Thomas Hitzlsperger (2007) Bild: Stefan Baudy / flickr / cc by-sa 2.0

"Hitz the Hammer" – ein echter Hammer!

Thomas Hitzlsperger


Donnerstag, 9. Januar 2014. Thomas Hitzlsperger ist schwul. Das hat er selbst gesagt. Heute, der „Zeit“. Ja, der Hitzlsperger, der frühere Fußball-Nationalspieler! Gut, man hätte es sich auch schon denken können; denn vor gut einem Jahr hatte er – ebenfalls der „Zeit“, für die er jahrelang als Kolumnist gearbeitet hatte – erklärt, dass es ihn „nicht juckt“, dass Googles Autocomplete-Funktion beim Namen „Hitzlsperger“ als ersten Treffer „schwul“ vorschlägt. Schwul, na und?! „Das sollte es nicht sein“, kommentiert „Zeit“-Redakteur Steffen Dobbert, „was vom ehemaligen Nationalspieler Thomas Hitzlsperger nun im Gedächtnis bleibt.“ Besser wäre es, meint Dobbert, verbände man mit seinem Namen „das Projekt des Störungsmelders und das daraus entstandene Netz gegen Nazis“, das es „ohne sein Engagement womöglich nicht gegeben hätte“.  


Ja, das meine übrigens ich auch. Doch bezweifle ich, dass daraus etwas wird. Schließlich ist gegen Nazis so ziemlich jeder. Aber wer ist schon schwul?! Ich meine: wer sonst noch außer "Hitz the Hammer", so sein Spitzname in England, wo Hitzlsperger viele Jahre gespielt hatte. "Hitz the Hammer" – ein echter Hammer! Erwarten Sie aber jetzt nicht, dass ich an dieser Stelle eine Schwulen-Zote raushaue. Das gehört sich nämlich nicht! Das macht man aber echt nicht. Nicht in diesem Land, in dem Schwulenfreundlichkeit im Grunde genommen mittlerweile den Rang einer Staatsreligion erreicht hat. Was Sie daran ablesen können, dass sich alle so ungemein freuen. Vielleicht nicht unbedingt darüber, dass Hitzlsperger schwul ist. Doch auf jeden Fall darüber, dass er sich jetzt dazu „bekannt“ hat, wie die „Zeit“ titelt und allerorten, natürlich auch im „Focus“, nachgetitelt wird.  


Auf Spiegel Online erinnert mittlerweile nur noch die URL an den bekennenden Titel. Ja, und warum auch nicht? Es spricht ja nichts dagegen, sich zu „bekennen“. In der Kirche wird das Glaubensbekenntnis abgelegt, bei den Anonymen Alkoholikern geht’s erst los, wenn sich auch jeder zu seinem Alkoholismus bekannt hat, und die RAF hatte früher, wenn sie mal wieder ihrem Handwerk, nämlich dem Morden, nachgegangen war, stets ein „Bekennerschreiben“ hinterlegt. Wie positiv besetzt der Begriff „Bekenntnis“ ist, entnehmen Sie allein dem Umstand, dass das Wort „Bekennerschreiben“ - eben wegen der angenehmen Konnotation – durch „Selbstbezichtigungsbrief“ ersetzt werden musste. Na, also! Heute heißt es regierungsamtlich: „Wir leben in einem Land, in dem niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen nur aus Angst vor Intoleranz.“  


Es handelt sich um Steffen Seibert, den Sprecher der Bundeskanzlerin, dem wir den Hinweis verdanken, dass „niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen“. Solidarität von höchster Stelle. Und Empathie. Seibert wertete es nämlich als gut, “dass er (Hitzlsperger) über etwas spricht, was ihm wichtig ist, was ihn möglicherweise auch befreit“. Möglicherweise. Möglicherweise aber auch nicht. Dann bleibt halt noch ein Ideechen Restangst. Schwule sind halt Weicheier, wie uns Hitzlsperger seinen Eindruck schildert, den echte Heteros von Homosexuellen haben. Weicheier, Angsthasen... - dabei: Angst haben „sollte niemand“. Jetzt schon gar nicht mehr. Jetzt, nachdem es Steffen Seibert als Empfehlung der Bundesregierung bekanntgegeben hat! Andere haben schließlich auch keine Angst. Seiberts Chefin zum Beispiel, die tapfere Frau Merkel.  


Die hat keine Angst. Die hat nicht einmal Angst davor, „das sagen zu dürfen, ohne damit Menschen diskriminieren zu wollen“. Und deshalb hat sie das auch gesagt, in der Wahlarena, die Angela Merkel. "Ich sage Ihnen ganz ehrlich“, hat sie gesagt, „dass ich mich schwertue mit der kompletten Gleichstellung“ - von Homosexuellen, versteht sich. Das wird man in Deutschland doch wohl noch sagen dürfen! Zumal, wenn man etwas unsicher ist. Und das ist sie, unsere Kanzlerin. Sie hat aber die innere Größe, dies auch offen zuzugeben. O-Ton Merkel: „Ich bin unsicher, was das Kindeswohl anbelangt." Sprich: die sollen nicht auch noch Kinder adoptieren dürfen, die Schwulen. Und die Lesben auch nicht. Freilich ahnt die Bundeskanzlerin, dass diese Position – immerhin der Ist-Zustand – vom höchsten deutschen Gericht als verfassungswidrig kassiert werden wird. 


Daher resultiert vermutlich Frau Merkels „Unsicherheit“. Immerhin: sie bekennt sich dazu. Ganz offen. Außerdem ist Unsicherheit eine ganz andere Sache als, sagen wir mal: Angst. Homosexuelle haben, wenn ich Herrn Seibert richtig verstehe, Angst. Sollten sie aber nicht. Sagt Seibert. Auch dann nicht, wenn Gewalt gegen schwule Männer nach Angaben des schwulen Überfalltelefons ein alltägliches Problem ist: „Fast jeder Schwule hat schon selbst antischwule Gewalt erfahren oder kennt jemanden, der Opfer geworden ist. Die Gewalt gegen Schwule ist vielfältig. Beleidigung, Bedrohung, Erpressung, Raub und Körperverletzung bis hin zum Mord sind ihre Erscheinungsformen.“ Wikipedia ergänzt: „Durch das Auswahlkriterium kann die Tat spezielle Auswirkungen auf den direkt Betroffenen haben, es hat gegenüber seiner Gruppe einen einschüchternden Effekt.“  


Sage ich doch: Angsthasen, Weicheier. Dabei ist das doch heutzutage – Merkels Sprecher hat´s gesagt – keine große Sache mehr. Einzige Ausnahme, das muss man zugeben: der Profifußball. Da stehen auf den Zuschauerrängen so Idioten, die würden einen Spieler der gegnerischen Mannschaft, der sich als schwul geoutet hätte... - hat aber natürlich noch keiner gemacht. Ärgerliche Sache. Ja, das stimmt: der Profifußball ist in dieser Hinsicht so eine Art gesellschaftliche Ausnahmezone. Das streitet ja auch niemand ab. Aber sonst, im Sport wie in der Gesellschaft: Homosexualität – echt kein Thema! Profifußball, ja okay. Aber schon im Amateurfußball... - ich meine: das ist doch bekannt, welche Spielerinnen lesbisch sind. Na und?! Dann wird es wohl auch schwule Amateurfußballer geben. Man redet halt nicht drüber; schließlich geht das doch auch niemanden etwas an!  


Oder nehmen Sie nur all die schwulen Tenniscracks, Formel-Eins-Piloten oder Biathlon-Athleten! Heutzutage ist das doch das Normalste von der Welt. Überhaupt Wintersport: von den Bobfahrern muss ich ja erst gar nicht anfangen. Mein lieber Mann! Die sind ja sowas von schwul... und deswegen ist es auch überhaupt nicht hinzunehmen, dass der Putin in Russland die Homosexuellen diskriminiert. Und deswegen hat Thomas Hitzlsperger zeitlich sein „Coming-out bewusst kurz vor Olympia in Sotschi“ gelegt. So habe er es im Interview gesagt, behauptet die Süddeutsche. Er verstehe sein Coming-out auch als Engagement gegen die "Kampagnen mehrerer Regierungen", erfahren wir auf Spiegel Online, wo ebenfalls – wenngleich auch hier ohne Beleg - interpretiert wird, Hitzlsperger habe „gezielt kurz vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi über seine Homosexualität gesprochen“. Mag ja sein...  


Und in der Tat: die homophoben Strömungen in Russland bis hin zum ebenso absurden wie gefährlichen „Propagandaverbot“ sind einfach nur widerwärtig. Aber auch das einhellig positive Echo auf Hitzlspergers Coming-out kann, so begrüßenswert es ist, wegen der offensichtlichen Scheinheiligkeit nicht unbedingt als magenfreundlich bezeichnet werden. Vom Sprecher der Regierungschefin, die sich „mit der kompletten Gleichstellung schwertut“, der aber Hitzlsperger gönnerhaft zugesteht, dass er „über etwas spricht, was ihm wichtig ist, was ihn möglicherweise auch befreit“, war schon die Rede. Noch abstoßender: das Solidaritäts-Getue der DFB-Obermacker. Da solidarisiert sich zum Beispiel Teammanager Oliver Bierhoff („Dany-Sahne von Danone. Ja, die schmeckt so richtig gut.“), der vor nicht einmal zwei Jahren eine fiktive Aussage im Tatort über Schwule im Profifußball als "Angriff" auf die Nationalelf gewertet hatte.  


Man staunt, dass diese ganze Truppe von Fußballfunktionären es überhaupt wagt, sich zum Thema Schwulenfeindlichkeit zu Wort zu melden. Kampagnen gegen Rassismus – ständig. Aber haben Sie schon einmal irgendein Spruchband, gar einen Videoclip gegen Homophobie im Fußball gesehen? Stattdessen: blödes Gelaber der Spitzenfunktionäre. Wobei allerdings ein Bierhoff noch harmlos ist im Vergleich zu einem Blatter. Das Oberhaupt des Weltfußballs habe lachen müssen, so das Schweizer Boulevardblatt „Blick“, als er in Bezug auf die WM 2022 in Qatar die Frage nach Ängsten bei homosexuellen Fußballfans gehört habe, in ein Land zu reisen, in dem Schwulsein illegal ist. Die Antwort des FIFA-Chefs: „Ich denke, dann sollten diese jegliche sexuelle Aktivität unterlassen“. Gelächter im Pressesaal. Hat irgendjemand vom DFB irgendwann gegen Sepp Blatter protestiert?  


Oder gegen die Austragung einer Fußball-WM in einem Land, in dem „Sodomie“ - so die dortige Bezeichnung für Homosexualität - mit einer Strafe von bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden. Dabei gab es sehr wohl in Qatar Fälle, in denen auch Ausländer wegen "unnatürlicher sexueller Handlungen" bestraft wurden. Ein US-Bürger erhielt 1996 eine sechsmonatige Haftstrafe und 90 Peitschenhiebe. Nichts deutet darauf hin, dass ein Aufenthalt am Golf für Schwule ungefährlicher werden könnte. Erst kürzlich hat Spiegel Online von einer „medizinischen Untersuchung“ berichtet, mit der die Golfstaaten einen „Schwulen-Test für Ausländer“ durchführen wollen. Das alles ist kein Witz; es ist bitterer Ernst. Es ist gut, dass Thomas Hitzlsperger ein Zeichen gesetzt hat. Die Wahl des Zeitpunkts erklärt sich nicht durch die Olympischen Winterspiele; sie erklärt sich daraus, dass er erst jüngst seine Karriere beendet hatte.


Werner Jurga, 09.01.2014





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