Vor dem Duell

Stichwörter: Glaubwürdigkeit. Machtperspektive


Sonntag, 1. September 2013. Heute Abend ist es endlich so weit. Heute Abend geht sie los: die mit Spannung erwartete heiße Phase des Wahlkampfs. Bisher – zugegeben – war er nicht ganz so spannend; aber heute Abend... - wie gesagt. Es steigt das Duell. Westernatmosphäre! Allerdings: wir leben nicht bzw. nicht mehr im Wilden Westen. Wir wissen: wenn Menschen zusammenleben, brauchen sie Regeln. Regel Nummer Eins: Wenn Ihr Streit habt, sollt Ihr Euch nicht schlagen (geschweige denn: Schießen), sondern diskutieren. Regel Nummer Zwei: wenn Menschen diskutieren, brauchen sie noch mehr Regeln. Und damit keine Missverständnisse darüber aufkommen, also während der Diskussion, die wir heute mal „Duell“ nennen, wie die Regeln im einzelnen lauten, hat man sie im Vorfeld aufgeschrieben. 


Merkel versus Steinbrück. Die taz hat sich schon einmal vom ordnungsgemäßen Stand der Dinge überzeugen dürfen: „Den äußeren Rahmen regelt ein gut zwei Seiten langer Vertrag: Die Aufstellung der Duellanten an jeweils einem Pult, die `sachliche Atmosphäre´ des Studios, die Antwortlängen von maximal 90 Sekunden und dass jeder Themenblock mit einer identischen Einstiegsfrage für beide beginnt, bei deren Beantwortung sie nicht unterbrochen werden.“ Das ist fair und vor allem: leicht verständlich für Alle. Im Fußball zum Beispiel, die Regeländerung das passive Abseits betreffend, ich will wirklich niemandem Unrecht tun. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass hier einfach mehr Aufklärung vonnöten ist.  


Aber heute Abend das Fernsehduell: klar ist das alles, logisch – jeder muss das einsehen! Und - wer weiß? - danach könnte freilich der Wahlkampf eine entscheidende Wende nehmen. Der Turnaround von langweilig auf spannend, zum Beispiel. Oder, obgleich es da einen Zusammenhang gibt, wenn die SPD etwas Auftrieb bekäme und die CDU in einen Abwärtstrend geriete. Wenn es dann auch noch einen amerikanischen Militärschlag in Syrien gäbe... - so wie die Dinge liegen, müssten ihn Merkel und Westerwelle begrüßen, und die Opposition dürfte auf Distanz gehen. Abhängig von der jeweiligen Parteifarbe. Die Roten im Grunde dagegen, die ganz Roten ganz und gar dagegen, und die Grünen... - nun gut, bei denen läuft es gerade nicht ganz so gut. Das liegt aber auch an diesem Pädophilie-Mist aus den Gründerjahren.  


Jedenfalls: das Rennen ist völlig offen. „Da ist also noch einiges drin in diesem Wahlkampf“, schreibt auch der Tagesspiegel und verweist darauf, dass den Unionsparteien schon fast gesetzmäßig auf den letzten Metern die Puste auszugehen droht: „Darin haben die Christdemokraten inzwischen fast so etwas wie eine Tradition. Seit über 20 Jahren gab es keine Bundestagswahl, bei der CDU/CSU in den letzten Wochen noch hinzugewonnen hätten in der Wählergunst: Von nun an geht’s bergab.“ So, und wenn Sie sich jetzt einmal die aktuellen Umfragewerte ansehen, werden Sie feststellen: viel Luft hat Merkel nicht mehr. Sie liegt gerade einmal mit einem Prozentpunkt vor der Opposition. 46 % für Schwarz-Gelb, 45 % für Rot-Grün-Rot – der Vorsprung ist wirklich nur hauchdünn. So sähe es aus, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre:  



Durchschnittswerte; Quelle: 
wahlrecht.de


Aber heute ist keine Bundestagswahl; heute ist das TV-Duell. Und ganz abgesehen davon: ein Prozentpunkt Differenz: da muss ich gar nicht die chronische Schlussschwäche der Union bemühen, das liegt ganz eindeutig im Bereich der Fehlertoleranz. Ein Prozent. Lächerlich. Da soll sich die Merkel mal nicht zu früh freuen! Na sicher, dem Peer Steinbrück fehlen im Augenblick noch zehn Prozent. Genauer gesagt: mindestens zehn Prozent, eher so zwölf bis dreizehn Prozent. Denn er mag ja nicht mit den ganz Roten, sondern nur mit den Grünen koalieren. Gegenwärtig bringen SPD und Grüne jedoch gemeinsam nur 37 % auf die Waage. Da wären also in den verbleibenden drei Wochen noch 12 oder 13 Prozent gutzumachen. Keine leichte Aufgabe! Wie ich die Merkel kenne, spricht sie dies heute Abend an.  


Wir werden ja sehen. Bzw. hören. Ich habe das Zeug schon im Ohr: „Insgeheim wollen Sie doch mit den Linken“ oder „Ich bin in der DDR aufgewachsen; ich weiß, wie sich Kommunismus anfühlt“ oder so. Ob das der gut zwei Seiten lange Vertrag, der die Regeln für heute Abend festlegt, verbietet? Keine Ahnung; ich glaube es aber eher nicht. Und wenn schon: dann fragt Merkel eben einfach, von wem sich Steinbrück denn zum Kanzler wählen lassen wolle. Dann antwortet er „Ich will Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden“, weil dieser entschlossene Satz auf den Wahlkampfkundgebungen so gut ankommt. Und Wählen lassen wolle er sich von SPD und Grünen. Stichwörter: Glaubwürdigkeit. Machtperspektive. Merkel wird sagen, sie wolle am liebsten mit der FDP weiterregieren. Sonst Große Koalition. Oder Schwarz-Grün.  


Werner Jurga, 01.09.2013




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