"Der Spiegel"-Titel  Nr. 41 / 7.10.13


Eigentlich auch ein schöner Beruf:

Auslandskorrespondent


Dienstag, 8. Oktober 2013. Einige Monate vor dem Abitur rückte uns das Arbeitsamt (so hieß die Agentur damals noch) auf den Pelz, um uns mit der Frage zu konfrontieren, was wir denn mal werden wollten. Nicht dumm, denn einigen von uns war da schon völlig klar, dass sie nicht studieren werden. Die hatten aber zumeist schon etwas Konkretes im Auge. Mir dagegen war völlig klar, dass ich studieren wollte. Dennoch könne ich mir doch schon einmal überlegen, was ich denn mal werden wolle. Dumm. Aber eine Dummheit, die sich auch über die folgenden Jahrzehnte hartnäckig gehalten hat. Bis heute! Schlimmer noch: heutzutage denken die Kids bei der Wahl des Studienplatzes fast nur noch daran, was sie denn mal werden könnten. Abstoßend!  


Letzte Woche, am Montagabend, hatte Rami etwas zu feiern. Rami ist 23. Er hatte an der Uni eine wichtige Prüfung bestanden: Business Management. Bestimmt so ein BWL-Kram, aber gut: Glückwunsch! Etwa 50 Leute sind zu seiner Fete gekommen, Rock und Pop und Rumtata, ein DJ war auch da – im Roma Café. Nicht, was Sie wieder denken! Keine Roma; der Laden heißt einfach „Roma Café“, das ist alles. Es liegt irgendwo in der Altstadt. In der Altstadt der ältesten Stadt der Welt, also in Damaskus. Das Roma Café in der Damaszener Altstadt sozusagen. Klaus Brinkbäumer und Dieter Bednarz waren letzten Montag auf Ramis Fete und haben davon in der aktuellen Spiegel-Ausgabe erzählt. Die beiden waren dienstlich in Syrien.  


Ich hatte mir damals zwei Ausgaben der „Blätter für Berufskunde“ mitgeben lassen: „Auswärtiges Amt“ und „Auslandskorrespondent“. Ich war 18, das ist so ein Alter. Fremde Länder, Abenteuer, weg von Muttis Ofen! Am besten mit Beamtenstatus. Ich war schon in der SPD, und die regierte ja überall. In Stadt und Land sowieso schon mal, im Bund seit sieben Jahren. Also irgendwie schon immer. Die CDU – ja, die war in diesen Jahren vor der Revolution dran. Damals, in grauer Vorzeit. Die kommen nie mehr wieder, dachte ich. Wir haben ja schon allein mehr als CDU und CSU zusammen. Und die FDP ist noch auf unserer Seite. Okay, Sozialismus ging mit denen nicht. Nun ja, einfach mal abwarten. Mit der absoluten Mehrheit...  


Brinkbäumer und Bednarz, die Spiegel-Redakteure, hatten einen Termin mit Assad. Große Geschichte, logisch: da muss man ein paar Tage früher vor Ort sein. Über Rami, den Studenten, haben sie auch nichts weiter mehr geschrieben. Ob der schon beim Militär war? Oder noch hin muss. Egal, jetzt studiert er ja erst einmal. Offenbar mit Erfolg. Vielleicht wird er mal ein ebenso erfolgreicher Business Manager. Egal. Letzte Woche Dienstag hatten Brinkbäumer und Bednarz ein längeres Vorgespräch mit den Leuten vom Amt. Der Assad ist ja eine große Nummer; da ist es besser, man spricht die Einzelheiten im Vorfeld ab. Drei Stunden habe es gedauert, das Vorgespräch, schreiben sie: „drei hitzige Stunden“.  


Bei mir lief es dann, so etwa drei Monate vor dem Abi, auf den Berufswunsch „Auslandskorrespondent“ hinaus. Das Auswärtige Amt – SPD hin, SPD her – war ja ohnehin in FDP-Hand, und schlimmer noch: der diplomatische Dienst schien irgendwie nichts für mich zu sein. Verwandte und Freunde konfrontierten mich jedenfalls gnadenlos mit dem Urteil, dass weder das Diplomatische noch das Dienen zu meinen hervorstechenden Stärken gehörten. Ich dachte darüber nach und fand, dass das Akzeptieren von scharfer Kritik an der eigenen Person letztlich innere Größe ausmacht. Mit „Euer Hoheit“ oder so irgendeinen Provinzdiktator anzuquatschen und dabei einen Diener zu machen, okay: das wäre nichts für mich.  


Das Interview mit Assad war so weit vorbereitet. Drei Stunden Vorgespräch für ein anderthalbstündiges Interview. Tja, das Berufsleben kann hart sein. Auch und gerade als Auslandskorrespondent. Der Rest des letzten Dienstags bedeutete für Brinkbäumer und Bednarz Warten. Auf den großen Tag morgen. Dabei stellten sie sich, wie sie schreiben, Fragen. Und zwar diese: 


aus: "Der Spiegel"  Nr. 41 / 7.10.13

Vielleicht auch, ist aber rein spekulativ, diese: „Wie werden wir sein? Wird er unsere Unsicherheit in den Gesichtern erkennen?“  


Nein, der diplomatische Dienst kam für mich nicht in Frage. Oder ich nicht für ihn. Schon so vom Typ her. Aber irgendetwas musste ich ja werden wollen, wie nicht nur Arbeitsamt und Schule meinten, sondern irgendwie alle. Na gut, dann eben Auslandskorrespondent. Beim Spiegel wahrscheinlich. Fernsehen wäre wohl noch besser, dürfte aber schwieriger werden. Und die Bildzeitung oder überhaupt Springer hatten echt bei mir nicht die geringste Chance. Beim Spiegel – warum denn nicht?! Ich hatte eine Schülerzeitung gemacht, für andere geschrieben, und meine Aufsatznoten konnten sich ebenfalls sehen lassen. Nach dem Abi hatte ich dann auf dem ZVS-Bewerbungsbogen auch „Journalistik“ angegeben. Aber mit nachgeordneter Präferenz.  


Mittwoch also, 9.30 Uhr. Assad redet ruhig leise, druckreif. Er lächelt, er hört nicht auf zu lächeln, und wenn man Zeichen von Anspannung sucht, findet man nichts in seiner Gestik“, so Brinkbäumer und Bednarz. Damit war die Frage „wie wird er sein?“ beantwortet, und es hieß loslegen mit dem „Plan, ihn sofort zu attackieren“. Und zwar so:  


aus: "Der Spiegel"  Nr. 41 / 7.10.13

Über mein Schicksal hatte 1976, sozusagen im Namen des deutschen Volkes, die ZVS entschieden. Wenngleich auf Basis, da ging´s mir besser als Assad heute, meiner persönlichen Präferenzen. Ich wurde den Sozialwissenschaften zugeteilt – in Duisburg. Nix mit: „Weg von Muttis Ofen!“ Keine fremden Länder, keine Abenteuer. Selbst schuld. Uni Duisburg – fand ich spannend genug. Dass ich wegen dieser „Blätter für Berufskunde“ kürzlich noch „Auslandskorrespondent“ auf dem Zettel hatte, war schon vor der Orientierungswoche längst aus dem Sinn. Es lief danach so, wie es halt lief. Dabei: was hätte ich für ein aufregendes Leben führen können! Zum Beispiel als Auslandskorrespondent. Vielleicht hätte ich dann auch so tolle Sachen erleben dürfen wie Brinkbäumer und Bednarz.  


9.20 Uhr“, also zehn Minuten vor Beginn der sofortigen Attacke: 


aus: "Der Spiegel"  Nr. 41 / 7.10.13

Klaus Brinkbäumer und Dieter Bednarz, absolut cool, unbestechlich, professionelle Distanz. Auslandskorrespondenten eben. Das musst Du erst mal bringen! Da legt so eine Persönlichkeit, die gegenwärtig total im Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit steht, den linken Arm um Deine Schulter, sagt „What a pleasure!“ und Du schreibst ungerührt und ultracool: „Nun ja“.  


Natürlich erst, wenn Du wieder im sicheren Auslandsbüro bist oder daheim bei der Mutti. Respekt! So etwas könnte ich nicht. Ob ich das hätte lernen können, wenn ich damals anders beantragt und die ZVS anders zugewiesen hätte?! Ich weiß es nicht. Es ist ja auch müßig. Man kann nicht „nochmal von vorn anfangen“. So ist es, wie es ist. Ich hätte in dieser Situation völlig versagt. Wenn dieser Dreckskerl, der großflächig Zivilisten – Männer, Frauen und Kinder – mit Giftgas ins Jenseits befördert hatte, mich blöde angegrinst und es gewagt hätte, mich pleasuremäßig anzupacken, hätte es nach gut hunderttausend Toten in Syrien noch einen mehr gegeben. Ich kann so furchtbar unbeherrscht sein.  


Bei dieser smarten Killerfresse hätte ich mich bestimmt vergessen. Auslandskorrespondent – nein, das wäre wohl auch nicht das Richtige für mich gewesen. Es war wohl doch ganz gut, dass ich immer in der Nähe von Muttis Ofen geblieben bin. Auslandskorrespondent – womöglich noch im Krieg? Nein, lieber nicht. Mir wäre schon so ein Baschar al-Assad zu viel. Ich will da nichts moralisieren. Der Typ hatte vielleicht eine schwere Kindheit gehabt, und jetzt hat er Scherereien mit der al-Qaida. Der hat es nicht leicht, keine Frage, und mir steht da kein Urteil zu. Trotzdem: wenn so ein Massenmörder mich grinsend angrabscht und etwas von „Pleasure“ labert... - Nein! Das muss ich nicht haben. Echt nicht.  


Werner Jurga, 08.10.2013






Baschar al-Assad: "Der Westen vertraut lieber al-Qaida als mir".

Spiegel Vorab - Sonntag, 06.10.2013




Blut und Seele: Besuch in Damaskus - Bericht aus einer

belagerten Stadt. Aus dem Spiegel - Montag, 07.10.2013




Besuch bei Assad: Der entspannte Diktator - Fotostrecke.

Spiegel Online -   Montag, 07.10.2013





Massaker in Syrien: Rebellen töten Dutzende Alawiten-

Familien
 - Spiegel Online - Freitag, 11.10.2013




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