"Wachrütteln, um wieder ein liebenswertes Rheinhausen zu schaffen

Deutschhasser und Deutschenhasser


Donnerstag, 3. Oktober 2013. Ich habe das Wort am Wochenende auf einem Plakat gesehen. Keine Ahnung, ob es das in echt gibt. Das Plakat, meine ich natürlich, nicht das Wort. Denn das habe ich ja in echt gesehen – auf diesem Plakat, wie gesagt, das auf jeden Fall im Internet kursiert. Bei Facebook und so. Insofern: auch schon ziemlich echt. Ob es nun auch auf echte Pappe gedruckt wurde oder nicht. Absolut echt ist jedenfalls dieses Wort: „Deutschhasser“.


Deutschhasser“, so sollte man meinen, wären Leute, die gewisse Aversionen gegen die deutsche Sprache hegen. Die in der Schule lieber Mathe, Religion und vielleicht sogar Englisch gebüffelt hatten, denen aber der Deutschunterricht schwer im Magen gelegen hatte, die also Deutsch nun wirklich gehasst hatten, haben und immer noch hassen. Deutschhasser eben. Es gibt keinerlei Legitimation dafür, auf diese Leute hochnäsig herabzublicken.


Manchen liegt halt Mathe nicht so, Andere kommen mit Englisch nicht klar, und die „Deutschhasser“ haben nun einmal Last mit dem Deutschen. Null Problemo, wir haben alle unsere Schwächen. Und überhaupt: ich finde Abgrenzung nach unten so ziemlich das Letzte. Das Allerletzte! Menschen zu denunzieren, die nicht so viel gelernt haben, nicht so viel lernen konnten oder durften wie man selbst, ist primitiv bis zum Gehtnichtmehr. Kurz gesagt: das tut man nicht!


Deutschhasser“, so lesen wir auf diesem Plakat oder was das sein soll, seien „Versager“. „Sie gehören abgeschafft, damit Deutschland eine Chance bekommt, zu überleben“, lesen wir dort geschrieben. Nun gut, das Komma vor „zu überleben“ ist falsch, weil nur vor einem erweiterten Infinitiv ein Komma zu setzen ist, nicht aber vor einem einfachen Infinitiv. Das ist aber nicht weiter schlimm. Eine Kleinigkeit. Kleine Fehler macht ja wohl jeder.



Finden auch die besorgten Bürger Rheinhausens gut: Rechte Sprüche im Internet


So sieht es aus, dieses Plakat oder was das sein soll, in seiner ganzen Schönheit. Je länger man drüber nachdenkt, desto mehr bekommt man den Verdacht, nicht die „Deutschhasser“ seien gemeint, wenn es heißt, sie gehörten abgeschafft, sondern die „Deutschenhasser“. Das wäre schon ein gewisser Unterschied. Keine Kleinigkeit. Ehrlich gesagt: ein riesengroßer Unterschied! Denn man kann über die Deutschhasser sagen, was man will. Deutschenhasser sind es jedenfalls nicht!


Dies darf als allgemeine Gesetzmäßigkeit gelten. Ich möchte diesen Sachverhalt konkret belegen anhand eines Aufrufs zu einer Demonstration, die übermorgen in Rheinhausen stattfinden soll. Nein, nicht die Demonstration der rechtsradikalen Splitterpartei pro-NRW, die wieder einmal direkt vor dem von Roma bewohnten Hochhaus geplant ist. Vielmehr geht es um eine Demonstration, die etwa zur gleichen Zeit auf dem Hochemmericher Markt stattfinden soll.


Aufgerufen zu dieser Demonstration haben, eigenen Angaben zufolge, “besorgte Bürger“, auf den ersten Blick erkennbar als Deutschhasser der härtesten Sorte. Sehen Sie sich den Text dieser Petition an, die auch als Demo-Aufruf für diesen Samstag fungiert! „Der Staat garantiert für die Sicherheit der Bevölkerung.“ Okay, die Präposition „für“ gehört da nicht hin; doch ansonsten ist die Aufgabe des Staates korrekt beschrieben. Kleingeschrieben am Satzanfang folgt eine rhetorische Frage – mit einem Kommafehler, wie gesagt: eine Kleinigkeit.


Doch dann … - der Satz der Sätze! Sozusagen die Mutter aller Sätze: „Wir erleben Dinge, die sich mit den Meldungen in Presse/Rundfunk teilweise Deckeln.“ Tja, so sieht es aus. Erlebnisse aus erster Hand, die sich mit den Medienberichten teilweise Deckeln. Und diesen Leuten dürfen Sie Glauben schenken; denn: „Wir sind keine Wutbürger, Nationalen oder Linke.“ Letzteres will auch niemand unterstellen; nur: was sind diese Leute denn dann? „wir sind leidtragende“. Aha. „leidtragende“ klein geschrieben.


Schließlich handelt es sich ja auch um kleine Leute. „leidtragende einer vernachlässigten Politik“, die vermutlich nicht annehmen, dass „die Politik“ vernachlässigt werde, sondern dass es „die Politik“ sei, die sie vernachlässige. Nun kommt man im gesamten Demo-Aufruf nicht so recht dahinter, wofür oder wogegen das Fußvolk eigentlich zu demonstrieren gedenkt. Immerhin: „Wir gehen auf die Straße für all diejenigen, die Angst haben anonym diffamiert zu werden, ob auf der Arbeit, bei der Familie oder gar bei den Freunden.“


Hochanständige Menschen! Setzen sich ein für Verfolgte, sozusagen politisch Verfolgte, für Menschen, die allerorten anonym diffamiert werden, wobei nicht ganz klar, aber doch anzunehmen ist, dass die Diffamierer anonym und die Diffamierten bekannt sind. Damit dieser erschreckende Missstand nicht überhand nimmt, gelten für mich hier die beiden folgenden Regeln: erstens diffamiere ich nicht anonym, sondern denunziere unter Angabe meines Namens die Rädelsführer dieser Machenschaften, ohne - zweitens - deren Namen zu nennen.



Plakat zur Demonstration am 5. Oktober 2013 (Ausschnitt)


Das Plakat zur Demo am Samstag. Schwer zu sagen, ob der abgebildete Typ exemplarisch für die angesprochene Zielgruppe stehen soll. Egal, immerhin ist der kurze Text auf dem Plakat zur Abwechslung einmal nicht von einem Deutschhasser verfasst worden. Und selbstredend wird nicht gegen eine Minderheit demonstriert. Man ist ja schließlich nicht pro-NRW. Deshalb wird in aller Schläue formuliert: „Wir rufen auf zu einer Demonstration gegen die Duisburger Behörden...“


Bürger demonstrieren gegen „Behörden“. Es liest sich wie ein Musterbeispiel gelebter Demokratie. Dagegen lässt sich beim besten Willen nichts einwenden. Damit aber die ins Auge gefasste Zielgruppe ohne große Worte mitbekommt, wogegen es eigentlich geht, wird auf dem Demo-Plakat das Roma-Hochhaus abgebildet und im dazu gehörigen Text der Vorwurf gegen die „Behörden“ durch einen Relativsatz in die „richtige“ Richtung gelenkt: „welche untätig zusehen, wie Kriminalität und Vermüllung in unserer Stadt die Ruhe der Bürger stört.“


Und wenn sich der „in friedlicher Gemeinschaft leben“ wollende Bürger in seiner Ruhe gestört fühlt, dann, ja dann muss er „allerdings auch ganz deutlich (sagen), dass Toleranz keine Einbahnstraße sein kann und darf“. Logisch. Doch schon im nächsten Satz zeigt sich „der Rheinhauser“ wieder von seiner „liebenswerten“ Seite: „Wir stehen für ein sicheres und beschauliches Rheinhausen, in dem alle Bürger - und vor allem unsere Kinder - wieder sicher leben können.“


Wie schön! Man denkt an „alle“ Bürger und natürlich zuallererst an die Kinder. Die Frage ist jetzt, was könnten die „Behörden“ eigentlich tun, damit die armen Kinderchen „wieder sicher leben können“? Jedem Arierkindchen einen Schutzmann mit auf den Schulweg zu schicken, dürfte ja wohl kaum möglich sein. Bleibt also nur, die ganze Zigeunerbrut, die fortwährend nach Leib und Leben der kleinen blonden Blauäugigen trachtet, wieder achtkantig rauszuschmeißen.


Das hat mit Rassismus nichts, aber auch rein gar nichts zu tun. Und Politiker und Deutschhasser, oder sagen wir mal: Deutschenhasser, die sowas unterstellen, gehören „abgeschafft“. Aber das hatte ich Ihnen ja schon am Anfang dieses Artikels erzählt. Das stand ja auf dem Plakat, das ich zufälligerweise im Internet entdeckt hatte. Na ja, nicht ganz so zufällig. Ich habe es auf der Facebook-Seite der Propagandistin der samstäglichen „Bürgerdemo“ entdeckt.


Also: bei der Gattin des für Demoplakat und die Flyer presserechtlich Verantwortlichen. Der gefällt dieser engagierte Beitrag gegen die „Heuchler, Versager, Ignoranten, Egoisten und Speichellecker. Vermutlich so Leute wie ich. Sie wissen schon: „Sie gehören abgeschafft, damit Deutschland eine Chance bekommt, zu überleben.“ Ach ja, und wie gesagt: dieser Kommafehler fällt überhaupt nicht ins Gewicht. Eine Kleinigkeit. Und: kleine Fehler macht ja wohl jeder.


Werner Jurga, 03.10.2013





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