Norbert Lammert (Foto: bundestag.de)


Braucht er einen Doktor?

Norbert Lammert


Mittwoch, 31. Juli 2013. Der Jäger: anonym. Verwendet das Pseudonym „Robert Schmidt“. Der Gejagte: Prof. Dr. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestags. Referenzen des Jägers: „Robert Schmidt“ hatte schon den Nachweis erbracht, dass Annette Schavan in ihrer Dissertation gegen die Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens verstoßen hatte, was schließlich zur Aberkennung ihres Doktortitels und zu ihrem Rücktritt als Ministerin führte. Referenzen des Gejagten: Norbert Lammert ist ein über die Parteigrenzen hinweg anerkannter und geschätzter Bundestagspräsident, der das Amt kompetent, konsequent, überparteilich und immer wieder auch mit einer guten Portion Humor ausübt.  


Dabei scheut sich Lammert nicht, für seine Auffassungen über die Zuständigkeiten bzw. die Regeln des Bundestags zu streiten. Und wenn er es für richtig hält, sowohl mit der Koalition als auch mit der Opposition. Gleichzeitig, versteht sich. So war es diesen Mai, als Lammert gestört hatte, dass die für die Umsetzung des Energiekonsenses geplante Expertengruppe beim Bundestag angesiedelt werden sollte. So war es im September 2011, als er Euro-Abweichlern aller Fraktionen abweichend vom üblichen Verfahren ein Rederecht im Bundestag eingeräumt hatte: „Lammert gegen Alle“ titelte die Süddeutsche Zeitung. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb genießt Lammert in allen Fraktionen großen Rückhalt.  


Das zeigt sich auch jetzt – zu Beginn seiner schwersten politischen Krise, die, wenn nicht alles täuscht, mit dem Ende seiner politischen Karriere enden dürfte. Der anonyme Plagiatsjäger, der schon Schavan zu Fall gebracht hatte, hat sich nunmehr Lammerts Doktorarbeit vorgeknöpft und die Ergebnisse seiner Ermittlungen auf der Webseite lammertplag veröffentlicht. Lammert selbst hat daraufhin die Ruhr-Uni Bochum gebeten, seine 1974 (!) eingereichte Dissertation "Lokale Organisationsstrukturen innerparteilicher Willensbildung - Fallstudie am Beispiel eines CDU-Kreisverbandes im Ruhrgebiet" zu überprüfen. Damit macht Lammert, findet Ernst Dieter Rossmann, der bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, “genau das Richtige“.  


"Herr Lammert lässt die Vorwürfe durch die Universität Bochum prüfen. Bis das Ergebnis vorliegt, sollten sich alle Beteiligten mit Kommentaren zurückhalten", so Rossmann weiter. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sagte, Lammert genieße seinen vollen Respekt. "Es gilt die Unschuldsvermutung. Ich warne davor, wieder in eine Kommentarlage zu verfallen, die die Reputation und Integrität des Bundestagspräsidenten beschädigen kann." Auch der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, rief zur Zurückhaltung auf. Erst müsse der Sachverhalt geklärt werden. Auch für Politiker gelte zunächst einmal die Unschuldsvermutung. "Wir sollten bei der Aufregung einen Gang zurückschalten."  


Die Bildungsexpertin der Linksfraktion, Petra Sitte, erklärte: "Die Arbeit ist von 1974. Und es hat sich einiges geändert in der Wissenschaft. Es ist fraglich, ob die Maßstäbe von damals auch heute gelten." Oder umgekehrt? Ob die Maßstäbe von heute auch damals schon galten? Schwer zu sagen. „Robert Schmidt“ ist es jedenfalls, wie er auf seinem lammertplag schreibt, “nicht gelungen, eine zur Zeit der Promotion des Verfassers gültige Promotionsordnung ausfindig zu machen“. Einige Regeln wissenschaftlichen Arbeitens dürften aber zweifellos auch schon „damals“ gegolten haben. Nicht etwa, "dass man die gesamte Literatur, die man in einer Arbeit verwendet, auch gelesen haben muss", was Volker Beck, wie er etwas giftig anmerkte, “neu wäre“.


Sie springen ihm engagiert zur Seite, die Bundestagsabgeordneten ihrem seit acht Jahren amtierenden Präsidenten. Norbert Lammert gehört der CDU an; deshalb beschränke ich mich hier auf drei Abgeordnete der Oppositionsfraktionen. Steinbrück hat freilich Recht: selbstverständlich gilt die Unschuldsvermutung. Und ebenso selbstverständlich muss nicht alles, was in der Literaturliste auftaucht, vollständig gelesen sein, wie Beck richtig ahnt. Und klar: „Die Universität Bochum prüft das jetzt. Und Punkt“ (Petra Sitte). Allein: „Robert Schmidt“ wäre ein Narr, würde er in seinem lammertplag schludern. Doch der anonyme „Netzaktivist“ ist kein Narr, sondern ein akribisch arbeitender Wissenschaftler. Welches Motiv ihn getrieben hat, wir wissen es nicht.  


Die von ihm verfolgte Absicht hat er jedenfalls sozusagen unmittelbar nach Veröffentlichung erreicht. O-Ton „Robert Schmidt“: „Zweck der Dokumentation ist es, sowohl die Universität Bochum als auch die allgemeine Öffentlichkeit anhand einer ausreichend großen Anzahl von exemplarischen Belegstellen über wissenschaftliches Fehlverhalten in der untersuchten Arbeit zu informieren. Ziel der Dokumentation ist es jedoch nicht, dieses möglichst vollständig zu erfassen, was mit einem hohen Zeitaufwand verbunden wäre. Ich habe daher die Untersuchung abgebrochen, nachdem ich die Marke von einem Drittel der Seiten des Hauptteils, die fragwürdige Passagen enthalten, überschritten habe.“  


Er hat, so zieht unser Anonymus Bilanz, “genug problematische Belegstellen gefunden, die eine umfassende offizielle Untersuchung der Arbeit rechtfertigen.“ „Robert Schmidt“ zieht das geradezu vernichtende Fazit: „An vielen Stellen der Arbeit wird eine gedankliche Eigenarbeit nur suggeriert." Man wird ihm zubilligen müssen, dass er sich ein Urteil gebildet hat. Gewiss bestand genau darin die Absicht und das Ziel dieses „Plagiatjägers“. Doch wer ein wenig auf lammertplag hin- und herklickt, rauf- und runterscrollt, wird nicht umhin kommen, die Vorwürfe gegen Lammert für massiv und gut belegt zu halten. Mit den Vorverurteilungen, worauf ich an anderer Stelle hingewiesen hatte, ist das ohnehin so eine Sache.  


Vorverurteilungen haben zu unterbleiben – jedenfalls so lange, bis die, denen ein Urteil zusteht, es gefällt haben. Denn dann ist eine Vorverurteilung keine Vorverurteilung mehr, sondern eine erwiesene Tatsache. Andererseits: man sieht auch vorher schon, was man sieht. Dass man sich irren kann, spielt hier keine besondere Rolle; denn Irren können sich Alle zu jedem Zeitpunkt. Auf lammertplag kann ich sehen, dass sich Norbert Lammert vor knapp vierzig Jahren vorgetäuscht hatte, eine wissenschaftliche Leistung erbracht zu haben, die er so eben nicht erbracht hatte. Dass dies, wenn ich es richtig sähe, inzwischen verjährt wäre, steht völlig außer Frage. Eine „Jugendsünde“, die nicht mehr bestraft werden darf!  


Die Frage, ob Lammert mit seiner Dissertation die für seine Promotion erforderliche Leistung nachgewiesen hatte, müssen Andere beantworten. Ich hätte gehofft, dass Alle, also auch Lammert selbst, mit Verweis auf das schwebende Verfahren schwiegen, und dass Lammert in der Woche nach der Bundestagswahl von sich aus seinen Doktortitel „zurückgäbe“. Um Schaden von der Politik, von der Wissenschaft und von sich selbst abzuwenden. Dass die CDU/CSU-Fraktion ihn abermals zum Bundestagspräsidenten vorschlüge und die anderen Fraktion, gutem parlamentarischen Brauch entsprechend, ihn auch wählen. Mit Lammerts Erklärung, er habe seine Dissertation „nach bestem Wissen und Gewissen“ angefertigt und damit „wissenschaftliche Qualität“ geliefert, hat sich diese Hoffnung erledigt.  


So steht zu befürchten, dass, auch wenn die gesamte parlamentarische Opposition hinter Lammert steht, ein weiteres Mal das hinlänglich bekannte sadistische Spielchen aufgeführt wird. Aus dem zu Recht hoch respektierten „zweiten Mann im Staate“ wird ein Gejagter. In die Enge getrieben verfällt er in die typischen Verhaltensmuster eines Beutetieres, wodurch die Jagdinstinkte der Meute nur noch angestachelt werden. Kluge Kommentatoren werden im Fernsehen sagen und in den Leitartikeln schreiben, dass Politiker nicht über den „eigentlichen“ Skandal stürzen, sondern über ihren Umgang mit dem Skandal. Der Union wird kaum etwas Anderes bleiben, als bis zur Wahl die Zähne zusammenzubeißen und Norbert Lammert danach ohne viel Aufhebens zu entsorgen. Das hat der Mann, auch wenn er es selbst schuld ist, nicht verdient.  


Werner Jurga, 31.07.2013





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