Schumachers Skiunfall


Herstellerhaftung



Donnerstag, 2. Januar 2014. Es sei „kein gutes Zeichen, dass Schumacher noch im Koma liegt“ zitiert der Focus-Live-Ticker einen Neurologen. Immerhin liegt der Skiunfall, bei dem sich der erfolgreichste Autorennfahrer aller Zeiten schwerste Hirnverletzungen zugezogen hatte, schon vier Tage zurück. Am Sonntag, den 29. Dezember, morgens zwischen 10:50 und 11 Uhr, so viel ist unstreitig, ist der siebenfache Formel-1-Weltmeister im französischen Skigebiet Méribel schwer gestürzt. Letzte Nacht veröffentlichte Bild Online exklusiv, versteht sich, „die Wahrheit über Schumis Horror-Sturz“: „Nach exklusiven BILD-Informationen wollte der Formel-1-Star einem Kind helfen, geriet deshalb zwischen die Felsen.“ Schöne Geschichte: „Einem Kind helfen“. Doch soeben, am Nachmittag kurz vor vier, kommt die dpa-Meldung, derzufolge Michael Schumacher „unmittelbar vor dem Skiunfall auf der Piste einem gestürzten Freund geholfen“ hat. Unter Berufung auf Schumachers Managerin Sabine Kehm. Punkt für die dpa, Pech für die „Bild“, aber es ist ja auch egal: Kind oder Freund – Hauptsache, man wird geholfen.  


Die eigentliche Hauptsache ist aber: die Meldung muss unbedingt von Frau Kehm stammen. Sonst gilt nichts. So heißt es bei „Bild“: „Er ist gerade erst angefahren, ist also noch nicht besonders schnell unterwegs.“ Und selbstredend benennt die größte deutsche Zeitung, wie es sich gehört ihre Quelle: „Schumi-Sprecherin Sabine Kehm zu BILD: `Er war nicht allzu schnell. Es war ein normales Kurvenmanöver´.“ Und weil dpa, wie gesagt, ebenfalls von Kehm gefüttert wird, heißt es auch dort: „Schumacher war vermutlich nicht mit hoher Geschwindigkeit unterwegs. Dennoch schlug sein Kopf so heftig auf, dass sein Helm zerbarst.“ Nicht schön. Was ich meine: eine Nachrichtenagentur soll Nachrichten bringen und nicht kommentieren! Die Nachrichten kommen in diesem Fall von Sabine Kehm. Gut. Diese blöden Füllwörter – Adverbien, Präpositionen – von einem anonymen Wichtigtuer. „Vermutlich“ - was soll das denn?! „Vermutlich nicht mit hoher Geschwindigkeit“... und dann auch noch: „dennoch“. „Dennoch schlug sein Kopf so heftig auf...“ - ob dieser Schreiberling noch einmal etwas gesteckt bekommt? 


Wie hoch darf eigentlich die Geschwindigkeit sein, damit so ein Skihelm nicht zerbirst? Zugegeben: „Wenn er ohne Helm diesen Unfall gehabt hätte, wäre er sicherlich nicht bis hierher gelangt", wie Emmanuel Guy, der Chef der Chirurgie, auf einer Pressekonferenz im Krankenhaus in Grenoble feststellte. Doch Monsieur Guy fantasierte auch vor sich hin: „Es war ein mächtiger Aufprall. Der Unfall fand mit hoher Geschwindigkeit statt.“ So etwas hört Frau Kehm freilich nicht so gern. Schumi ein Rennrausch-Idiot, der im Grunde sein Schicksal selbst verschuldet hat? Eine Unverschämtheit! Wir halten fest: Schumacher war auf dem Weg zur uneigennützigen Hilfe, also langsam unterwegs... - und: er trug einen Helm. Diese Information durfte die ersten Stunden in keiner Meldung fehlen! Normal. Das macht man so, wenn man mit einem schwerverletzten Angehörigen die Notaufnahme erreicht. Man sagt, erster Satz: „Der hatte einen Unfall.“ Zweiter Satz: „Der hat aber einen Helm auf gehabt.“ Zumal hier ja möglicherweise auch versicherungsrechtliche Fragen mit hineinspielen.  


Screenshot Bild Online


Sie können sich ja vorstellen, wie die so sind, diese Versicherungen! Die zweifeln das kackfrech an. Im Falle Schumacher spielt ihnen dabei noch in die Hände, dass die Bildzeitung die „Horrormeldung“ mit einem Foto bebilderte, das Schumi beim Skifahren mit einer Baseballmütze zeigt. Nun gut, die Medien bringen mittlerweile solch böse Fotos nicht mehr; doch das Internet vergisst nichts. Geben Sie mal bei Google Bilder “Schumacher Skifahren“ ein! Auch hier nimmt zwar der Anteil der Bilder zu, die Schumi mit Helm zeigen: dennoch: haufenweise Fotos mit Käppchen oder ganz oben ohne. Egal: am Sonntagmorgen hatte Schumacher jedenfalls einen Helm auf. Basta! Warum aber, fragen die Stuttgarter Nachrichten, „hat Michael Schumacher trotz des Skihelms so schwere Verletzungen?“ Die Antwort folgt auf dem Fuße: „Glaubt man Schumachers Ärzten“ - ein Konditionalsatz, schon blöd, W.J. - „hätte er es ohne Helm nicht lebend bis ins Krankenhaus geschafft. Wie eine zusätzliche Schale schützt er den Kopf vor Schnittverletzungen und mildert Stöße ab.“  


Aha, hätte man gar nicht gedacht. Ist aber noch nicht die Antwort auf die Frage. Also weiter im Text: „Wenn starke Kräfte wirken, etwa bei einem Aufprall mit großer Geschwindigkeit, wird der Druck allerdings nach innen weitergegeben. Es kann zu Prellungen am Gehirn kommen.“ Ja klar! Logisch. „Starke Kräfte“. Ich selbst kannte als Kind einen Bauarbeiter – kein Scherz! -, der freilich einen Helm getragen hatte, als ihm... - wirklich wahr, keine schöne Geschichte. „Das ist wie bei einem Airbag im Auto“, erklärt Marion-Maxi Hartung vom ADAC. „Der erhöht die Sicherheit zwar enorm, kann innere Verletzungen aber nicht ausschließen.“ Und damit es wirklich jeder kapiert, heißt es in dem kurzen Artikel der Stuttgarter Nachrichten über Skihelme an anderer Stelle noch einmal: „Nicht immer können sie Verletzungen verhindern.“ Damit erübrigen sich auch sämtliche Fragen nach einer etwaigen Herstellerhaftung. So ein Helm kann kaputt gehen. Das ist dann Pech. Das kann jedem passieren. Also auch jedem „Normalfahrer“; jedem, der so defensiv fährt wie Michael Schumacher.  


Das ist aber insofern kein Problem, weil die Krankenkasse in jedem Fall zahlt. Und das ist auch gut so! „Bei uns gibt es kein Schuldprinzip“, sagt der Sprecher des Spitzenverbands der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, Florian Lanz. Schließlich bekämen auch Raucher ihre Lungenkrebstherapie bezahlt. Wie jetzt speziell im Fall Schumacher die Krankenhauskosten abgerechnet werden, soll uns hier nicht weiter interessieren. Es geht auch nicht darum, dass Schumacher wohlhabend ist, auch wenn der gute Wolfgang Lieb auf den Nachdenkseiten davon einfach nicht absehen kann. Und dass Schumi ein Promi ist, muss ohnehin als Voraussetzung dafür betrachtet werden, dass wir uns damit befassen. Deshalb sind auch Liebs Überlegungen zur „Tragik hinter Schumachers Unfall“ zwar möglicherweise politisch irgendwie links, doch erstens irrig und insofern zweitens verzichtbar. Natürlich weiß auch Lieb, was sich gehört. Daher der Schlusssatz: „Auch ich wünsche Schumacher, dass er wieder gesund wird. Aber das wünsche ich auch jedem und jeder anderen auch.“  


Linkssein, aber menschlich. Warum auch nicht?! Das Blöde ist nur... - also: das Blöde an dem Satz. Ansonsten eine sehr gute Sache: nicht jeder und nicht jede leiden unter einem schweren Schädel-Hirn-Trauma. Und, ganz blöd für Michael Schumacher, was Wolfgang Lieb vermutlich auch wissen dürfte: er wird nicht wieder gesund werden. Es ist zu früh, eine Prognose abzugeben. Weil man noch nicht weiß, welche Hirnregionen im einzelnen irreversible Schäden davon getragen haben. Viele verschiedene Varianten sind möglich; allerdings nur schlechte. Noch bestehe Lebensgefahr, insistieren die behandelnden Ärzte. Wahr ist aber auch, dass die Chancen, dass Schumacher durchkommt, mit jedem Tag steigen. Er wird dann ein Anderer sein. Sowieso, weil er vielleicht seine Arme nicht mehr bewegen kann oder seine Beine. Er wird vor allem aber auch deshalb ein Anderer sein, weil seine Hirnschädigung schwerste Schäden auch auf sein „Wesen“, seine Psyche wie seinen Verstand, nach sich ziehen dürfte, falls er überlebt. Die gute Nachricht: auch unter diesen Umständen ist ein Leben in Kommunikation mit Anderen und in Freude denkbar.


Werner Jurga, 02.01.2014





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