Mimi Müller:

Brandsätze


Montag, 5. August 2013. Können Sie sich noch an Mimi Müller erinnern? Wenn nicht, versuche ich Ihnen auf die Sprünge zu helfen. Mimi Müller – der Name ist ein Pseudonym – war in den Nuller Jahren in Duisburg einigermaßen bekannt, weil allwöchentlich im kostenlos an alle Haushalte verteilten Anzeigenblatt “Wochen-Anzeiger” ihre Kolumne erschien, die sie im Ruhrpott-Deutsch verfasste und in der sie sich zu den kleinen Sorgen und Nöten des Alltags bis hin zur ganz großen Politik äußerte. Ihre besondere Aufmerksamkeit galt jedoch der Duisburger Kommunalpolitik.  


Im Jahr 2007 zog Mimi Müller aus familiären Gründen nach Hamburg. 2008 wurde ihre Kolumne im “Wochen-Anzeiger” eingestellt. Es wurde still um sie. Mimi Müller versuchte dem dadurch entgegen zu wirken, dass sie bei der Kommunalwahl 2009 als Oberbürgermeisterin kandidierte. Dieses Projekt endete allerdings in einem Fiasko. Spätestens seit Ende 2009 habe ich nichts mehr von Mimi Müller gehört.  


Bis vor ein paar Tagen. Mein Artikel „Fußvolkes Futterneid“ ist auch bei xtranews erschienen, wo sich Mimi Müller mit Kommentaren zu Wort gemeldet hat. Der Artikel hat ihr nicht gefallen, was vorkommen kann. Auch dass sie ihre Kritik in der Sache mit Kritik an meiner Person vermengt und sich dabei nach Kräften bemüht, mich abzuwerten, wäre nicht der Rede wert. Bemerkenswert ist allerdings, dass Frau Müllers Angriffe nicht allein mir, sondern auch den Zuwanderern im mittlerweile bundesweit bekannten Hochhaus in den Peschen gelten.  


Grübeln Sie noch darüber nach“, fragt mich Mimi Müller sogleich in ihrem ersten Kommentar, „wie es kommen konnte, dass gerade einige Fahrräder des `futterneidischen Fußvolkes´ im `Problemhaus´ sicher gestellt und `Neuradler´ als Diebe identifiziert wurden?“ Nein, darüber hatte ich nicht gegrübelt. Ich wollte gerade darüber nachdenken, ob es eigentlich das Wort „Nachgrübeln“ gibt, da blieb ich auch schon am nächsten Satz der Literatin hängen: „Während es gleichzeitig dort `Fahrräder satt´ zwar nicht vom Himmel, aber von den Balkonen regnete?“  


Zum Kotzen! Dem armen Fußvolk wird das letzte Fahrrad geklaut, während die diebischen Zigeuner mittlerweile „Fahrräder satt“ haben. Nein, leider keine böswillige oder einem Missverständnis geschuldete Fehlinterpretation. Mimi Müller ist wirklich beim, wie es in diesen Kreisen heißt, „gesunden Menschenverstand“ angekommen. Sie weiß: „Es ist doch grundsätzlich nicht hinnehmbar, dass das gesamte Umfeld zugemüllt und zugeschissen wird, es ist auch nicht hinnehmbar, wenn man keine Nachtruhe mehr findet.“  


Die Mimi Müller. Ohropax kennt sie nicht; aber was grundsätzlich hinnehmbar ist und was nicht, da weiß sie Bescheid. Und wenn sie dann noch ganz diskret ein „doch“ vor das grundsätzlich nicht Hinnehmbare setzt, die Dichterin, auf dass daraus das liebliche „Es ist doch grundsätzlich nicht hinnehmbar“ werde, dann ahnt man, dass es sich bei dieser Art von „gesunden Menschenverstand“ um ein Volksempfinden handeln könnte, das vielleicht doch (!) nicht ganz so gesund ist.  


Gesund oder krank – das ist hier die Frage! Die von mir in „Fußvolkes Futterneid“ zitierte Leserbriefschreiberin namens Marita hat rundweg alle, die den Roma helfen, für krank erklärt. Diejenigen, die den Artikel bei xtranews kommentierten, haben sich damit begnügt, bei mir eine Krankheit zu diagnostizieren. Mimi Müller dagegen ist gesund. Kerngesund sozusagen. Das war nicht immer so. Im Februar 2008 zum Beispiel, da ist ihr Angst und Bange geworden.  


Da hatte sie noch gelitten. Unter der im Lande grassierenden Fremdenfeindlichkeit. „Integration ist schwer. Immer“, hatte sie uns erklärt. „Hier wird soviel Blödsinn geredet“, hatte sie geschrieben, „hier fallen so viele dumme Brandsätze, wird unbedacht nachgeplappert, was verantwortungslose Medien ausspucken“. Und was sie sonst noch so alles erzählt hatte, damals – sehen Sie unten. Es ist lange her. Mehr als fünf Jahre. Mimi Müller ist mittlerweile gesund.   


Werner Jurga, 05.08.2013




Integration is schwer. Immer

aus: “Wochen-Anzeiger” vom 13.02.2008


Ich versuch mich allem irgendwie anzupassen, versuch unauffällich mich einzureihen, in datt hiesige Treiben, abber ich fall trotzdem immer irgendwie auf. Weil ich nich weiß, watt Wurzeln sind, weil ich Kochwürste brate, KöPi trink, Fisch nich ess. Und vor lauter Anpassung, die scheinbar zu nix führt, verschwindesse selbs abber immer mehr. Bisse dich mehr kennz. Bisse nich Fisch nich Fleisch. Integration is schwer. Immer.




Hier fallen so viele dumme Brandsätze

aus: “Wochen-Anzeiger” vom 20.02.2008

Ich hab Erfahrung dadrin, watt et heißt fremd zu sein, sich fremd zu fühlen. Ich kenn die Momente, in denen datt so unendlich schwer is. Ich weiß, wie datt is und wie datt weh tut, an Leib und Seele. Ich weiß, wie sich datt anfühlt, wenn man ganz langsam sich abwendet, innen, wenn man sich Hornhäute wachsen lässt, um die empfindlichen Stellen. Wie man aufhört offen zu sein, wie man anfängt, langsam und unmerklich abzulehnen, weil man sich nicht angenommen fühlt.

Wenn mein persönlicher Weech Sie zum Nachdenken gebracht hat, macht mich datt froh. Wenn Sie einen Fremden deswegen angelächelt ham, dann macht mich datt glücklich. Hier wird soviel Blödsinn geredet, hier fallen soviele dumme Brandsätze, wird unbedacht nachgeplappert, watt verantwortungslose Medien ausspuken, datt mir Angst und Bange wird.





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