Werner A. Perger



Deutscher Rechtsextremismus
Wehret der Normalität

Wilhelm Heitmeyer, Sozialwissenschaftler und Direktor des „Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung“ an der Bielefelder Universität, warnt seit 20 Jahren vor der wachsenden Gewaltbereitschaft junger Nazis... Die beiden folgenden Textauszüge entstammen einem Artikel von Werner A. Perger in der März-Ausgabe des Cicero 2012.


„Sinus-Studie“

Wahljahr 1980: Das Meinungsforschungsinstitut Sinus hat im Auftrag des Bonner Kanzleramts untersucht, wie groß das rechtsextremistische Potenzial in der Bundesrepublik Deutschland ist. Konservative Medien und die christlich-demokratische Opposition fanden allein schon die Themenstellung und den Aufwand (7000 Befragte) skandalös, ganz zu schweigen von dem „unmöglichen“ Ergebnis: Über 13 Prozent der westdeutschen Bevölkerung, so der später als „Sinus-Studie“ in die Geschichte eingegangene Bericht der Meinungsforscher, verfügten über ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“, das im Wesentlichen als autoritär, nationalistisch, fremdenfeindlich, antisemitisch und pronazistisch definiert wurde. Und nicht nur das: Darüber hinaus befürworte die Hälfte dieser Gruppe Gewalt als Mittel zur Durchsetzung dieses Weltbilds. Die Botschaft der Studie war klar: Der braune Bodensatz ist eine latente Gefahr.


Wilhelm Heitmeyer


„Gewaltförmige Desintegration“ 

Desintegration und Integration: die Schlüsselthemen, um die sich alles dreht. Gesellschaftliche Kernfragen, die nicht darauf reduzierbar sind, wie man die Migranten zu verfassungstreuen Mitbürgern macht. Was die Gesellschaft spaltet – Ungerechtigkeit, Misstrauen und Angst – und was sie zusammenhält – Gerechtigkeit, Vertrauen und Anerkennung –, ist das Zukunftsthema schlechthin. Für Heitmeyer entscheidet sich hier, ob die moderne Gesellschaft

• insgesamt die Perspektive eines sich ausbreitenden „autoritären Kapitalismus“ und die fortschreitende „Demokratieentleerung“ vermeiden kann,

• den „schleichenden Prozess“ der Entsolidarisierung und Ökonomisierung der Lebensverhältnisse zu stoppen und

• ihre „gewaltförmige Desintegration“ zu verhindern vermag.




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