Weihnachtsmann, nIkA, kunstnet.de



Weihnachten: 

Das Fest der Liebe, des Friedens und der Familie

Weihnachten 2012. Jetzt blogge ich schon seit Jahren, doch fünfmal ließ ich das Weihnachtsfest verstreichen, ohne von meiner Seite aus ein paar passende Worte dazu in die Welt zu setzen. Zwar hatte der ein oder andere in diesen Tagen verfasste Artikel einen Bezug zu Weihnachten, das schon. Aber so eine richtige Weihnachtskolumne? Fehlanzeige.

Was hätte ich auch zum Thema Weihnachten schreiben sollen. Fest der Liebe, Fest des Friedens? Gott bewahre! Love-and-Peace-Kitsch. Weihnachten als Woodstock-Inszenierung, alle Jahre wieder. Oder Weihnachten als Fest der Familie. We are Family. Das macht aber auch keinen großen Unterschied. Wer etwas Theologisches zur Weihnachtsgeschichte hören möchte, gehe in die Christmette. With a little luck...

Weihnachten ist im Christentum übrigens nur das zweithöchste Fest. Auf Platz Eins steht Ostern. Völlig klar, Tod vor Geburt, Auferstehung vor unbefleckter Empfängnis. Das ist aber auch eine Story! Ostern, meine ich. Sektengedöns und menschliche Abgründe, Verrat und Märtyrertod, verheerende Niederlage und Beginn eines historisch einmaligen Siegeszuges. Das hat etwas! Jesus Christ Superstar.

Dagegen Weihnachten – eher etwas für Kinder, möchte man meinen. Irgendwie fehlt dieser Geschichte der Pep. Die Message ist klar: der Messias ist gekommen. Der Erlöser. Denkbar schlechte Rahmenbedingungen, dubiose familiäre Verhältnisse, unter denen so ein Knirps das Licht der Welt erblickt. Trotzdem: der Messias. Oder auch: der Sohn Gottes.


Wenn man das glaubt. Dann ist man Christ. Doch wer kann so etwas schon glauben?! Und vor allem: was genau wird da eigentlich geglaubt? An eine, wie es heißt, „unbefleckte“ Empfängnis kann keiner, der noch alle sieben Sinne beisammen hat, glauben. Dagegen ist nachvollziehbar, dass eine junge Frau zur damaligen Zeit gut daran getan hatte, ihre Schwangerschaft mit der Erscheinung eines heiligen Geistes zu erklären.

Keine Ahnung, ob sie dies tatsächlich so gemacht hatte; es war damals jedenfalls nicht ganz ungewöhnlich. Und alles Andere als eine Spinnerei, zog doch vorehelicher Geschlechtsverkehr in diesen Zeiten ganz zwingend eine Steinigung nach sich - auf jeden Fall für die Frau. Dass Maria dann auch noch vor der Niederkunft mit Josef einen Mann vorweisen konnte, hatte ihre Überlebenschancen deutlich erhöht.

So oder so ähnlich mag es sich gegen Beginn unserer Zeitrechnung zugetragen haben; nur: sehr wahrscheinlich ist das nicht. Selbst wenn einer der vier Evangelisten Zeitzeuge Jesu gewesen sein sollte, was für sich genommen schon unwahrscheinlich ist, bliebe auch sein Bericht reines Hörensagen. Hörensagen vom Hörensagen. Denn, wir kennen das von der eigenen Geburt… - sagen wir es mal so:

Wir waren zwar dabei, unsere Erinnerungen stützen sich dennoch im wesentlichen auf Berichte der Mutter. Will sagen: auch Jesus von Nazareth muss die Angaben über den Ort und die Umstände seiner Geburt von seiner Mutter (und ihrem damaligen Verlobten) erhalten haben. In ihr spielt bekanntlich eine Volkszählung eine bedeutende Rolle. Durch sie erhält die Weihnachtsgeschichte erst ihren mythischen „Zauber“.


Es ist davon auszugehen, dass nichts, aber auch gar nichts an der Sache mit dem Stall zu Bethlehem dran ist. Den Evangelisten, die diesen Geburtsbericht völlig unverbunden den Berichten über die Mission und den Tod des Wanderpredigers vorangestellt hatten, ging es dabei keineswegs um die heute verbreitete „christliche“ Interpretation, dass Gott auch in der erbärmlichsten Hütte präsent sei.

Ihnen ging es ausschließlich darum, das Erscheinen des Messias aus dem im Abseits gelegenen Nazareth wegzuverlegen in die Nähe von Jerusalem, nach Bethlehem in Judäa, dem jüdischen Kerngebiet. Sei´s drum, selbst wenn wir die Weihnachtsgeschichte so nähmen, wie sie geschrieben steht, ihr „Zauber“ bleibt auch für Menschen, die lange vor Hollywood auf der Welt verweilten, in engen Grenzen.

Die Story bietet einfach nicht viel. Selbst die drei Weisen aus dem Morgenland, die durch den Stern von Bethlehem zum Jesuskindchen geleitet wurden, haben etwas zu bieten. Geschenke und Huldigungen für den gerade erschienenen König der Juden, das schon. Aber gedanklich oder sagen wir: symbolisch? Nichts. Kurz erwähnt im Matthäusevangelium als (offizielle) Repräsentanten aus der Welt der (nicht-römischen) Heiden. Feierabend.

In der christlichen Theologie markiert die Anbetung durch die Magier das Sichtbarwerden der Göttlichkeit Jesu. Die ganze Weihnachtsgeschichte „lebt“ im Grunde von der Überzeugung, dass mit der Geburt des Kindes Gott persönlich auf die Welt herabgestiegen ist. Ohne diesen festen Glauben bleiben die neutestamentarischen Berichte über die Geburt ziemlich belanglos.


In späteren Jahrhunderten hat die Kirche viel Energie für die Legendenbildung um die Weihnachts-geschichte aufgewandt – etwa um die „Heiligen Drei Könige“. All dies konnte nichts daran ändern, dass die Story allenfalls durch den Glauben à priori von Interesse sein könnte. Dagegen dienen die Geschichten vom erwachsenen Jesus, dem Zauberer, offensichtlich der Missionierung Ungläubiger bzw. als Beleg dafür, dass es sich bei dem Wanderprediger um eine Gottheit gehandelt haben muss.

Insofern mag es überraschend erscheinen, dass ausgerechnet die Erzählung vom Stall zu Bethlehem aufsteigen konnte zu einem Stoff, an dem sich ein nahezu weltweites Mega-Spektakel festmacht. Die Geschichte, die notdürftig allein als Ortsnachweis dienen sollte, von der aber nur ein Bild bitterer Not und Armut hängengeblieben ist, will nicht so recht zum mittlerweile globalisierten Freudenfest passen.

Daraus erklärt sich ihr Bedeutungsverlust in der säkularisierten, nämlich christlich-abendländischen Welt, in der sie allenfalls noch für Kindergottesdienste und Comedysendungen herangezogen wird. Im Love-and-Peace-Spektakel gibt es keinen Platz für den Heiland, den Messias, den Erlöser. Deshalb musste das neugeborene Christkind dem von der Firma Coca-Cola entworfenen älteren Herrn namens Weihnachtsmann weichen.

Dieser hat bekanntlich nicht in Palästina sein Zuhause, sondern irgendwo im hohen Norden – Lappland, Nordpol oder so. Sein Auftrag lautet nicht Erlösung der Welt oder Befreiung von den Sünden, sondern schlicht Freibier für Alle. Immerhin noch eine enorme logistische Herausforderung, die der ältere Herr auf einem fliegenden Schlitten zu bewältigen pflegt, der von Rentieren angetrieben wird.


Im Gegensatz zur Narrative vom Stall zu Bethlehem ist diese Narrative ganz offensichtlich reiner Blödsinn, der genau aus diesem Grund den Vorteil bietet, auf einen Glauben à priori verzichten zu können. Der Wunsch nach Freibier reicht vollkommen aus. Dass da alle Jahre wieder einer kommt, ist Erlösung genug. Ein Event ohnegleichen. Love and Peace, Familie und Happiness.

Die passende Geschichte zur Zeit. Welche Geschichte aus welcher Religion sollte diese Story noch toppen können?! Oder markiert sie gar selbst eine Religion? Freilich glaubt kein erwachsener Mensch an den Weihnachtsmann. Doch der alte Mann im roten Mantel auf dem Schlitten mit den Rentieren steht für das Versprechen, dass für jede und jeden etwas aus der schier unendlichen Warenwelt vorgesehen ist.

Erlösung zeitgemäß. Instant Karma fürs 20. Jahrhundert und folgende. Alle Jahre wieder, pünktlich zum Winteranfang. Love and Peace, Familie und Flachbildschirm. Seien wir ehrlich: der Winter in der christlichen und fast-christlichen Welt – Japan, Korea und so – hat etwas Freudloses. Zu wissen, dass da ein Messias für uns da ist, bietet schon einen Halt in dieser schweren Zeit. Der gabenbringende Weihnachtsmann.

Und die gabenbringende Weihnachtszeit mündet im Fest der Liebe, des Friedens und der Familie. Warum denn auch nicht? Das zweithöchste Fest der Christenheit ist als Happening des globalen Kapitalismus längst zum Event Nummer Eins mutiert. Oh Freud über Freud! Zu Ostern folgt die Auferstehung, dann ist die dunkle Zeit zu Ende. Auferstehung, es wird Frühling. Allein: das wissen wir auch so.


Werner Jurga, Weihnachten 2012




Seitenanfang