Endlich Bundestagswahl!

Merkel-Nichtwähler


Sonntag, 22. September 2013. Also. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass es die Merkel noch einmal wird. Ich weiß auch nicht warum; es ist nur so ein Gefühl. Aber das kann ich Ihnen sagen - Wahlgeheimnis hin, Wahlgeheimnis her: ich habe sie nicht gewählt. Aber ich war gerade wählen! Doch die Merkel habe ich nicht gewählt. So! Ich bin die nämlich leid. Allein schon ihre Jacken... - echt: ich kann die nicht mehr sehen. Außerdem: die ist doch schon... - wie heißt es? -...richtig: Bundeskanzlerin seit eh und je. Also echt: ich bin sie leid. Ich meine: es könnte jetzt auch mal jemand Anderes ran. Aber trotzdem: ich werde, wie gesagt, irgendwie das Gefühl nicht los, dass sie es noch einmal packt, die Merkel. Schon wieder.  


Deshalb bin ich ja auch hingegangen. Zur Wahl. Damit die nicht schon wieder... - nee, echt nicht. Keine Angst! Ich erzähle Ihnen natürlich nicht, was ich gewählt habe. Oder wen. Erstens geht Sie das nichts an, wen oder was ich gewählt habe. Und zweitens will ich nicht in Verdacht geraten, Wahlpropaganda zu machen. Also ich - nun wirklich nicht. Ich stimme nämlich mit überhaupt keiner Partei 100%ig überein. Darum wollte ich dieses Mal eigentlich überhaupt nicht hingehen. Nichtwähler, verstehen Sie? Nichtwähler sind nämlich im Moment voll im Trend. Immer mehr Leute bekennen sich auch öffentlich dazu. Prominente, sogar Philosophen und so. So dass ich ernsthaft in Erwägung gezogen hatte, mich dieser modernen Volksbewegung anzuschließen.  


Dann aber hatte ich mir überlegt, dass ich mit dieser ausgefuchsten Strategie die Merkel auch nicht wegbekomme. Konsequenterweise habe ich daraufhin meine Position noch einmal überdacht. Also: nicht etwa ein Dach drüber gebaut, sondern nur ein wenig geändert. Meine Position - verstehen Sie. “Modifiziert” nennt man so etwas in Fachkreisen. Konkret: ich bin zwar Nichtwähler geblieben, so ganz im allgemeinen. Aber im besonderen habe ich meinen Standpunkt geschärft und mich ins Lager der Merkel-Nichtwähler eingereiht. Warum hatte ich Ihnen bereits erzählt. Bleibt also nur noch die Frage: wie? Und ich sage Ihnen: diese Frage ist berechtigt! Nur allzu berechtigt. Mehr als berechtigt. Achtung! Jetzt wird es kompliziert.  


Wie gesagt: als Merkel-Nichtwähler ist es mit Nichtwählen allein ja nicht getan. Im Gegenteil: man muss sogar hingehen und irgendwo seine beiden Kreuze machen. Als Merkel-Nichtwähler muss man - so absurd ist dieses Wahlsystem! - selbst als Nichtwähler Wählen gehen. Kompliziert, aber wahr. Bestimmt Absicht! Doch es wird noch komplizierter. Denn es bleibt ja noch die Frage: wo muss der Merkel-Nichtwähler sein Kreuz machen? Genauer: seine beiden Kreuze? Ein erster Hinweis liefert ein großes Wahlplakat. Darauf ist die Bundeskanzlerin abgebildet – wieder mit so einem Sakko – und die klare Ansage: „Beide Stimmen für die CDU“. Alles klar. Die CDU also schon mal nicht!  


Die FDP auch nicht. Denn die hat ein Poster mit dem Brüderle – ja, der mit dem Dirndl - wo er mitteilt: „FDP-Stimme ist Merkel-Stimme“. Alles klar, hatte ich mir gedacht: die FDP also auch nicht. Das fand ich insofern ein bisschen schade, weil die FDP doch gegenwärtig wieder mal in Not ist. Existenzkampf! Alles oder Nichts. Es geht um Alles. Um Himmels Willen, hatte ich mir gedacht: Fair geht vor. Diesmal muss ich die FDP retten, vielleicht rettet dann beim nächsten Mal die FDP mich. Leistung und Gegenleistung. Keine Schulden, Steuern runter und Alles. Eigentlich war die Kiste klar; dann kommt der Brüderle an und sagt: „FDP-Stimme ist Merkel-Stimme.“ Was jetzt?  


Die Merkel hat zwar inzwischen mitgeteilt, dies stimme überhaupt nicht. Sie bliebe dabei, wer sie weiter wolle, müsse mit beiden Stimmen CDU wählen. Das schien mir auch irgendwie logisch, weil die Merkel ja in der CDU ist. Aber: die ist nicht nur in der CDU, die ist auch durchtrieben. Ich weiß nicht: ich glaube dieser Frau nichts mehr. Und was den Brüderle betrifft, fällt mir ein Spruch meiner Oma ein: „Kinder und Besoffene sagen die Wahrheit“, hatte sie mir eingetrichtert. Da muss also schon irgendetwas dran sein. „FDP-Stimme ist Merkel-Stimme.“ Es tut mir also sehr leid – wegen der Existenzkrise und so. Aber ich konnte die FDP nicht wählen. Denn Sie wissen ja: ich kann die Merkel nicht mehr sehen.  


Immerhin: wir sind schon mal einen ganzen Schritt weiter. Die CDU nicht, die FDP nicht... - das Rätsel ist noch nicht gelöst. Aber die Zahl der Lösungsmöglichkeiten hat sich deutlich vermindert. Es bleiben jetzt ja nur noch die Roten und die Grünen. Sicher, kompliziert genug. Als Nichtwähler bleibt man einfach zu Hause und gut ist. Als Merkel-Nichtwähler... - ich kann Ihnen sagen. Da sind Sie sozusagen automatisch ein taktischer Wähler. Keine Partei gefällt Ihnen so 100%ig; trotzdem müssen Sie eine ankreuzen. Oder zwei. Stimmensplitting – das ist jetzt aber wirklich zu kompliziert. Das lassen wir jetzt mal. Zumal ich gelesen habe, dass sich nach dem neuen Wahlrecht Stimmensplitting gar nicht mehr lohnt. Na also!  


Das ist ja klar: Wählen gehen muss sich schon lohnen, sonst könnte man es ja gleich lassen. Ein Wochenmagazin war deshalb auch so freundlich und hatte in leicht verständlicher Form („Fakten, Fakten, Fakten“) jedem Wähler ganz individuell die Möglichkeit gegeben auszurechnen, welche Partei sich für ihn am meisten lohne. Im Portemonnaie, versteht sich, oder auf dem Konto. Will sagen: wem es darum ging, für den war es auch nicht so kompliziert. Das Wählen. Sind Sie Mieter oder Vermieter? Zack, schon weiß man, wen oder was man wählen muss. Ich hingegen bin mehr so ein politischer Typ. Ich will die Merkel weg haben. Für mich hatte aber überhaupt kein Wochenmagazin mal einen Rat, wen oder was ich da hätte wählen müssen.  


Egal, ich hatte selbst nachgedacht. Klar, die Parteien, die nicht reinkommen, kamen auch nicht in Frage. Ein Kreuz bei denen wäre so etwas wie Nichtwählen. Mir jedoch ging es um modifiziertes Nichtwählen. Also nochmal: es konnten nur die Roten und die Grünen in Frage kommen. Mehr kann, will und darf ich Ihnen aber nun echt nicht verraten. Sonst wäre doch das Wahlgeheimnis gebrochen. Das geht nun aber wirklich nicht. Außerdem können Sie ruhig selbst mal ein bisschen ihren Kopf anstrengen! Wen oder was habe ich wohl gewählt, wenn ich Merkel nicht gewählt habe? Die Zeit läuft. Viel Erfolg! Na sicher: etwas Glück gehört dazu. So ist das in der Politik. Ist ja schließlich keine Mathematik.  


Werner Jurga, 22.09.2013




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