Reich Sein, warum nicht? - Besser ist

SUPERREICH



Dienstag, 8. Oktober 2013. Heute melde ich mich ein zweites Mal zu Wort. Zum einen, weil ich morgen wirklich nicht dazu kommen werde. Zum anderen, weil ich heute ein wenig melancholisch bin. Diese Neigung, wehmütig zurückzublicken, die schon den ganzen Tag meine Gedanken geprägt hat, ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass ich morgen schon wieder ein Ideechen älter werde. Vor der Kurve, in der ich ins letzte Viertel einbiege, erwischt mich voll der Methusalem-Komplex. Von Selbstzweifeln zernagt bleibt die quälende Frage unbeantwortet: „Hättest Du nicht...?!“ Zum Beispiel: alles ganz anders machen können/sollen/müssen? Ja okay: Auslandskorrespondent - das wäre es auch nicht gewesen. Und wenn schon, es wäre ja jetzt auch zu spät. Was aber ließe sich überhaupt auf die alten Tage noch einigermaßen Sinnvolles anstellen?!  

Depressionen können ganz schön gefährlich sein. Doch immer wenn man meint, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. In diesem Fall: durch den Briefkastenschlitz. Die gute alte WAZ, “meine“ Tageszeitung, auch heute wieder ein unverzichtbarer Ratgeber in scheinbar auswegloser Lebenssituation. Ich habe die Zeitung nur in die Hand genommen. Zack! Sofort stellte sich deren antidepressive Wirkung ein. Ein Blick auf Seite Eins, fette Überschrift „Aldi und Lidl: Discounter machen reich“. That´s it! Dass ich da auch nicht schon früher drauf gekommen bin!!! Jetzt aber nicht ärgern, Werner! Sondern freuen über die Erleuchtung, die den Weg in ein schöneres, besseres Leben führen wird. Discounter – das ist es. Was man da sparen kann! Stimmt ja auch. Logisch, dass ich mit meinem hemmungslosen Geldverbraten nie auf einen grünen Zweig kommen konnte.  

Mal lesen: Überschrift „Aldi und Lidl: Discounter machen reich“. Ja klar, hatten wir schon. Kann man sich aber gar nicht oft genug in die Birne hauen. Weiter, erster Satz im Text: „Deutschlands Superreichen geht es so gut wie nie zuvor.“ Das ist schön zu lesen. Andererseits: dadurch fühle ich mich schon wieder so einem Leistungsdruck ausgesetzt. Eigentlich denke ich: „Reich Sein – warum nicht?!“ Das muss reichen. Jetzt muss man auch schon superreich werden. Das versetzt mich ganz schön in Stress. Ich weiß gar nicht, ob ich es packe, wenn ich so unter psychischem Druck stehe, bei Aldi oder Lidl einzulaufen. Na klar: eine Frage des Selbstbewusstseins. Schön. - Ja, Sie haben gut reden! Ich wusste das doch gar nicht. Ich lese das gerade zum ersten Mal. Viermal vierzehn Jahre lang umsonst gelebt! Quatsch: nicht "umsonst". Viel zu teuer gelebt. Und jetzt soll ich es noch bringen?!  

Aldi und Lidl: Discounter machen reich“. Echt, das hätte ich nie gedacht. Steht aber fett auf der ersten Seite der WAZ. Ich war da nämlich schon mal. Okay, nicht bei Aldi oder Lidl drin. Ich lehne eigentlich Einkaufen und sowas ab. Kapitalistischer Warentausch, Konsumterror, und die ganze Hektik in und vor diesen Läden. Echt nicht mein Ding. Aber daneben, neben diesen Läden, da sind immer so Cafés. Bäckerei und so. Lecker, und man kann da einigermaßen sitzen. Und sich die Leute angucken, die bei Aldi oder Lidl abräumen gehen. Reiche. Hätte ich wirklich nicht gedacht. Die meisten sehen gar nicht so aus. Na, die sind ja abgewichst! Tarnung. Wollen nicht als Reiche erkannt werden. Da sind die am Timmendorfer Strand oder auf Sylt oder schon auf der Düsseldorfer Kö ganz anders. Furchtloser. Und ich Dummerle hatte schon gestaunt, dass es am Timmendorfer Strand einen Aldi gibt.  

Einen Aldi Nord. Das ist aber nicht der Geheimtipp. Der Theo zum Beispiel hat es nur auf läppische 16 Milliarden Euro gebracht. Aldi Nord. Zugegeben: der Bursche ist nicht ganz so blöd wie ich; aber (!) - sein Onkel (!) - der Karl... - mein Gott! Da hätte sich der Junge doch mal etwas von abgucken können! Der Karl, Aldi Süd, hat sich 17,8 Milliarden Euro zusammen geschrappt. Nun gut, der Karl ist auch schon 93; der hatte einfach mehr Zeit. Für mich heißt das: es lohnt sich auch im Alter noch, mit dem preisbewussten Einkaufen zu beginnen. Bei Aldi. Gut, dass wir hier Aldi Süd haben. 1,8 Milliarden Euro Unterschied! Mit dem Pfennig fuchsen (okay, das haben wieder Andere gesagt – auch Mülheimer!). Kleinvieh macht auch Mist. Ja: 1,8 Milliarden Euro sind auch Geld! Der neue Papst hat schon Recht: wir brauchen wieder mehr Demut, Bescheidenheit und so.  

Ich will mich ja nicht in Ihre Privatangelegenheiten einmischen und auch keine juristischen Scherereien haben. Deshalb nur am Rande, ganz vertraulich – das muss aber unter uns bleiben! Lidl kann ich Ihnen leider nicht empfehlen. Stellen Sie sich vor: der Schwarz, das ist der von Lidl, der ist abgeschlagen auf Platz 3 gelandet. 13 Milliarden Euro – das ist ja wohl ein Scherz! Nee, echt: da setze ich mich lieber neben Lidl beim Bäcker ins Café und guck mir die Blödköppe an, die einfach zu faul sind, die paar Schritte bis zum Aldi auch noch zu gehen. Zum Aldi Süd ;-) Aber wie gesagt: das muss unter uns bleiben! So, jetzt pass auf! Ebenfalls auf der WAZ Seite Eins, direkt neben „Aldi und Lidl: Discounter machen reich“ ein Kommentar dazu vom Frank Preuß: „Könige im Reich der Pfennigfuchser“. Ja, so ist es. Der Mann blickt durch. Und zwar schon lange.  

Die Frage, wie man denn mit Dosengulasch für 1,29 Mark so reich werden kann“, so legt der gleich los, der Preuß, “hat man sich vielleicht in den 70er-Jahren noch gestellt“. Ja, vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. So wie ich zum Beispiel. Das ist ja gerade die Schitte. Ich hatte mir diese Frage eben nicht gestellt, und jetzt bin ich nur reich, aber nicht superreich. So etwas Blödes! „Aber mittlerweile dürfte auch dem letzten klar sein, dass man mit der Sparsamkeit...“ - ja, ist klar, Herr Preuß! Danke sehr, es reicht. „Erstmal muss es billig sein. Wenn’s dann noch gut ist – auch nicht schlimm.“ Ja, Herr Preuß, Danke! „Zu Aldi und Lidl pilgern ja weiß Gott seit Jahren schon nicht mehr nur jene, die es sich gar nicht anders erlauben können.“ Still, aus jetzt; sonst werde ich fuchtig! Ende im Gelände. Ich werde nicht – da kann sich der WAZ-Kommentator auf den Kopf stellen! - mit Selbstvorwürfen zurückblicken.  

Ich habe jetzt meine Lektion gelernt. Ich werde mit dem neuen Lebensjahr ein neues Leben beginnen. Ich werde mich frohen Mutes und wohlgelaunt an meinem persönlichen Vorbild Dieter Bohlen orientieren. Dem kleinen Dieter hatte sein Vater schon auf dem Bauernhof in Ostfriesland beigebracht, immer etwas Geld auf „die hohe Kante zu packen; denn man weiß ja nie, wofür man es mal brauchen kann.“ Und Bohlen Seniors Erziehungsleitsatz lautete auf den Punkt gebracht: „Wenn Du viel Geld haben willst, darfst Du es nicht ausgeben!“ Das ist so geil. Geiz ist geil (schon wieder Andere). Und irgendwann wird der Tag kommen, an dem auch ich mal im Leserbeirat der WAZ sitze – ich bin mittlerweile schon im Lokalteil der heutigen Ausgabe angekommen (als Leser, logisch!) – und einen Gastkommentar schreibe. So wie heute das gegenwärtige Beiratsmitglied Dirk Weil. „Dirk Weil: Meine Abende mit viel Geld“. Bestimmt ein Aldi-Mann... 

Werner Jurga, 08.10.2013
     
aus: WAZ Duisburg vom 8.10.2013




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