Spiegel-Titelblatt, heutige Ausgabe  


Der "Markt" – das unbekannte Wesen


Montag, 22. August 2011. Der "Markt" ist, der heutzutage üblichen Teilung des Wissenschaftssystems folgend, kein Phänomen der Natur, sondern des Sozialen. Insofern wirken in ihm auch keine Naturgesetze, sondern soziale Gesetzmäßigkeiten, ein Bündel aus meist weniger, selten relativ mehr belastbarer Weisheiten aus Ökonomie und anderer Sozialwissenschaften.

50 % der Wirtschaft, das weiß nun aber jeder, ist Psychologie, die nun ihrerseits wiederum zur einen Hälfte eine Sozialwissenschaft, zur anderen Hälfte jedoch eine Naturwissenschaft ist. Wie auch immer: wenn, was vorkommt, nun (fast) sämtliche Wirtschaftssubjekte irgendwie ausflippen, in einen Kauf- oder Verkaufsrausch verfallen, dann erhält das wirklich Züge einer Naturgewalt.

Das Naturgesetz ist der Anfang aller Dinge. Es bleibt jedoch die soziale Frage offen, warum mitunter plötzlich alle Leute ausflippen. Und warum sind in Fukushima die Brennstäbe aller Atomkraftwerke geschmolzen? Jedenfalls drängt sich auf, von einem recht engen (und dynamischen) Zusammenhang zwischen Naturgewalten und sozialen Gewalten auszugehen.


Screenshot: aus einer Seite aus einem Lehrbuch



Die Einsicht, dass Vorstellungen von einer Naturgewalt die Sicht auf den „Markt“ eher vernebeln als aufklären, sollte nicht ins Missverständnis führen, dass hier (nicht nur überwiegend, sondern) ausschließlich soziale Kräfte wirkten – gar konkret benennbare Personen oder Personengruppen.

Der „Markt“ ist wie Wasser, segensreich wie vernichtend. Markt wie Wasser sind da. Man kann nicht drauf verzichten, man kann letztlich nicht dagegen ankommen. Gegen die Zerstörungskraft empfiehlt es sich, Dämme zu bauen oder so etwas. Sein schöpferisches Potenzial sollte über das unmittelbar Lebenswichtige hinaus optimal genutzt werden.

Über die Gewalt des Marktes nachzudenken, lohnt sich schon. Dazu muss man anstreben, sich Klarheit darüber zu verschaffen, was das eigentlich ist, der „Markt“. Dies setzt voraus, sich über die vernebelnde Sprache diesen Kameraden betreffend im Klaren zu werden. Diesem Anliegen hatte Gerd Herholz den 6. Teil seiner Serie „Mich mangeln die Wörter“ dem „nervösen Markt“ gewidmet.

Der Markt will nach oben, im Grunde eigentlich immer. Mal kann er, mal nicht. Der Dachs wird manches Mal auch erst am Abend so richtig munter. Keine Naturgewalten, aber eben auch nicht bloß eine sozialökonomische Marotte, die sich durch eine gesetzliche Anordnung für Herrn Ackermann, nicht so doof in die Kamera zu grinsen, einfach mal so eben aus der Welt schaffen ließe.

Die ungeheuerliche Kraft des „Marktes“ fußt auf den Naturgesetzen, den sozialen Gesetzmäßigkeiten und den politisch erlassenen Gesetzen – und zwar genau in dieser Priorität. Zwischen dem Recht Gottes und dem Recht des Königs (also den Naturgesetzen und dem EU-Krisengipfel) ist da eben noch die Einflusssphäre des Rechts dessen, den wir nicht so recht benannt bekommen (hier: soziale Gesetzmäßigkeiten).

Also der „Markt“. Aber das ist blöd. So können wir ja gar nicht über ihn reden. So kann „er“ doch gar kein Akteur sein. Es gibt Akteure auf dem Markt oder den Märkten (meistens Bösewichte). Aber der „Markt“ als Akteur? „Er“ muss also personifiziert werden und, weil die Disney-Studios auch so arbeiten, gern auch anthropomorphisiert. Man kann in Zeichentrickfilmen ja so viel lernen, weil die Welt plötzlich so einfach ist.

Und so wird der arme „Markt“, der ja irgendwie auch nichts dafür kann, auf einmal zu einer Person, einem Tier, eine Lokomotive oder sonst was. Wir können über „ihn“ reden, die putzigsten Vorstellungen von „ihm“ entwickeln, kurz: uns ein Bild von „ihm“ und ggf. weiterführende Gedanken über „ihn“ machen. Entsprechende Metaphern sind in ständig wachsender Vielzahl auf dem Markt.

Doch sie sind alle nicht realitätskongruent. Sie sind Phantasmen; irgendetwas ist da, aber das ist es nicht. Ein Teddybär ist ein Kamerad, ein Spielzeug ein Maskottchen und eine Pepsi-Cola-Puppe … - Der Markt jedenfalls ist ein Fetisch. Selbstredend ein real existierender. Und die Menschen können dank Personifizierung über ihn reden. Nur komisches Zeug, logisch; aber immerhin: man redet mal drüber.

Und was da alles für Sachen bei herauskommen! Stilblüten. Herrlich. Man sollte eine ganze Serie über die tollsten Sprüche zur Menschwerdung des „Marktes“ schreiben. Am Anfang käme sogleich der beste: „die unsichtbare Hand des Marktes“. Meine persönliche Nummer Eins. Dagegen ist der Markt, der will, aber nicht kann, und der ganze Käse vom Dachs, der müde oder wohlgelaunt oder sonst was sei, pillepalle. „Die unsichtbare Hand des Marktes“, damit geht es los! Im Grunde von vornherein kaum noch zu toppen. 

Werner Jurga, 22.08.2011