Anmerkungen zu einigen Aspekten des
Bundestagswahl-Ergebnisses - Teil 1:

Umfragen und Wirklichkeit


Dienstag, 24. September 2013. Das Bundestagswahl-Ergebnis liegt vor. Die Kommentare dazu sind geschrieben und gelesen, so dass ich darauf verzichte, einen weiteren hinzuzufügen. Ich beschränke mich auf Anmerkungen zu einigen Aspekten. Sie sind recht willkürlich ausgewählt, doch scheinen sie mir in den meisten Kommentaren zu gering gewichtet zu sein oder auch falsch beurteilt zu werden.  


So wird bspw. vielfach behauptet, die Meinungsforschungsinstitute hätten mit ihren Wahlprognosen ein Fiasko erlitten. Bei dem Wahlergebnis habe es sich um eine Überraschung gehandelt, mitunter gar um eine „große Überraschung“, woraus messerscharf geschlussfolgert wird, dass die Meinungsforschung kräftig daneben gelegen habe. Falsch!  


Richtig ist vielmehr: bei den Vorhersagen für SPD, Linke und Piraten landeten die Institute richtige Volltreffer. Auch das AfD-Ergebnis wurde im Grunde korrekt prognostiziert. Im Schnitt hatten die Institute 4%, eins hatte 5%, es wurden dann 4,7%. Die FDP wurde dagegen etwas zu hoch veranschlagt. Allerdings: wenn für die FDP 5% gemessen werden, sagt dies nichts darüber aus, ob die unvermeidlichen zwei oder drei Zehntel Abweichungen nach oben oder nach unten gehen.


Liest man jedoch „5%“, entsteht der irreführende Eindruck, dass das Überwinden der Sperrklausel prognostiziert wäre. Richtig ist, dass einige Institute zuletzt 6% angegeben hatten. Falsch, keine Frage. Eine Abweichung von 1,2 Prozentpunkten. Unterschätzt wurde die CDU, überschätzt die Grünen. Abweichungen von anderthalb (Grüne) bzw. zweieinhalb (Union) Prozentpunkten. Vielleicht ist es noch in den letzten drei Tagen für die Union nach oben und für die Grünen nach unten gegangen. Reine Spekulation?  


Zwischenfazit: bei drei Parteien (SPD, Linke, Piraten) landeten die Institute punktgenau, bei zwei (FDP, AfD) knapp daneben, bei zwei weiteren (CDU/CSU, Grüne) etwas weiter, aber auch nicht desaströs daneben. An dieser Stelle könnte eingewandt werden – um diese Differenziertheit hat sich meines Wissens jedoch niemand bemüht – es könnte aber eingewandt werden, dass die Abweichungen der Prognosen vom tatsächlichen Ergebnis zwar rechnerisch nur gering seien, politisch aber umso mehr daneben lägen.  


Daran wäre richtig, dass die Stimmenmehrheit für Schwarz-Gelb wegen des Scheiterns der FDP an der 5%-Hürde sich nicht in eine politische Mehrheit im Bundestag niederschlägt. Nur: die meisten Institute hatten wie gesagt die FDP mit der Prognose von 5% auf der Kippe. Und selbst wenn von einem Einzug der FDP in den Bundestag ausgegangen wurde, hatte in den Prognosen mal Schwarz-Gelb die Nase vorn, mal Rot-Grün. Deshalb würde auch dieser Vorwurf ins Leere zielen.  


Das politische Resultat der Bundestagswahl, nämlich dass die Union entweder mit der SPD oder mit den Grünen koalieren wird, ist keine Überraschung, schon gar keine „große Überraschung“. Es ist genau das, wovon die Institute, aber auch die Medien, die jetzt die Institute verreißen, seit Wochen und Monaten ausgehen. Ja, eine Bestätigung der schwarz-gelben Koalition im Amt wäre die Alternative gewesen. Dazu fehlten der FDP am Ende 0,2 Prozentpunkte.  


Daraus ein „Fiasko“ für die Meinungsforschung zu konstruieren, geht grob an der Sache vorbei. Nun steht es jedem frei, überrascht zu sein. Wer jedoch in Kenntnis der Wahlprognosen in den Wahlabend ging, konnte nicht groß überrascht sein. Es gab zwei offene Fragen. Erstens: schafft Schwarz-Gelb die absolute Mehrheit? Zweitens: schafft die FDP die 5%-Hürde? Wobei klar war, dass ein Nein auf Frage Zwei ein Nein auf Frage Eins nach sich ziehen würde.  


Überraschend war dann allerdings, dass die Union vor einer absoluten Mehrheit stand und sie schließlich nur knapp verfehlte. Nur: dass 42% oder 43% für eine absolute Mehrheit gereicht hätten, liegt schlicht daran, dass sowohl FDP als auch AfD nur knapp an der 5%-Hürde gescheitert sind. Noch weitere Kleinstparteien hinzugezählt, sind mehr als 10% der Wählerstimmen diesmal nicht im Bundestag repräsentiert.  


CDU und CSU kamen am Ende auf 41,5% - ein Wert, den man unter normalen Umständen nicht mit der absoluten Mehrheit in Verbindung brächte. Es ist auch nichts draus geworden. Die nächste Bundesregierung wird schwarz-rot oder schwarz-grün. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis wir Bescheid wissen. Alles keine Überraschung. Die Institute waren nämlich ganz gut.  


Werner Jurga, 24.09.2013




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