. die Juden – alle möglichen Hautfarben, aber wahrscheinlich eine Religion. Was bedeutet eigentlich Ethnie?  


Egal, das Hauptproblem besteht darin, dass auch noch alle möglichen Kombinationen möglich sind. John Lennon hatte eben mit seinem Songtitel „woman is the nigger of the world“ zwar ein Problem angesprochen, in diesem Fall: angesungen, aber irgendwie nicht den Nagel auf den Kopf getroffen. Was ist zum Beispiel, wenn die Frau, also irgendeine Frau, zudem auch noch schwarz ist? Und lesbisch? Vielleicht auch noch behindert? Arm sowieso. Zugegeben: da käme dann schon eine ganze Menge zusammen. Wobei: ich hatte auch mal eine sehr reiche schwarze Frau kennengelernt. Das führte dann in Deutschland, um genau zu sein: hier in Duisburg, und um ganz präzise zu sein: bei der Stadtverwaltung, zu gewissen Typisierungs-schwierigkeiten...  


Nun ja, diese Story liegt schon eine ganze Weile zurück. Damals, zu einer Zeit, als es noch Vorurteile gab. Heutzutage käme gewiss niemand mehr auch nur auf die Idee, einen anderen Menschen allein wegen einer oder mehrerer angeborener Persönlichkeitsmerkmale, also wegen einer oder mehrerer Eigenschaften, für die er schlicht nichts kann, schlecht zu behandeln. Bei der Stadtverwaltung nicht, in Duisburg nicht, eigentlich nirgendwo in Deutschland. Da sehen Sie mal, dass Menschen auf die Dauer sehr wohl besser werden können. Zu besseren Menschen werden können. Deutsche jedenfalls. Und ich glaube eigentlich nicht, dass Deutsche in letzter Zeit schlecht behandelt worden sind. Jedenfalls nicht alle.


Werner Jurga, 12.01.2014





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