Bild: Titanic


Satanische Verse?

Evangelii Gaudium


Freitag, 27. Dezember 2013. Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist – aber wem erzähle ich das?! - die Geschichte eines Krieges zwischen der Kirche und der Welt. Satan und Gott – so steht es geschrieben - „führten einen ununterbrochenen, bald versteckten bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete“. Und spätestens an dieser Stelle würde ich sagen: was zu viel ist, ist zu viel. Man kann alles auch übertreiben! Womit ich freilich, allein schon, um Ärger aus dem Weg zu gehen, vor allem den Satan im Auge habe, und nicht etwa Gott. Unter uns: das ist doch alles nicht schön, dieses ganze Teufelszeug. Revolutionäre Umgestaltungen und so...  

Der Satan – auch dies setze ich hier mal einfach als bekannt voraus – arbeitet mit allen Tricks. Verrichtet sein teuflisches Werk im Dunklen, lenkt aber mit großem Spektakel – freilich im Hellen – von selbigem ab. Erinnern wir uns! Gegen wen führt Luzifer Krieg? Richtig: gegen Gott. Welche Gestalt nimmt der Teufel an? Nun, das ist schwer zu sagen – bei all diesen hinterlistigen Machenschaften. „Die Welt“, heißt es. Also in den meisten Fällen: eine weltliche Gestalt. Wodurch wird Gott repräsentiert? Richtig: durch die Kirche. Durch die richtige, versteht sich, durch die einzig heilige. Und wer ist der Stellvertreter Gottes auf Erden? Ja sicher, blöde Frage: selbstverständlich der Heilige Vater. Klar. Noch eine banale Frage: sind wir noch Papst?!  


Kam es Ihnen nicht - sagen wir mal – ein wenig komisch vor, dass im Februar unser Papst „auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, verzichtet“ hat?! Rücktritt des Papstes... - ich glaube, ich spinne. So etwas gibt es doch gar nicht! Und dann auch noch ausgerechnet unser Papst? Und Sie haben geglaubt, dass dies mit rechten Dingen zuginge?! Mein Gott, sind Sie naiv! Okay, 1294 hatte dies auch mal einer gebracht. Aber da ging auch schon eine ganz üble Intrige ab. Damals gab es aber noch kein Fernsehen; doch heutzutage ist so eine Nummer ziemlich offensichtlich. Da wird dann so ein Argentinier genommen. Ein Argentinier... - wo gibt’s denn sowas?! Ein gewisser Jorge Mario Bergoglio. Das große Staunen auf dem Petersplatz...  

Die frommen Gläubigen kannten den Herrn Bergoglio freilich nicht. So zückten sie ihre Smartphones, wollten ihn googlen, doch das Netz war zusammengebrochen. Zufall? Dass Bergoglios „Fischerring“ nicht aus Gold, sondern aus vergoldetem Silber bestand (und immer noch besteht!), konnten die Armen logischerweise auch nicht sehen. Doch dass der Neue nicht die päpstlichen roten Schuhe anhatte, sondern so ziemlich gewöhnliche schwarze Treter, konnte zumindest den Millionen Fernsehzuschauern nicht verborgen bleiben. Inzwischen weiß man: der Typ trägt orthopädische Schuhe. Haben Sie schon einmal gesehen, was für Füße der Teufel hat?! Ich schon! Sehen Sie sich doch bloß einmal dieses Exemplar an!  


 
Bild: maskworld.com


Ich gebe zu: damit konnte man eigentlich wirklich nicht rechnen, dass der Satan so weit gehen würde. Dass er nicht einmal davor zurückschreckt... - und so kam es, wie es kommen musste. Gerade einmal ein halbes Jahr im Amt, vier Wochen vor Weihnachten, erließ der neue Papst seine Zweite Enzyklika, sein erstes Apostolisches Schreiben. Allein schon der Titel: „evangelii gaudium“. Zu deutsch: die Freude des Evangeliums. Man bedenke, Evangelium bedeutet: die frohe Botschaft. Das päpstliche Lehrschreiben heißt also: die Freude der frohen Botschaft. Normalerweise würde man in einem solchen Fall sagen: okay, Verarschen kann ich mich auch alleine. Aber wer ist heutzutage schon noch normal? Allenfalls noch die „Junge Welt“.  

Die Genossen von der einzig verbliebenen, daher umso strengeren, täglich erscheinenden Sachwalterin des wahren Marxismus waren jedenfalls über die Freude der frohen Botschaft dermaßen erfreut, dass sie sogleich die päpstlichen Worte im deutschen Wortlaut auszugsweise abgedruckt hatten. So wie es aussieht, wenn Sie sich das einmal ansehen, scheint der Papst ein Mitglied der Junge-Welt-Redaktion zu sein. Wenn dem so wäre, würde „Papst arbeitet jetzt für Anna Conrads“ eine schöne Überschrift abgeben. Die gute Anna ist nämlich Anteilseignerin dieses bedeutsamen Blattes. Ich bin mir da aber nicht ganz sicher. Also: die Frau Conrads ist schon Miteigentümerin der „Jungen Welt“. Aber ob der Papst da wirklich ein Redakteur ist, bleibt ungewiss.  


Doch ganz unabhängig davon, wie die (Beschäftigungs-) Verhältnisse im Reich des Bösen nun so ganz genau geregelt sind, schön ist das nicht. Dass diese Kommunisten jubeln, sagt doch wohl schon alles. So eine Frechheit, diese Enzyklika evangelii gaudium! „Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, zum Abschluss des Jahres des Glaubens, am 24. November – Hochfest unseres Herrn Jesus Christus, König des Weltalls – im Jahr 2013, dem ersten meines Pontifikats“, steht unten drunter, gezeichnet: „Franciscus pp“. Die Abkürzung pp – aber wem sage ich das?! - steht für Papa, also Papst. Unfassbar! Im Namen des Herrn nur so ein marxistisches Zeug. Der Satan scheint wohl überhaupt keine Hemmungen mehr zu haben. 

Gott sei Dank gab und gibt es aber tapfere Menschen, ganz egal ob Christenmenschen oder nicht, die hier entschiedenen Widerspruch anmelden. Zum Beispiel der Marc Beise, der unverzüglich in der Wochenend-ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 30.11. / 1.12. festgestellt hatte: „Der Papst irrt“. Und wie der irrt! „Härter und falscher geht es nicht", schrieb der Beise. Etwas ruhiger, wenngleich nicht weniger deutlich, äußerte sich good old Josef Joffe in der Zeit: „Die Kapitalismus-Kritik des Papstes ist falsch.“ Ende, Aus, Mickey Maus – damit wäre eigentlich alles gesagt. Wobei Rainer Hank in der FAZ natürlich völlig zu Recht darauf hinweist: „Die Kirche verachtet die Reichen“. Ja, wo leben wir denn eigentlich?! Reiche Verachten – ich glaube es wohl!  


Wer jetzt nicht begriffen hat, wohin der Hase läuft, dem ist wirklich nicht zu helfen. Allerhöchste Zeit zur Umkehr. „Die Kirche sollte den Kapitalismus schätzen“, schreibt Andrea Seibel in der „Welt“. Wie wahr! Nun gut, ein wenig Kapitalismuskritik... - Frau Seibel zeigt ein gewisses Maß an Verständnis: „Kapitalismuskritik ist Schwarzbrot. Jeder Pfarrer und auch jeder seiner päpstlichen Vorgänger hat sich darin hervorgetan. Doch einen apodiktischen Satz wie: `Kapitalismus tötet´, den Franziskus in seinem `Evangelii gaudium´ schrieb, den hat keiner bisher gewagt.“ Da hat sie aber wirklich Recht, die Andrea Seibel. So etwas hat sich echt noch niemand erlaubt. Jedenfalls niemand auf dem Stuhl Petri.  

Allerdings, kleiner Schönheitsfehler: auch Herr Bergoglio nicht. Auch wenn Seibel „Kapitalismus tötet“ in Anführzeichen gesetzt und damit behauptet hat, es handele sich um ein wörtliches Zitat des Heiligen Vaters: es stimmt nicht. Ein klassischer Fall von Zitatfälschung. Nicht „Kapitalismus“, sondern „diese Wirtschaft tötet“, steht in der Enzyklika geschrieben. Gut, es ließe sich einwenden, das wisse ja jeder, dass es sich bei „dieser Wirtschaft“ um nichts Anderes als um „Kapitalismus“ handele. Mag sein, es steht da aber nicht. In der ganzen Schrift taucht das Wort „Kapitalismus“ überhaupt nicht auf. Also auch beispielsweise nicht das Wort „Finanzkapitalismus“, was vielleicht dasselbe ist, vielleicht auch nicht; wer weiß das schon?  


Immerhin könnte etwas in dieser Art aber gemeint sein. Das Zitat, von dem wir zugunsten von Andrea Seibel annehmen, dass sie es im Original gar nicht gelesen hatte, lautet nämlich etwas ausführlicher wie folgt: „Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Das ist Ausschließung.“ Da hat er irgendwie Recht, der Papst: Tot-sein ist eine Form der Ausgrenzung. Und wenn Sie mich fragen, eine ziemlich üble. Jedenfalls aber eine ziemlich nachhaltige. Das ist sogar dann richtig, wenn es von einem Marxisten behauptet wird. Der Marxismus selbst ist jedoch „verkehrt“. 

Das muss selbst – wahrscheinlich aus taktischen Gründen – der Papst einräumen, wie wir im religionsphilosophischen Salon erfahren. Religionsphilosophischer Salon – wenn ich so etwas schon höre! „Papst Franziskus fühlt sich nicht beleidigt, wenn man ihn einen Marxisten nennt. Allerdings sei der Marxismus als politische und ökonomische Philosophie verkehrt, sagte er. Aber er habe doch während seines Leben etliche Marxisten getroffen, die, so wörtlich, `gute Menschen seien´. Darum `fühle ich mich nicht beleidigt, wenn man mich selbst einen Marxisten nennt´.“ Aha. „Gute Menschen“ sollen das also sein, diese Marxisten. Sein? Wieso eigentlich „seien“? Ja, leben die denn alle noch, diese „etlichen Marxisten“, die der Herr Bergoglio „während seines Leben getroffen“ hatte?! 


Werner Jurga, 27.12.2012





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