Nichts ist gut in Afghanistan

Freitag, 3. Juni 2011. Nichts ist gut in Afghanistan. Oder sagen wir mal: fast nichts. So gut wie nichts. Pauschalurteile sind natürlich – wem sage ich das?! – grundsätzlich abzulehnen, also: immer falsch, schon allein, weil: zu pauschal. Deshalb sollten wir vielleicht besser sagen: kaum etwas ist gut in Afghanistan. Oder, positiv formuliert: nur ganz, ganz wenige Sachen sind gut in Afghanistan. Zum Beispiel: die Bergluft.

Für Allergiker zum Beispiel ist die Höhenluft ein echter Segen! Weniger als 10 Prozent der Fläche Afghanistans liegen unterhalb von 600 Metern über Normal Null. Der Rest, also der Hindukusch und der Sefid Kuh, liegt ganz schön weit oben. Richtig hoch, total pollenfrei. Oder haben Sie schon einmal etwas von einem Taliban mit Heuschnupfen gehört?! – Na also!

Als Allergiker müssten Sie insofern eigentlich sagen: Nichts ist schlecht in Afghanistan. Oder sagen wir mal: fast nichts. Wenn Sie nämlich zum Beispiel allergisch gegen Krieg, oder sagen wir mal: kriegsähnliche Zustände sein sollten, … - okay, dann müsste man wiederum von Afghanistan ganz klar abraten. Oder Sie müssten zunächst einmal mit einer Verhaltenstherapie ran an Ihre Kriegsallergie, bevor Sie sich um Ihren Heuschnupfen kümmern können.

Gut oder schlecht, exakter formuliert: fast nichts gut oder fast nichts schlecht – so etwas lässt sich praktisch nie verallgemeinern. Schon gar nicht in Bezug auf Afghanistan. Pauschalurteile gehen – pauschal gesagt –sowieso schon pauschal mal nie. Und in Afghanistan erst recht nicht! Letztlich hängt es immer vom individuellen Bedürfnisprofil ab. Anders formuliert: was wollen Sie eigentlich in Afghanistan?

Sich um Ihre Allergie kümmern? Okay, das hatten wir schon. Ihr Bewusstsein erweitern? Gut, das war vor dreißig, vierzig Jahren schwer in Mode. Auf nach Afghanistan, roter Afghane, schwarzer Afghane, die Höhenluft, eine Portion von diesem ganzen religiösen Humbug und überhaupt: die ganz andere Mentalität dort. Total bewusstseinserweiternd; allerdings heutzutage auch irgendwie total nicht mehr angesagt. Out sozusagen.

Oder Sie machen einen auf Dschihad. Sie wissen schon: islamischer Fundamentalist mit Terror und so. Da müssen Sie natürlich den roten Afghanen weglassen, den schwarzen auch. Dafür kriegen Sie aber von diesem religiösen Humbug die volle Dröhnung ab, eine Bewusstseinserweiterung vom Allerfeinsten. Sie kombinieren damit sozusagen das Drogenheini-Modell der 70er Jahre mit der RAF-Terrornummer – ebenfalls 70er Jahre – all inclusive, wenn Sie so wollen.

Auch hier – eigentlich überflüssig zu erwähnen – dürfen Sie sich freilich nicht mit einer Kriegsallergie herumplagen. Sie können dann aber die Love-and-Peace-Nummer der 70er Jahre wunderbar kombinieren mit dem damaligen Stadtguerilla-Konzept. Den antiimperialistischen Kampf in die Metropolen tragen, falls Sie sich erinnern. Wie ich schon sagte: es kommt immer darauf an, was Sie gerade in Afghanistan wollen.

Oder Sie wollen dort Brunnen bauen, Mädchen den Schulbesuch ermöglichen, den soeben beschriebenen Terrorismus bekämpfen bzw. schlicht und einfach nur Freiheit und Demokratie am Hindukusch als Staats- und Regierungsform verankern. An und für sich keine dumme Idee; allerdings: erstens in Afghanistan schon. Und zweitens, um nicht ganz so behämmert dazustehen, gilt auch hier das, was für alle gilt: keine Kriegsallergie!

Leider, leider, leider sind viele Afghanistan-Abenteurer mit dieser Zielsetzung mental völlig unzureichend auf diesen Ausflug vorbereitet, der ihnen – die richtige Einstellung vorausgesetzt – so vieles bieten könnte. Nein, nicht die Realisierung der angesichts der örtlichen Umstände absolut dummen Idee. Man lernt ja gerade im Scheitern. Aber die Einstellung! Wenn doch nur die Einstellung stimmen würde.

Tut sie aber nicht. Leider, leider, leider. Viele kommen am Hindukusch an, hatten sich eingeredet, nicht an einer Kriegsallergie zu leiden, waren vielleicht sogar bereit, sich auf ein bisschen Krieg einzulassen, … - bis sich schon nach einigen Tagen herausstellt, dass die Mehrheit der selbstdefinierten THW-Entwicklungshelfer mit Knarre in der Hand nicht einmal die Bereitschaft mitbringt, für all die hehren Ziele den Löffel abzugeben.

Hier ein toter Kamerad, da ein bisschen was abgekriegt bei einem 08/15-Terroranschlag, und schon geht es ab zum Psychologen: posttraumatisches Belastungssyndrom. Ab nach Hause, dort schreien Sie dann Frau und Kind an, weil die Katja so ein Aufhebens darum macht, dass dem Kevin im Sandkasten das Schüppchen weggenommen wurde. Von einem Stärkeren, ja natürlich. Herrgott nochmal! Man selbst kommt aus einem richtigen Krieg!

Also schnell wieder an die Front, äh: ins Einsatzgebiet. Das posttraumatische Belastungssyndrom kann schließlich auch vor Ort behandelt werden. Bewusstseinserweiterung: Fehlanzeige. Desensibilisierung in Sachen Kriegsallergie: nur mäßig erfolgreich. Wie immer bei Desensibilisierungen als Allergietherapien: Symptomverschiebung. Antwortet so eine Vollverschleierte mit Kind an der Hand nicht auf Kommando, wird sofort geballert. Anschiss von oben, verstärkte Unterstützung für den Feind, totale Frustration.

Nichts ist gut in Afghanistan. Oder sagen wir mal: fast nichts. Es kommt halt darauf an, mit welcher Erwartungshaltung Sie in diese fremde Kultur mit dieser ganz anderen Mentalität aufbrechen. Diese Freiheit-und-Demokratie-Nummer namens „Ein Brunnen vor der Schule“ – unter uns: da müssen Sie entweder ziemlich abgebrüht sein oder aber total einen an der Waffel haben, wenn Sie da halbwegs heil rauskommen wollen. Nicht gut. Wenn Sie dagegen …

Nun ja, wir haben ja einige Alternativen durchgespielt: Afghanistan kann wie das Paradies auf Erden sein. Da sagen Sie: Nichts ist schlecht in Afghanistan. Oder fast nichts. Ein Restrisiko bleibt natürlich immer. No risk no fun, sage ich immer. Ohne ein gewisses Maß an Wachsamkeit läuft da gar nichts, klar. Aber genau damit fängt ja die Bewusstseinserweiterung schon an.

Oder wollen Sie ewig so tollpatschig durch die Gegend wanken?! Dann hauen Sie sich den roten oder den schwarzen Afghanen rein! So werden wenigstens Ihre Frau und Kinder nicht von Ihnen angebrüllt. Geht natürlich auch mit ein wenig mehr Tapferkeit im Einsatz.

Werner Jurga, 3. Juni 2011