Ein kleiner Randaspekt der aktuellen Flüchtlingsdebatte


Neger


12. August 2015. „Komma runter, Werner!“ Ich war gerade sehr beschäftigt – oben, in meinem Zimmer. Dort konnte man vom Fenster aus nur das Nachbargrundstück einsehen, nicht aber die Straße. Dagegen ist eigentlich nichts zu sagen, sollte sich aber an diesem Tag als entscheidender Nachteil erweisen. So etwa fünfzig Jahre muss das jetzt her sein, also irgendwann in 1966 oder 67. „Nun komm doch mal, Werner! Schnell!“ Also gut. Ich ging die Treppe herunter, wo ich schon sehnsüchtigst erwartet wurde. Und noch bevor ich mich nach dem Anlass der mich nicht gerade erfreuenden Störung erkundigen konnte, wurde mir die Faktenlage ohne jede Vorwarnung vor der Latz geknallt: „Ein Neger.“ Jetzt hieß es „Ruhe bewahren“ und ganz ruhig weitere Informationen einholen. Doch dafür war keine Zeit. „Ein Neger – bei uns in der Straße“. Vielleicht jetzt ein Wort zur Besänftigung? Ich dachte nach; doch schon damals haftete dem Denker der Ruf des Lahmarsches an. „Komm schnell! Wir gehen ins Schlafzimmer. Der ist noch dahinten in Höhe der Kirche und kommt auf uns zu. Da können wir ihn noch eine ganze Weile sehen...“ Und tatsächlich: der lief da her.



Werner, Du wackelst an der Gardine. Nicht, dass der uns noch sieht!“ In seiner Begleitung war eine deutsche, jedenfalls weiße, Dame. Nun ja, Dame... Ganz bedächtig. Die Beiden guckten hier, guckten dort und unterhielten sich fortwährend. „Der wird doch nicht hier irgendwo einziehen wollen?!“ Da war sie wieder verschwunden – sprachlich, die wahrscheinlich deutsche Begleiterin. Da bei uns selbst und insbesondere bei mir in Bezug auf das Sittengesetz auch nicht alles hundertprozentig in Ordnung war, ließ sich aus dem Umstand Neger mit Blondine kein Thema machen. Jedenfalls nicht im Gespräch mit einem, zumal unter fragwürdigen Umständen produzierten, Kind. Aber egal: ein Mensch mit schwarzer Hautfarbe in unserer kleinen beschaulichen Straße war auch schon an und für sich Thema genug. Damals – Mitte / Ende der sechziger Jahre. Es hatte sich gelohnt. Es dürften so etwa zehn Minuten gewesen sein, die wir den dunkelhäutigen Zeitgenossen bestaunen durften. Ja, so war das damals vor fünfzig Jahren. Es war durchaus eine kleine Sensation, wenn ein Schwarzer nicht im Fernsehen, sondern vis-à-vis aufgetaucht war.  


Wir kannten freilich Schwarze ziemlich genau. Vor allem aus den US-Krimiserien, die man in diesem Alter mangels entsprechender deutscher Produktionen überdosiert konsumiert hatte. Nicht zu vergessen die Unterhaltungssendungen: das Golden Gate Quartett, Harry Belafonte und etwas später unser eigener Neger (das Wort durfte damals noch benutzt werden): Roberto Blanco. Und damit man wusste, wo die herkommen: aufklärende Natursendungen mit bunt angemalten und ekstatisch tanzenden Buschnegern. Opa gab mitunter zu bedenken, dass die Neger beim Einmarsch der Amis nicht vernünftig marschiert wären. Mit diesem Hinweis hatte er allerdings schon damals eine Grenze erreicht; denn selbst-verständlich waren wir nicht rassistisch. Schon damals nicht! Ganz im Gegenteil sogar: es wurde in der Familie immer häufiger Gegenstand allgemeiner Empörung, wie die Amis mit ihren... - „Neger“ durfte man bald auch nicht mehr sagen – Mitbürgern schwarzer Hautfarbe umgehen. Gut, sie hatten uns vor dem Kommunismus geschützt. Aber das war nun wirklich so etwas von primitiv. Als wenn die etwas Besseres wären! Die Weißen, nur weil sie weiß sind...



Titanic-Titel 10-2003


Wenn man das heute so alles Revue passieren lässt. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. Ja, so war das damals vor fünfzig Jahren. Junge, Junge, was waren unsere Vorfahren beschränkt! Andererseits: wenn man bedenkt, in welch kurzer Zeit sich das alles geändert hat. Rassismus – das war damals, also um in der Geschichte zu bleiben, vor gerade einmal fünfzig Jahren, geradezu so etwas wie das Normalste von der Welt. Heute dagegen: ein absolutes No Go! Kein Bundesligaverein ohne mindestens einen schwarzen Spieler. Vor jedem internationalen Fußball-spiel „Nein zu Rassismus“, „No to racism“ und alles. Wobei: bei den Amerikanern wird man auch dieser Tage den Eindruck nicht los, dass die nichts lernen. Nicht lernen wollen, nicht lernen können – schlimme Sache. Aber was soll man sich aufregen?! Unsereins kann sowieso nichts daran machen. Ich schlage vor: wir sagen denen nichts, und die sagen uns nichts. Denn, seien wir ehrlich: auch bei uns, gerade im Osten, gibt es, wenn auch nur einige sehr wenige, Verlierertypen, die auf Nazi machen und... - ach Gott, was ist das peinlich!  


Ein Blick in die Verfassung genügt. Ob schwarz oder weiß, braun oder gelb, rot oder sonst was – wir sind alle Menschen! Daran kann es überhaupt nichts zu deuteln geben. Klar ist natürlich auch: Wir können nicht jeden, der zu uns kommen will, bei uns aufnehmen. Wir können ja nicht alle Afrikaner in Deutsch-land unterbringen. Das ist logisch, das ist vollkommen klar. Wir sind doch jetzt schon mit diesem Ansturm all der Flüchtlinge total überfordert. Dennoch: wir helfen, wo wir nur eben können. Das ist ein Gebot der Menschlichkeit! Sind inzwischen nicht sogar schon zwei Fregatten der Bundeswehr im Einsatz, um die Ertrinkenden aus dem Mittelmeer zu fischen?! Arme Teufel. Und deren Motive kann man irgendwo sogar verstehen. Wenn an Land alles eingezäunt ist und man per Flugzeug oder mit einem ordentlichen Schiff gar nicht anzukommen braucht, dann bleibt halt nur die Nussschale. Jeder, dem ein Herz in der Brust schlägt, versteht das. Die Bilder von ertrinkenden Frauen und Kindern... - Gott sei Dank gibt es nur Bilder von denen, die in letzter Sekunde gerettet werden! Sie brechen einem dennoch fast das Herz. Die Politik sollte sich nicht scheuen, eventuell noch, falls es so eben noch mit unserer Verteidigungsbereitschaft in Einklang zu bringen ist, noch eine dritte Fregatte zur Seenotrettung abzukommandieren. Vorübergehend.


Werner Jurga, 12.08.2015



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