Aus der Disco nach Deutschland:
Hätten Sie es auch `ne Nummer kleiner?

Sonntag, 2. Dezember 2012. Können Sie sich noch, wenn ich einmal fragen darf, an Ilja Richter erinnern? Ich meine, für den Fall, dass auch Sie schon ein paar Semester auf dem Buckel haben. Ja, Ilja Richter! Nein, nicht Ilja´s Richter… - die kennt ja jeder. Die Duisburger Band meines Bergheimer Nachbarn Stefan Werner. Hier im Bild, der Zweite von rechts, das ist Stefan. Ja echt, nicht etwa der Rea Garvey. Aber da können Sie einmal sehen, wie jung er doch geblieben ist, der Stefan. That´s Rock´n´Roll! Der Ilja Richter, also der echte…- der hatte ja letzte Woche runden Geburtstag. 60 ist er geworden. Eigentlich wollte ich ja ein paar Worte zu seinem Geburtstag schreiben; aber man kommt ja zu nichts…

Nur ganz kurz – für diejenigen, die wegen ihres reichlich spät stattgefundenen Geburtstages nicht (mehr) dazu gekommen sind mitzubekommen, worum es sich handelt. Also der Stefan, der Dr. Stefan Werner, der hatte seine Band nicht zuletzt deshalb Ilja´s Richter genannt, weil der Ilja Richter, also der echte, damals, also in den 70er Jahren, und zwar während der gesamten 70er Jahre, im ZDF diese Hammersendung gemacht hatte: Disco. „Das Außergewöhnliche an der Sendung war, dass Interpreten völlig unterschiedlicher Musikrichtungen (Schlager, Pop, Rock) nacheinander auftraten“, schreibt Wikipedia. Und dem Stefan, dem gefiel die eine Musikrichtung mehr, die andere weniger.

Stefans Band nahm selbstredend nur die Titel ins Programm, die eher mehr zu gefallen wussten. Also Rock und so. Und so wurde die Gruppe unversehens – kleines Wortspiel - zu Ilja´s Richter. Also: Deep Purple und so etwas kamen rein ins Programm, Lieder von Marianne Rosenberg mussten draußen bleiben. Sogar ihr Hammerhit „Er gehört zu mir“, der Ilja´s Richter also offensichtlich nicht so sehr gefallen hat wie etwa dem Ilja Richter, also dem echten. Der übrigens – dies sei am Rande bemerkt – nicht schwul ist, was zum Beispiel daran deutlich wird, dass ihm das Lied „Er gehört zu mir“ von 1975 dermaßen gut gefallen haben muss, dass er die folgenden drei Jahre mit ihr liiert gewesen war.

Eine Band, zwei Programme: Ilja´s Richter / Taste of Purple - Bilder: http://home.arcor.de/danawausd/


Marianne Rosenberg, um auch dies hier am Rande zu bemerken, ist übrigens keine Jüdin, wie wegen ihres Namens mitunter angenommen wird, sondern eine Sintiza. Ihr Vater ist ein Auschwitz-Überlebender; das heißt, um genau zu sein: „Otto Rosenberg überlebte nicht nur Auschwitz, er überlebte ferner Buchenwald, Dora und Bergen-Belsen“ (Wikipedia). Die meisten der Familie – Ottos Opa, Mutter, Schwestern – sind umgekommen. Wie es um Ilja Richters Biographie bestellt ist, mögen Sie ansatzweise dem satirischen Buch „Der deutsche Jude“ entnehmen, das Ilja gemeinsam mit seiner Mutter verfasst hat. Es ist, so der Untertitel, eine „Bibliothek der deutschen Werte“. Sehr amüsant ist auch Richters Parabel über den 2006 erschossenen „Problembär“, Titel: „Bruno – von Bären und Menschen“. Vor allem für Kinder, vor allem als Hörbuch.


Ilja Richter in "disco" (ZDF-Screenshot)

„Als Sohn eines Kommunisten, der im KZ gesessen hat", erklärte Ilja Richter Anfang Januar 1987, habe er eingesehen, dass er sich aus der Politik nicht heraushalten könne und deshalb „mehr einbringen" wolle. So schrieb es damals der Spiegel, und deshalb – die Jüngeren werden staunen – klingelte Richter eines Abends an der Tür der Bundesgeschäftsstelle – damals noch in Bonn; Achtung: der Grünen. Tja, wie soll ich das jetzt erklären? Der Spiegel hatte es damals, aber da war es auch wesentlich einfacher, so versucht: „Vereint träumen…“ die Grünen – und „vereint“ bedeutete damals wie heute (?): „… Realpolitiker und Fundamentalisten…“ Und was glauben Sie wohl, wovon alle Grünen dereinst vereint geträumt haben könnten?!

Halten Sie sich fest! Wirklich wahr, echt passiert, genau so stand es im Spiegel: „…von einer anderen grünen Republik: Freiheit und Sozialismus.“ Heftig, nicht wahr?! Vor allem dieses „und“. Zumal wenn man bedenkt, dass es 1987 noch nicht allzu lange zurück lag, dass die CSU statt dieses „und“ mit einem „oder“ in den Bundestagswahlkampf gezogen war, dem die CDU nach reiflicher Überlegung mit einem „statt“ folgte. Das hatte gewirkt; „Zeichen dieser Wirkung“, schreibt Wikipedia, „war die Zustimmung zum Ziel `Verhindern, dass kommunistische Einflüsse in Europa vordringen´ während des Wahlkampfes von 51 % auf 59 % zunahm. 46 zu 15 % der Wähler sahen in dieser Frage eine höhere Kompetenz der Union gegenüber der SPD.“

Zugegeben, das war 1976. Doch an der politischen Atmosphäre hatte sich in den folgenden zehn Jahren nichts Grundlegendes geändert. Im Gegenteil: mittlerweile war Kohl damit seit fünf Jahren befasst zu „verhindern, dass kommunistische Einflüsse in Europa vordringen“. Sein Kompetenzvorsprung gegenüber den Sozen war evident. Nur noch drei Jahre bis zur „Wende“… Das war die Atmosphäre, in der Ilja Richter die Chuzpe besaß, damit zu prahlen, „Sohn eines Kommunisten“ zu sein. Und bei den Grünen an der Tür klingelte, die damals von Freiheit und Sozialismus träumten. Ob es vor 25 Jahren „eine andere Zeit“ war? Ja und Nein; die Grünen waren jedenfalls anders und Andere.

Da war der Thomas Ebermann Vorsitzender, sorry: Sprecher der Bundestagsfraktion. Und sein Freund und Genosse Rainer Trampert Bundesvorstandssprecher der Grünen. Drei Jahre später, also 1990, hatten diese beiden „apokalyptischen Reiter“, wie Joschka Fischer sie  einst genannt hatte, ihren Austritt aus der Partei erklärt. Den letzten Rest hatte wohl die grüne Bundestagsfraktion gegeben, als sie am 9. November 1989 im Bundestag die Nationalhymne mit schmetterte. Fairerweise muss hier angemerkt werden, dass sich die Grünen erst mit einer gewissen Verzögerung von ihren Sitzen erhoben hatten. Sie sehen dies auf dem Video – die Träumer von Freiheit und Sozialismus schon damals in der Mitte des Hohen Hauses platziert.

Sehr hübsch auch die Kommentare unter dem Video auf YouTube. Es geht los mit „Ich könnte heulen, wenn ich dieses Video sehe“. Wer verstünde das nicht?! Ich weiß freilich nicht, ob Ebermann und Trampert damals geheult hatten, erinnere mich allerdings noch gut daran, dass sie in diesen Tagen und Wochen – sozusagen als abschreckende Beispiele – oft ins Fernsehen gebracht wurden, wo sie keine Gelegenheit ausließen zu betonen, dass ihnen danach zumute gewesen sei. Damit hatten sie ihre Schuldigkeit getan, und es hatte ein Ende mit ihrer TV-Präsenz. Ich jedenfalls hatte damals nicht geheult; Kunststück: ich war (und bin) ja auch kein Grüner. Und dass Sozialdemokraten keine vaterlandslosen Gesellen sind,… klar.


Jungle World Nr. 48, 29. November 2012

Ebermann und Trampert allerdings schon. Fast schon sagenumwoben Ebermanns Linksdefinition: „Links sein heißt kein Vaterland haben, nicht um einen nationalen Standort in der Welt rangeln, sondern denen, die in diesem System das Sagen haben, die Pest an den Hals zu wünschen“ (zit. nach Spiegel Online). Rums, das hatte gesessen. Freund Trampert publiziert nach wie vor tüchtig in der Jungle World. Eine linke Wochenzeitung sei sie, sagen sie von sich selbst. Antideutsch sei sie, sagen die Anderen. Wie dem auch sei: mir will einfach nicht einleuchten, warum es Leute gibt, die ausgerechnet etwas gegen Deutschland einzuwenden haben. Nun gut, die jüngere Geschichte. Aber sonst? Andere sind doch auch keinen Deut besser.

Außerdem ist es doch unser Land, dieses Deutschland, „weil andere Vaterländer“, worauf der große Degenhardt zu Recht hinwies, „auch nur Vaterländer sind“. Und noch schlimmer wird die ganze Blut-und-Boden-Brühe, wenn dann plötzlich (?) auch noch das viel gepriesene Vaterland zu groß ist. „Völker, hört die Signale“ heißt die aktuelle Ausgabe der Jungle World. Es geht in diesem Heft um den „Separatismus und Nationalismus in Europa“. Rainer Trampert hat das Editorial geschrieben. Separatismus - ein Phänomen, das wir kaum zur Kenntnis nehmen (wollen?), warum auch immer. Es wird doch in den Medien über diese Volksabstimmungen berichtet: in Katalonien, in Schottland. Die Flamen machen ihre Fortschritte, Flandern von Belgien zu trennen.

Okay, nicht ganz so sympathisch; dagegen die Korsen – dieser schwarze Kopf mit dem weißen Stirnband. Das hat was: es lebe das freie Korsika! Ich meine: so eine gewisse Heimatverbundenheit. Oder sprechen wir lieber von der Vision eines Europas der Regionen! Das kann man echt wieder machen. Früher war doch auch nicht alles besser. Dieser stupide Antikommunismus der 70er Jahre. Gleichzeitig lief im Fernsehen Disco: Licht aus, Spot an! Sogar um 20:15 Uhr, zur Hauptsendezeit. Ein vaterlandsloses Zeug der Musikindustrie. Heutzutage dagegen: die Hitparade der Volksmusik. Heimatmelodien aus Südtirol oder von Gottweißwoher. Freuen wir uns also über das Supertalent! Kapitalismus pur, Hautfarbe egal. Wir werden uns noch sehnsüchtig erinnern.

Werner Jurga, 02.12.2012




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