Ankündigungsplakat (Ausschnitt)




Am Tag danach

Wenn die Tabus gefallen sind


Sonntag, 6. Oktober 2013. „Wer auf die Straße geht, sollte klar benennen, was konkret getan werden soll, bzw. was konkret zu unterlassen ist. Allein das Fehlen auch nur einer solchen Forderung ist suspekt genug“, schrieb ich einem Bekannten im Vorfeld der Kundgebung „Wir sind Rheinhausen“ gestern auf dem Hochemmericher Markt. „Suspekt“ ist mittlerweile gar nichts mehr...  


Gestern hat sie nämlich stattgefunden, die Demo der Deutschhasser, ganz wie geplant. Und, vermutlich ebenfalls ganz wie geplant, “verurteilte Organisator Achterath die rechten Äußerungen, da so eine Ausuferung `nicht in seinem Sinne sei´.“ Logisch, denn eigentlich – so die erklärte Absicht der demonstrierenden besorgten Bürger, wolle man nichts anderes als – Originalton Achterath - „zusammen für ein friedliches Rheinhausen einstehen." Doch, so die Rheinische Post, “trotz dieses Vorhabens wurde eine Teilnehmerin, die per Mikrophon auf die schlechten Lebensbedingungen von Rumänen und Bulgaren aufmerksam machen wollte, heftig ausgepfiffen. `Diese Menschen kommen nicht freiwillig, sondern suchen ein besseres Leben´, sagte die Duisburgerin.“  


Nun gut, so schlau sind die Deutschhasser allerdings auch. Darum ging es hier aber nicht. Ausnahmsweise ging es nämlich einmal nicht um die Zugewanderten, sondern um Menschen, wenn man so will, wie Du und ich. Leute wie zum Beispiel wie Steffi, die auf Facebook in aller Unschuld, wenngleich schon ein wenig zickig, zu bedenken gibt: "Man kann keinem verbieten, an so einer Demo teilzunehmen, und ob die drei, die `dem Staatsschutz bekannt sind´, auch den Organisatoren als Nazis bekannt sind, keine Ahnung, es wurden Ordner gesucht, es gab nicht viele. Darauf aber auf die Demo an sich zu schließen, allen Teilnehmer 'das' zu unterstellen, ist nicht richtig!" Genau, Steffi, so war das nämlich. Zwei Tage vor der Demo ist Euch aufgefallen, dass zu wenige Ordner gemeldet sind. Na ja, und dann war es halt eilig.  


Profilbild der Gruppe auf Facebook


"Keine Ahnung, es wurden Ordner gesucht“, und besorgte Bürger sind eben nicht der Staatsschutz, und von den Klamotten auf den Charakter zu schließen, wäre fast so primitiv, wie von einem auf alle Rückschlüsse zu ziehen. Außer vielleicht bei diesen „Neubürgern“, bei denen weiß man es nicht so genau. Die kennt man ja nicht so. Den Uwe wiederum, den kennt man. Und der ist schon mal kein Nazi! War aber auch Ordner auf der Demo. Uwe, der Lehrer, steht von Hause aus eher etwas links. Uwe sagt: “Natürlich muss da ein Machtwort gesprochen werden und Grenzen gesetzt.“ Und, damit keine Missverständnisse aufkommen, ergänzt Uwe: „Aber unter Neubürgern.” Uwe fand meinen „Artikel über die Demo auf dem Hochemmericher Markt eine ziemliche Unverfrorenheit“.  


Du qualifizierst Menschen“, beschied mir Uwe, “die Planer der Demo, aufgrund ihrer Rechtschreibung ab, scheinbar ohne deren Intention zu kennen, unterstellst ihnen rechte Tendenzen...“, was in der Tat meine Absicht gewesen ist. Allerdings: das mit der Orthographie... - „Ironie geht nie“, mahnte mich des öfteren ein erfahrener Journalist. Aber ich kann ja auch nicht hören! Die Quittung: sogar ein Herr Doktor nahm diesen Artikel zum Anlass, mich als einen Pseudointellektuellen zu bezeichnen. Klare Sache: Strafe muss sein! Wiedergutmachung allerdings auch. Deshalb antwortete ich dem Uwe: „Jemanden zu verspotten etwa wegen einer Rechtschreibschwäche... - ich weiß gar nicht, was man dazu sagen soll! Es gehört sich nicht, man macht sowas nicht, es ist unerhört, Basta! Müssen wir uns wirklich darüber unterhalten?!“  


Damit wir es nicht mussten, ging ich meinem Hang zur epischen Breite nach und erläuterte, warum ich es trotzdem getan hatte: „Es ist doch genau dieses öffentliche Sich-über-andere-Menschen-Erheben, dieses Diffamieren einer ganzen Menschengruppe als minderwertig, dieses öffentliche Bloßstellen und Ausgrenzen von Anderen, vermeintlich nicht so toll Geratenen, was ich den Planern dieser unsäglichen `Demonstration´ am Samstag vorwerfe. Form und Inhalt meines Artikels sind mit Bedacht aufeinander abgestimmt.“ Sieht so echte Reue aus?! Nun ja. „Anders ausgedrückt: ich werfe kleinen Scheißern nicht vor, kleine Scheißer zu sein. Ich werfe ihnen vor, vermeintlich noch kleineren Scheißern vorzuwerfen, noch kleinere Scheißer zu sein. Ich werfe ihnen Inhumanität vor, auf gut Deutsch: Unmenschlichkeit.“  


Lieber Werner“, antwortete Uwe, “ich kann deine Argumentation verstehen, nachvollziehen und denke im Wesentlichen ganz genauso. Allerdings irrst du im Kern der Sache. Die Intention der Demo und auch der Initiatoren ist, eben nicht zu diffamieren oder sich zu erheben über andere.“ Nun gut, „die Gedanken sind frei“, wusste nicht erst ein großer deutscher Dichter, und ein nicht ganz so großer philosophierte anderthalb Jahrhunderte später: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“ Dabei rausgekommen ist zum Beispiel die Dame mit dem Herz für Roma, über die die Rheinische Post berichtet, und die, wie anfangs angesprochen, gnadenlos ausgebuht wurde. Ganz im Gegensatz etwa zu der 28-jährigen Rednerin, die der xtranews-Redaktion zufolge von “Scheiß Bulgaren” sprach, Applaus bekam und zu Ende reden konnte.  


Am 5. Oktober auf dem Hochemmericher Markt


Allerdings ermittelt jetzt, wie die WAZ schreibt, der Staatsschutz „wegen des Verdachts der volks-verhetzenden Beleidigung“ gegen sie. Ob sie es war, von der Thomas Meiser ganz angetan berichtet? „Rheinhauser Markt. Samstag Nachmittag. Die Mutter brüllt. Sie brüllt verdächtig rechts. Sie brüllt ins Mikrofon.“ Ansonsten, so Meiser weiter: „Der alte Reim von Müll und Dreck und von der Angst vor Fremden. Er bricht sich hier mit Schmackes Bahn.“ Er zählt „400 Rheinhauser Empörte“, die RP sichtet „rund 250 verärgerte Bürger“, während sich laut WAZ „vielleicht 100, maximal 150 Protestler versammelt“ hatten. Wie dem auch sei: noch (!) haben viele nicht nur Angst vor Fremden, sondern auch davor, sich zur Fremdenfeindlichkeit öffentlich zu bekennen.  


Andere dagegen haben mittlerweile diesbezüglich jedes Schamgefühl abgelegt. „In Bergheim beklatschen mehrfach Gruppen von Anwohnern, die sich unter die Gegendemonstranten gemischt hatten – und welche teilweise vorher schon an der `Wir sind Rheinhausen´-Kundgebung teilgenommen hatten -, die Redner von pro-NRW“, berichtet die xtranews-Redaktion. Dies ist weder der Rheinischen Post entgangen - „Die Reden und Parolen der Rechtspopulisten blieben derweil nicht gänzlich unbeachtet. Immer wieder bekamen die `proNRW´-Protestler Applaus aus den Reihen der Anwohner“, in Rheinhausen, wohlbemerkt – noch der WAZ: „Protest gegen Pro NRW - Anwohner in Duisburg applaudieren Rechtspopulisten: Etliche Anwohner applaudieren den Rechtspopulisten und skandieren lauthals deren Parolen mit.“  


So schreibt es die WAZ. Allerdings, auch dies muss fairerweise gesagt werden: in Neumühl muss es schlimmer gewesen sein als in Rheinhausen. Dort skandierten laut xtranews „Dutzende Personen unter anderem Parolen wie `Kein Asyl in Neumühl´ und übertrafen die Redner von PRO NRW in Sachen Radikalität deutlich.“ Hier, in Rheinhausen, wird dagegen strikt getrennt. Zusammen skandiert mit den Rechtsradikalen wird – geschützt von der Satudarah-Rockerjugend – nach der eigenen Kundgebung. Inoffiziell, versteht sich. „Nach Auflösung der Demonstration gegen 16.30 Uhr“, so die WAZ, kündigte Achterath an, mit Kundgebungen dieser Art fortzufahren, `bis Lösungsvorschläge gemacht würden.´ Er selber konnte an diesem Nachmittag keine benennen." Schreibt die WAZ.  


Uwe hatte mir geschrieben, die Demoplaner hätten „persönliche kriminelle Angriffe, auch welche auf ihre Familien und Kinder, hinnehmen müssen, und deshalb aus dem Geheimen planen müssen“, dennoch aber „keine Opferrolle angenommen“. Ich hatte mich zuvor über solch Opfergehabe beklagt, meinte damit aber nicht derartige Storys aus dem Untergrund, sondern schlicht die nicht zu bestreitenden Belästigungen der unmittelbaren Anwohner durch die in einem Hochhaus zusammen gepferchten Einwanderer. Durch solche Räuberpistolen wird die Sache wahrlich nicht besser; denn, so schrieb ich Uwe: „Das Problem liegt auf der Hand: „`Opfer´ neigen dazu, Widerstandsrechte zu beanspruchen.“  


Werner Jurga, 06.10.2013




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