Foto: Kommatheater


Fußvolkes Futterneid



Sonntag, 28. Juli 2013. Wer wollte es den Zukurzgekommenen verdenken, wenn sie sich darüber beklagten, zu kurz gekommen zu sein?! Man muss nicht erst irgendeine x-beliebige Statistik über die Einkommens- oder Vermögensverteilung hierzulande heranziehen. Man weiß es auch so: „Leistungs-gesellschaft“ oder gar „Leistungsgerechtigkeit“ - alles ideologisches Gerede. Hier wird beschissen, bis dass die Schwarte kracht. Die Einen verdienen, die Anderen dienen, und diejenigen, denen nicht einmal die Ehre zuteil wird, dienen zu dürfen, machen auf dem Jobcenter einen Streifen mit, der sich gewaschen hat. Ja, es gibt sie, die Zukurzgekommenen, und es werden – trotz günstiger Wirtschaftsdaten – eher mehr als weniger. 
 


Doch sie beschweren sich nicht. Sie nehmen – und das macht sie im Grunde recht sympathisch – ihr Schicksal in aller Regel ziemlich klaglos hin. Umgekehrt kommt es immer mal vor, dass über einzelne Zukurzgekommene Geschichten erzählt werden, die dafür herhalten sollen zu zeigen, dass die uns alle allein deshalb auf der Tasche liegen, weil sie zu faul zum Arbeiten seien. Alle. Die Zukurzgekommenen bleiben ruhig. Besser nicht Auffallen. Denn man weiß: es geht nicht immer freundlich zu. Nicht im Fußvolk. Denn auch das Leben derjenigen, und das sind ja die meisten, die einen Job haben, ist ja nicht unbedingt immer das reine Zuckerschlecken. Zehn Jahre lang ist unterm Strich nicht ein Euro hinzugekommen.  


Dabei möchte man sich doch auch mal etwas leisten können. Ewig diese Schufterei, trotzdem ständig diese Rechnerei! Doch was soll man sich beschweren?! Das bringt ja doch nichts. Und vor allem: bei wem? Also: bei wem sollte man sich beschweren? Und: worüber eigentlich? Also: über wen? Es ist, wie es ist. Unsereins kann sowieso nichts machen. Besser nicht Auffallen. Das Fußvolk ist nicht blöd. Es ist realistisch. Und es hat Würde. Die Zukurzgekommenen wollen sich nicht auch noch von denjenigen, die nicht zu kurz gekommen sind, vorhalten lassen, ja doch nur die Zukurzgekommenen zu sein. Es gibt Grenzen! Wenn sich jeder daran hält, an diese Grenzen, dann ist auch mit dem Fußvolk ganz gut Kirschen Essen. Wenn aber nicht...  



Wenn aber nicht, und wenn dann auch noch irgendwelche Fremden angewackelt kommen, und, wie könnte es anders sein, sich an die ohnehin schon zu kleinen Tischchen setzen, ungebeten dazusetzen und sich dann auch noch an die ohnehin schon zu kleinen Tellerchen machen wollen, um sich das ohnehin schon zu knapp bemessene Futter reinzuziehen, dann... - ja, wie soll man sagen?! Dann ist jedenfalls Schluss mit gut Kirschen Essen. Schluss mit Realismus und mit „besser nicht Auffallen“. Da gerät das Fußvolk in Wallung, da werden die Zukurzgekommenen wach oder, wie es Karl-Heinz S., „38 Jahre alt, Vater zweier Kinder und von Beruf Wachmann“ schon im letzten Oktober so treffend formuliert hatte: „Da könnte ich ausrasten!“  


Ich hatte Ihnen diesen Prototypen eines Fußvolksvertreters sogleich vorgestellt. Das ist ja auch..., ich meine: da hat es so ein Zukurzgekommener, der Tag um Tag Dinge bewachen darf, die nicht ihm, sondern irgendwelchen Nicht-Zukurzgekommenen gehören, endlich auch einmal zu einem bisschen Was geschafft gekriegt („Einen schöneren Parkblick als Karl-Heinz S. und seine Familie kann man sich in Marxloh schwerlich anmieten“), und dann das! „Seitdem diese rumänischen Roma hier wohnen, geht hier alles den Bach runter“, erzählt Karl-Heinz. Den „modernen, großen Spielplatz im Schwelgernpark … hätten die Roma seit ihrer Ankunft regelrecht okkupiert.“ Leider kein Einzelfall. Wie in Marxloh, also auch in Rheinhausen.  


Wer kümmert sich eigentlich um uns?“ fragt sich das nicht beim Namen genannte Fußvolk rund um das sog. „Problemhaus“ in den Peschen. So stand es gestern in der NRZ und der WAZ, als in der Ausgabe Duisburg-West über einen „Nachmittag in Bergheim“ berichtet wurde – und zwar so: „Viel ist in der Vergangenheit geschrieben worden über die Integrationsversuche diverser Institutionen und Aufräumarbeiten rund um das Hochhaus. Beobachtet haben all das die Nachbarn, viele fragen sich: `Wer kümmert sich eigentlich um uns?" Viele, zweifellos glaubhaft. Viele, namentlich nicht Genannte. Denn man kennt das ja: wie schnell werden “ganz normale Bürger als Rassisten beschimpft“?! Also doch: besser nicht Auffallen?  



Die Eheleute R., Anwohner aus der Beguinenstraße, melden sich im NRZ/WAZ-Artikel mit Namen und Gesicht(ern) zu Wort. Anständige Leute. Was „Tag für Tag nur wenige Schritte von ihrem Heim entfernt passiert, formulieren sie – im Gegensatz zu einigen anderen Nachbarn – sehr moderat“. So steht es in der Zeitung, wobei man sich „moderat“ nun nicht so vorstellen darf, dass die R.´s im Grunde dasselbe dächten, wie ihre deutschen Nachbarn – nur eben dies „moderater“ formulierten. Nein, Annette R. sagt ganz klar: „Sie (die Roma) sollen ja gar nicht so leben wie wir.“ Und: „Es geht nicht darum, dass die hier verschwinden.“ Ich weiß nicht, ob und wenn ja, wie viel Mut es braucht, sich so in der Zeitung zu präsentieren, wenn man dort wohnt.  


Jedenfalls weiß Frau R., worüber sie spricht, wenn sie sagt: „Die Roma sind nicht aggressiv, trotz der Hitze und der großen Masse an Menschen in den Häusern. Was steigt ist die Aggression bei einigen Nachbarn.“ Etwa bei Marita H., die ihren Namen angegeben hatte, als sie ihren Leserbrief an die NRZ / WAZ – Ausgabe DU-West geschickt hatte, der in der Printausgabe am 23. Juli gedruckt wurde. „Mit Befremden lese ich den großen Bericht um die Säuberungsaktion rund um das Problemhaus“, beginnt Marita, um gleich in den zweiten Satz diese geschmackvolle rhetorische Frage unterzubringen: „Wie krank muss man sein, um den Dreck für diese Zuwanderer weg zu schaffen?“ Ja: „krank“ - so hat sie es geschrieben, die Marita.  


Die stehen am Fenster...“, fährt sie fort und weiß selbstverständlich, was in einem Roma-Gehirn so vor sich geht: „...und denken: die blöden Deutschen.“ Nichts fürchtet eine Zukurzgekommene mehr, als von Anderen, die im Zweifel alle in Saus und Braus leben, für blöd gehalten zu werden. Doch gesellt sich erst einmal auch noch der Futterneid hinzu, entwickelt sich diese Furcht des Fußvolkes zu einer allenfalls schwer heilbaren Paranoia.„Die stehen am Fenster und denken: die blöden Deutschen.“ Oder wollen Sie etwa versuchen, der leserbriefschreibenden Marita diese Besessenheit auszureden?! Weiter im Text: „Die pöbeln den ganzen Tag auf der Straße herum, warum gibt man denen keinen Besen in die Hand?“  



Leider kein Einzelfall, diese Marita. Einige Blicke in die einschlägigen Blogs im Internet und schnell ist klar: es handelt sich hier um eine hochgradig ansteckende Krankheit, die sich in Windeseile von der zu kurz gekommenen Population rund um das Romahaus oder anderen Roma-Ansiedlungen in das gesamte Fußvolk ausbreitet. „Wie krank muss man sein“, fragt Marita. „Wie krank kann man sein“, frage ich – ebenfalls rhetorisch. Denn im Grunde wissen wir, welche Ausmaße dieses Krankheitsbild annehmen kann. Ich habe nichtsdestotrotz Screenshots von Gesprächspassagen aus Facebook-Gruppen gespeichert, die einige Zukurzgekommene in Momenten zeigen, in denen sie sich unbeobachtet fühlten. Röntgenbilder des Entsetzlichen.  


Ganz normale Bürger“, die ihres Erachtens völlig zu Unrecht „als Rassisten beschimpft“ werden, lassen die Sau raus. Wohlbemerkt: die Rede ist nicht von Menschen, die im Wohnzimmer den größten Führer aller Zeiten in Öl hängen haben und die als Bettlektüre vornehmlich in Landserheftchen stöbern. Die Rede ist von – Eigenwahrnehmung - “ganz normalen Bürgern“, von Zukurzgekommenen, die mitansehen müssen, dass Menschen, die ihnen ohnehin lästig sind, geholfen wird, ihnen selbst aber – wieder einmal, wie so oft – nicht. „Wer kümmert sich eigentlich um uns?“ Ein Hilferuf, gewiss. Aber auch die klare Positionierung als Opfer, dem, wenn ihm denn die Hilfe weiter verweigert wird, zuzubilligen ist, das Recht in die eigenen Hände nehmen zu dürfen.  


Bei Marita H. liest sich das so: „Immer wird nur über die Zuwanderer berichtet, nur meine ich, dass diese Berichterstattung sehr einseitig ist.“ Klar. „Warum wird nicht mal ein Bericht über die Anwohner geschrieben?“ Gut, NRZ und WAZ haben geliefert, ich hiermit auch. „Über die unerträglichen Zustände auf der Beguinenstraße?“ Nun, das ist aber ein alter Hut. „Wir müssen alles kommentarlos wegstecken und sind noch die Blöden.“ Eine Frage, Marita: kommen Sie sich jetzt, nachdem Sie alles kommentiert haben, nicht mehr ganz so blöde vor? Lassen Sie mich raten, Marita! Ich schätze, der Abdruck Ihres Leserbriefs hat an Ihrem Blödgefühl nichts ändern können. Es ist halt eine Besessenheit. „Wer kümmert sich eigentlich um uns?“ Marita, ich denke: der Staatsschutz. Doch der kann dies verständlicherweise nicht an die große Glocke hängen.


Werner Jurga, 28.07.2013





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