Irgendwie wird es schon gut gehen

Shutdown in Amerika


Montag, 7. Oktober 2013. Interessieren Sie sich eigentlich auch für Außenpolitik? Oder sagen wir mal: Internationale Politik? Ich frage deshalb, weil in Rheinhausen die ganzen Demos ja erst einmal durch sind. Gewiss, es ließe sich fragen... - ach nein, die Parteien. Ich denke, die sind zur Zeit vornehmlich mit der Frage beschäftigt, ob am Ende der Sondierungsgespräche und Koalitionsverhandlungen Schwarz-Rot oder Schwarz-Grün Trumpf ist. Es ist nicht so, dass ich mein Pulver dazu verschossen hätte. Nur: ich muss dazu nichts schreiben. Die Leitartikler der großen Zeitungen schon, die Kommentatoren der Fernsehanstalten auch. Geht Ihnen das auch so? Dass Sie bei der Lektüre oder beim Lauschen den Eindruck nicht los werden, dass denen das anzumerken ist?  


Also, wie sieht es jetzt aus? Bock auf Internationales? - Nun gut. Wie wäre es dann mit Wirtschaft? Ökonomie, Finanzen und so – das ist doch wichtig. Wissen Sie was?! Klicken Sie doch einfach weg! Sie müssen das hier ja nicht lesen. Ich muss zwar auch nichts schreiben; ich habe aber Bock drauf. Ich habe mir nämlich Pulver trocken gehalten für den Shutdown. Peng, geschossen, also: „shut“. Ja und dann „down“, logisch: da fällt einer um. Könnte man meinen, könnte auch dabei herauskommen, allein: so einfach, wie unsereins sich das vorstellt, ist das nun auch wieder nicht. Richtig übersetzt bedeutet „Shutdown“ nämlich einfach nur so etwas wie Schließung, Stilllegung oder auch Sendeschluss. Zugegeben: das macht die Sache nicht spannender.  


Shutdown“, Sie wissen schon: in Amerika konnten sich – wieder mal – Republikaner und Demokraten nicht einig werden. Über den Haushalt. Also: wenn hier bei uns CDU und SPD etwas zu nah beieinander sind, dann sind aber dort Republikaner und Demokraten ein Stückchen zu weit auseinander. Jedenfalls müsste sich eigentlich Obama, Präsident und Demokrat, mit den Republikanern auf den Haushalt einigen; denn die haben im Kongress die Mehrheit. Allerdings verlangen die, dass Obama seine Gesundheitsreform („Obamacare“) zurückzieht oder zumindest „entschärft“. Die Einführung einer gesetzlichen Krankenversicherung ist in deren Augen nämlich schlimmer als Kommunismus und Faschismus zusammengenommen.  


Das jedoch findet der Präsident nicht, und vom Rest der Story haben Sie gewiss schon gehört: die Vereinigten Staaten stehen ohne Haushalt da. Das wiederum heißt: der Staat darf nichts mehr ausgeben, weshalb er seine Diener fast ausnahmslos nach Hause geschickt hat. Die Behörden sind geschlossen, shutdown eben. Nicht einmal die Freiheitsstatue steht Touristen zur Verfügung. Eine Katastrophe! So weit, so unerfreulich. Es sei denn, Sie sind gerade gar nicht in Amerika. Dann sagen Sie sich natürlich: „Alles sehr schade.“ Und fragen sich jetzt: „Aber was geht mich das an?“ Das ist verständlich, und weil Sie bis hierhin so tapfer durchgehalten haben, steht Ihnen eine absolut ehrliche Antwort zu. Sie lautet: „Nichts.“ Dieses Palaver muss Sie nicht kümmern!  


Noch nicht. Aber ich will Sie nicht nervös machen. Deshalb füge ich hinzu: wahrscheinlich muss Sie der ganze Ami-Shutdown auch künftig nicht interessieren. Parteienhickhack – und dann auch noch auf der anderen Seite des großen Teichs! Absolut uninteressant. Am Ende sind sich auch da die Politiker doch wieder einig, und kein Mensch weiß mehr, wie lange die Bibliotheken in Amiland geschlossen waren. Wahrscheinlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei denen etwas anbrennt, ist nach Ansicht der meisten Fachleute jedenfalls nicht sehr hoch. Sollten sich die US-Politiker wider Erwarten aber doch nicht einig werden, bis Mitte nächster Woche... - ich will Sie aber wirklich nicht nervös machen.  


Ein Restrisiko bleibt natürlich immer. Die Größe eines Risikos berechnet sich nach dem Produkt aus den Faktoren Wahrscheinlichkeit und Folgen. Die Wahrscheinlichkeit ist, wie gesagt, nicht sehr hoch. Die Folgen aber – oder meinen Sie, ich wolle Sie mit irgendeinem Scheiß belästigen?! - dafür umso mehr. Noch wichtiger als der Haushalt ist jetzt erst einmal die Schuldenobergrenze. Sie muss bis zum 17. Oktober erhöht werden, sonst schlittern die USA in die Zahlungsunfähigkeit. Und deren Folgen wären... - aber ich will Sie nicht nervös machen. Na ja, sicher: sie wären schlimmer als die Finanzkrise 2008/09. Die Kreditmärkte würden einfrieren, der Dollar würde in den Keller und die Zinsen in den Himmel schießen.  


Passiert aber nicht. Wahrscheinlich nicht. Wäre, würde, könnte – jetzt nicht die Nerven verlieren! Hätte, hätte, Fahrradkette. Der John Boehner zum Beispiel, das ist der republikanische Mehrheitsführer im Kongress, der würde die USA niemals gegen die Wand fahren (lassen). Das hat er selbst gesagt, der Boehner. Der kebbelt sich jetzt noch ein paar Tage mit dem Obama – just for show, versteht sich. Und dann ist gut, fertig. Das ist nämlich ein ganz vernünftiger Kerl, dieser John Boehner. Insofern sehe ich da eigentlich kein großes Problem. Vorausgesetzt selbstverständlich, dass Boehner sich durchsetzen kann. Logisch. Nicht gegen den Obama, Quatsch, sondern gegen die Leute von der Tea Party.  


Nun gut, darin sehen die politischen Beobachter schon ein Problem. In der Tea Party. Viele republikanische Abgeordnete und Senatoren hatten nämlich im Wahlkreis nicht nur hoch und heilig geschworen, sondern zu allem Überfluss auch noch unterschrieben, dass sie niemals eine „weitere“ steuerliche Belastung oder gar die Obamacare passieren ließen. Lokal denken, global handeln – die Tea Party zieht diese Devise kompromisslos durch. Boehner hat Obama in der Hand; ihn wiederum hat aber die Tea Party in der Hand. Jetzt heißt es wirklich: nur nicht die Nerven verlieren! Obama spekuliert darauf, dass die Republikaner kurz vor dem Staatsbankrott noch zurückzucken werden. Genaueres, aber so ist das nun einmal, weiß man erst hinterher. Es wird hart gepokert.  


Ein Senator von der Tea Party hat jetzt öffentlich erklärt, dass das Erreichen der Schuldenobergrenze so schlimm nun auch wieder nicht wäre. Dann würde man eben die Ausgaben „priorisieren“. Ab 17. Oktober wären dann aber die Vereinigten Staaten nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu bezahlen. Ab November hätte das US-Finanzministerium überhaupt keine Geldreserven mehr, ab Mitte November könnten die Staatsanleihen nicht mehr bedient werden, das internationale Finanzsystem fiele in sich zusammen. Aber ruhig Blut! Diese katastrophalen Auswirkungen einer Zahlungsunfähigkeit treten nur dann ein, wenn man sich in Washington nicht einigt. Eigentlich müssen die sich aber einigen. Irgendwie wird es schon gut gehen. Drüben in Amerika.  


Werner Jurga, 07.10.2013






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