Anmerkungen zu Kevin Zdiara:
„Robbes Schweigen“ („Die Achse des Guten“, 27.08.2011)

Montag, 29. August. Nicht erst seit ihrer ungewöhnlich unruhig verlaufenen Bundeskonferenz im letzten Jahr ist zu beobachten, dass es in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) – sagen wir einmal so: durchaus unterschiedliche Vorstellungen darüber gibt, wie hierzulande eine Politik der Solidarität mit Israel aussehen sollte. Auf der „Achse des Guten“ erhebt am 27.08.2011 ein örtlicher Funktionsträger schwere Vorwürfe gegen das DIG-Präsidium. Dazu einige Anmerkungen hier:

Kevin allein in New York

Es geschieht in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Manhattan wartet ängstlich und angespannt auf Irene, die sich die südliche Ostküste entlang ganz langsam mit einer unglaublichen Zerstörungskraft auf den Big Apple zubewegt. Kevin Zdiara (Erfurt) berichtet live aus New York. „Selbst hartgesottene Revolutionäre lässt dieser Sturm nicht unberührt“, was nicht weiter ausgeführt wird, so dass wir annehmen müssen, dass es sich hier um einen Selbstverweis des Autors handelt. Zumal: Kevin ist nicht unberührt. Klar, in dieser Aufregung: „Am faszinierendsten ist aber die Ruhe, die sich langsam über Lower Manhattan legt.“ Gepostet am 28.08.2011 um 07:23 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit. Es muss so um Mitternacht gewesen sein, als diese Zeile in Zdiaras Tasten das Licht der Welt erblickt und die Ruhe sich langsam über Lower Manhattan gelegt hatte. Faszinierend.


Filmplakat 1992

Ruhe in New York City, das ist so etwas Ähnliches wie Heavy Metal in Wacken, diesem holsteinischen Kuhdorf in der Wilstermarsch. „Außer dem monotonen Brummen der Klimaanlagen hört man nur den Regen, der so langsam einsetzt.“ So könnte es in Wacken sein, wenn dort mal gerade kein Rockfestival abgeht. So war es auf jeden Fall in Manhattan last Weekend at Midnight. Und Kevin Zdiara mittendrin. Kevin allein in New York. Und Kevin ist tapfer: „Dass dies wirklich der schlimmste Hurrikan seit 1985 werden soll, kann man nicht glauben und ich glaube es auch nicht.“ Zdiara ist hartgesotten. Obwohl: was, wenn dieser Irene wirklich kaum beizukommen ist?! Man darf gar nicht drüber nachdenken! Es passiert ja auch immer so viel. Schnell noch die letzten beiden Wörter in die Tasten gekloppt: „Noch nicht.“

Kevin Zdiara, ein Nachwuchswissenschaftler aus Thüringen, arbeitet gegenwärtig an einer Promotion über den amerikanisch-jüdischen Philosophen Horace Kallen. Er ist ein Freund Amerikas, des Judentums und – darauf kommt es hier besonders an – des Staates Israel. Deshalb ist Kevin Mitglied geworden in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), und zwar ein sehr aktives Mitglied. Und so hat er es auch schon jetzt in seiner Heimatstadt Erfurt bis zum stellvertretenden DIG-Vorsitzenden gebracht. Da hat er sein Standbein, wichtig so etwas. Doch richtig zur Geltung kommt Zdiara freilich erst mit seinem Spielbein. Mit dem fummelt er nämlich in der Jugendorganisation der Deutsch-Israelischen Gesellschaft herum – „Junges Forum“, wie die Jungen sagen; „Jugendforum“, wie die Alten einfach nicht aufhören zu singen.

Klar, dass es da dann auch schon einmal Zoff gibt. Das ist bei den Israelfreunden nicht anders als in jeder guten, deutschen Familie. Die Jusos tanzen dem SPD-Kanzler auf der Nase herum, wenn der nicht augenblicklich gleich bei der Amtsübernahme den Sozialismus ausruft, nicht einmal den demokratischen. Oder wenn man das Gesicht dieses jungkonservativen Frontmans Mißfelder sieht, der zermürbt wirkt wegen der fehlenden christlichen Wertebindung der CDU, die immer noch nichts gegen die Verschwendung von Hüftgelenken an Scheintote unternommen hat! Die Jugend ist dann eben so, wie sie ist: einfach mal frei raus. Bei der DIG ist dies kein Stückchen anders.

Da ist beim Jugendforum der Kevin, der allein in New York selbst dann keine Angst zu kennen scheint, nachdem ihn der Wirbelwind schon unwiderruflich auf die Liste der legitimen Angriffsziele gesetzt hatte. Am anderen Ufer des großen Teiches weilt dabei Reinhold Robbe in der deutschen Heimat. Sie wissen: Robbe war von 2005 bis 2010 der allseits geachtete Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags. Seither ist er, was Sie möglicherweise noch nicht wussten, der Präsident dieser Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Doch es geht ja nicht allein um den Robbe; irgendwie sind die ja alle so: die Vizepräsidenten, das Präsidium, die Parlamentarier, … - alles Establishment. Leute eben, die sich, wie wir von Kevin Zdiara hören, „gerne mit Avi Primor ablichten lassen“. Leute, von denen „man“ – Kevin, zum letzten Mal: Du sollst nicht ständig „man“ sagen! Sag gefälligst „ich“! -, Leute von denen Herr Zdiara „nicht so recht weiß, was diese Gruppe überhaupt macht, als durch Steuermittel finanzierte Reisen in den Nahen Osten“.

Nun würde dies an und für sich unseren guten Kevin eigentlich nicht weiter stören, wenn es in der Welt der Reichen und Schönen in Wirklichkeit doch nur so ähnlich zugeht, wie man sich das im NPD-Bundesvorstand so vorstellt. Sollen all diese Wichtigtuer doch das vom deutschen Steuerzahler ehrlich erarbeitete Geld auf diesen Lustreisen verpulvern, soll doch „die Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit schweigen“, eigentlich wäre dies alles unserem Jugendforumsfrontman Zdiara so etwas von gleichgültig. Eigentlich. Aber jetzt ist nicht „eigentlich“. Jetzt ist der Spätsommer 2011, und Kevin, der Doktorand, sieht sonnenklar: die Situation ist da! Der Staat Israel wird bedroht. Und kein Mensch tut etwas, niemand traut sich, den Mund aufzumachen. Abgesehen von Kevin, versteht sich: „die Palästinenser wollen im September zum Großschlag gegen Israel ausholen“.

Bis jetzt hatten sich bekanntlich „die Palästinenser“ vor allem auf die Pflege der gutnachbarschaftlichen Beziehungen zu ihren jüdischen Cousins und Cousinen konzentriert. Dann aber immer wieder diese missgünstigen Kaffeekränzchen in Südafrika, die nichts Anderes im Sinne haben, als den Familienfrieden der semitischen Nachbarn zu stören. Durban 1, Durban 2 – seither sind diese Palästinenser irgendwie so aggressiv. Und jetzt kommt´s. Es wird zu Durban 3 eingeladen! Aber noch ist der Hurrikan Irene ja weit genug weg, denken sich diese Ignoranten. Noch legt sich die Ruhe langsam über Lower Manhattan. Als wenn man nicht ahnen könne, mit welcher Wucht dieser „Großschlag gegen Israel“ den geschundenen Judenstaat erwischen wird.

Wenn es ernst wird, kannst Du diese Sorte von Gojim abhaken. „Wieder einmal, denkt man“ – was habe ich denn gesagt, Kevin?! – „ fast ungläubig, muss der Zentralrat alleine die Aufgabe übernehmen, vor dem Israelhass auf der Bühne der internationalen Diplomatie zu warnen.“ Kevin allein in New York, der Zentralrat der Juden in Deutschland allein auf der Bühne der internationalen Diplomatie, … - das „kann man nicht glauben und ich glaube es auch nicht.“ Kein Entrinnen, die „Chronik der Enttäuschung“ schreibt sich wie von selbst weiter fort: hier ein „butterweicher Brief“, und da auch noch das: „Selbst standfeste Israelfreunde wie die Christen an der Seite Israels schweigen.“ Was für eine Welt! Kevin allein in der Flut. Warum hilft denn keiner? Warum tut denn niemand etwas? Nirgendwo ein Schindler, keine Spur von Bertold Beitz.

Nur einmal laut schreien: „Stopp Durban 3!“ Vielleicht könnte es mit dem ganzen Wirbel dann doch noch so ein relativ glimpfliches Ende nehmen wie mit der stürmischen Irene an der US-Ostküste. Aber die hatten sich auch sehr gut vorbereitet, die amerikanischen Freunde. Deshalb. So gar nichts tun, Israel einfach hängen lassen – das geht doch nicht! DIG-Präsident Robbe hatte ihm geantwortet, dass „eine unnötige Thematisierung und damit verbundene Aufwertung dieser in der Öffentlichkeit überhaupt nicht präsenten Veranstaltung auf jeden Fall vermieden werden [sollte].“ So etwas Bescheuertes; das musste der Kevin jetzt doch mal petzen. „Sicher“, so schlau ist der Herr Doktor in spe auch, „in Zeitungen und Zeitschriften würde man damit kein großes Gehör finden, auch die Politik …“ – sowieso alles Leute mit „Politikersprech“ – aber man muss doch wenigstens einmal etwas sagen! Meint Kevin Zdiara (Erfurt). Schon allein deshalb, damit die deutschen Juden nicht „allein auf der Bühne der internationalen Diplomatie“ stehen müssen. Denkt sich Kevin, allein in New York.

Wie lange muss der eigentlich noch dort bleiben, der arme Zdiara?! Big Apple, Bühne der internationalen Diplomatie, Broadway, … - Come home, Kevin! Erfurt. Kinderkanal.

Werner Jurga, 29.08.2011



P.S.: Weil es sich hier um einen Kommentar zu Zdiara-Veröffentlichungen auf der „Achse des Guten“ handeln, habe ich meinen Text selbstverständlich diesem Blog angeboten – „zu Ihrer freien Verfügung - Blog oder Papierkorb.“ Henryk M. Broder, der verantwortliche Redakteur, teilte mir seine Wahl recht zügig nach Durchsicht meines Manuskripts mit: „eindeutig das zweite“.