Cover der US-Zeitschrift "The Nation"


Überlegungen zum Begriff der

Nation


Donnerstag, 26. September 2013. Der folgende Beitrag ist im Rahmen einer Facebook-Diskussion über einen taz-Kommentar von Montag, den 23. September 2013, entstanden. Ulrike Herrmann problematisiert darin die Forderung der CSU nach einer „Maut für Ausländer“ sowie das gute Abschneiden der eurokritischen AfD und macht im Wahlkampf zur und im Ergebnis der Bundestagswahl eine „Nationalismusgefahr“ bzw. einen „neuen deutschen Chauvinismus“ aus. Folglich drehte sich die Diskussion um Abgrenzungskriterien zwischen Nationalismus und Patriotismus oder etwa um die Frage, wo ein Bekenntnis zur nationalen Identität aufhört und nationalistische Verblendung anfängt. Meinen Facebook-Beitrag habe ich für dieses Blog geringfügig überarbeitet. 


Nationalismus, Patriotismus oder auch Vaterlandsliebe genannt ist nichts Anderes als das sehnsüchtige Überkompensieren von Minderwertigkeitskomplexen der einzelnen Kreatur, die ständig mit ihrer eigenen Ohnmacht konfrontiert ist. Der warm ums Herz wird, wenn sie sich in das "Gemeinschaftsgefühl" eines großen Kollektivs hinein phantasieren kann. In allen Nationen droht latent die Gefahr von Nationalismus, eben weil eine emotionale Bindung an die Nation (in unserer Epoche) sozusagen „das Natürlichste der Welt“ ist. Denn es ist die Nation, genauer: der Nationalstaat, der uns einzelne Schwächlinge vor der „feindlichen Welt“ schützt.  


Wirtschaft hin, Wirtschaft her – die Ökonomie ist erst im nächsten Schritt der Beachtung wert. Zunächst einmal ist es das staatliche Gewaltmonopol, das den Einzelnen ein gewisses (hierzulande recht hohes) Maß an Sicherheit bietet. Das staatliche Gewaltmonopol beansprucht, wie es der Name schon sagt: der Staat. Und der wiederum ist in unserer Epoche (noch) ein Nationalstaat. Dass in Deutschland die Polizei den Bundesländern zugeordnet ist, soll hier mal nichts zur Sache tun. Wie könnte ich aber, der sich in dieser Welt letztlich auf nichts und niemanden verlassen kann – außer auf den staatlichen Gewaltapparat, dieser letztlich einzigen Schutzinstanz völlig emotionslos gegenüberstehen?!  


Nun ist es ein bisschen blöd, sich in diverse Gewaltapparate zu verlieben. Deshalb tun wir so, als liebten wir nicht die reale Gewalt (Staat), sondern eine dahinter stehende – also ziemlich gute – Idee: die Nation. Sie, die Nation, ist deutlich sympathischer als Komissköppe, Bullen, Spione, Staatsanwälte und wie die ganzen Unsymps alle heißen. Die Nation, das sind „alle, die so sind wie wir“ (Jürgen Marcus), das sind Lieder und die Landesfarben, unsere Muttersprache und die Bundesliga, “Wetten, dass“ und all die Prominenten. Und vieles Andere mehr. Alles, was so eine Nation ausmacht. Die können wir mögen, müssen wir aber nicht.  


Den ganzen staatlichen (also: nationalen) Gewaltapparat hingegen müssen wir mögen, ob wir wollen oder nicht. Wir sagen es aber lieber nicht. Trotzdem: er ist der Einzige, der immer und unter allen Umständen zu uns hält, was immer auch sei. Also so eine Art Gott. Nicht so ganz durchschaubar, man sieht ihn nie so ganz, immer nur so kleine Einzelteile. Aber es gibt ihn. Er ist für uns da. Er schützt uns. Er sorgt sogar dafür, dass wenn uns der Blinddarm juckt, im Krankenhaus alles ordentlich über die Bühne geht. Wie gesagt, irgendwie ist es schon der Staat, der dahinter steckt. Auch hinter dem Mietrecht. Sogar hinter Hartz IV, das zwar „weg muss“, wobei dann allerdings... - doch das muss eigentlich gar nicht mehr erwähnt werden.  


Über Selbstverständlichkeiten braucht man nicht zu reden. Muss ich etwa dem Staat dafür „dankbar“ sein?! Der „Staat“ - das sind doch die, die immer nur zusehen, dass ich möglichst wenig bekomme, möglichst viel bezahlen muss. Ob Hartz-IV-Empfänger oder Besserverdiener – ständig hat man nichts als Ärger mit dem „Staat“. Dass das überhaupt alles so einigermaßen funktioniert, liegt nämlich nicht am Staat, sondern daran, dass wir so sind, wie wir sind. Wir, die „so Geborenen“. Wir sind so, von Geburt an. Es ist unsere Herkunft. Wir sind so geboren. Da haben wir den Begriff der „Nation“.  


Auf diese Weise erklärt, freilich eine fixe Idee – und dazu noch eine nicht einmal besonders intelligente. Die Idee, dass der Staat kein organisierter Gewaltapparat sei, sondern ein nebulöses Zusammenwirken „aller, die so sind wie wir“. Doch es gibt sie auch tatsächlich, die Nation. Ganz real. Sie ist irgendwann im Laufe der Geschichte geworden und hat dann als Nation die weitere Geschichte zurückgelegt. Und mit der nationalen Geschichte untrennbar verknüpft sind die nationalen Erinnerungen, Erfahrungen, Traumata etc. pp.: ein nationales Gedächtnis, das freilich auf die in die jeweilige Nation hineingeborenen Menschen wirkt.  


Deshalb ist es m.E. nicht nur zulässig, von einem „Nationalcharakter“ zu sprechen, sondern auch zwingend, dass sich der nationale Charakter in den Individuen mehr oder weniger, stärker oder schwächer, auf die ein oder andere Art und Weise im Charakter des Individuums widerspiegelt. Schließlich kann auch niemand davon absehen, ob er Mann oder Frau ist, vom Lande oder aus der Stadt kommt, einer „prekären Familie“ oder „geordneten Verhältnissen“ entstammt. Die nationale Zugehörigkeit ist jedenfalls, wegen des Machtanspruchs, den der nationale Staat im selbst gesteckten Rahmen beansprucht und durchsetzt, alles andere als eine Kleinigkeit.  


Die Nation ist, anders formuliert, die Gesamtheit des gesellschaftlichen Überbaus, der nur durch internationales Denken und Handeln zu entkommen ist. In gewissen Grenzen, versteht sich.  


Werner Jurga, 26.09.2013








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