Terror in Norwegen – unverkennbare „Markenzeichen“

 
In der Nacht vom Freitag, den 22. Juli, auf Samstag, den 23. Juli, scheint sich wenigstens die Panik, die schlimmste Hysterie in Oslo ein wenig gelegt zu haben. Ein wenig Licht ist in die vollkommene Ratlosigkeit über die entsetzlichen Anschläge vom Freitagnachmittag gekommen; die meisten Fragen sind aber auch jetzt noch völlig offen. Nicht einmal über die Zahl der bei den Terroranschlägen Ermordeten herrscht Klarheit. Von mindestens 17 Toten ist die Rede; es steht zu befürchten, dass mehr als die sieben Menschen im Osloer Stadtzentrum und die zehn Jugendlichen auf der Insel Utøya ihr Leben gelassen haben.

Als ich am Freitagnachmittag die Fernsehbilder vom Regierungsviertel in Oslo gesehen hatte, war auch ich mir ziemlich sicher, dass auch hier wieder Al Qaida bzw. einer ihrer Ableger am Werk gewesen war. Ein oder zwei Autobomben von offensichtlich gewaltiger Zerstörungskraft richteten enorme Zerstörungen an. Die Fernsehreporter trugen auf den diversen Kanälen eine Fülle von Indizien vor, die für eine Täterschaft islamischer Fundamentalisten sprachen. Am frühen Abend erreichte uns dann die Nachricht von dem mörderischen Überfall auf das Ferienlager der norwegischen Jungsozialisten.

Sie schien mir nicht in das für sicher geglaubte Bild vom islamistischen Terroranschlag zu passen. Wohl um nicht umdenken zu müssen, erinnerte ich mich daran, dass der Siegeszug des politischen Islamismus dereinst mit einem Gemetzel an Linken in der muslimischen Welt begonnen hatte. Und doch: irgendwie passte das nicht zusammen. Die Mohammed-Karikaturen wurden eben nicht von Linken gezeichnet oder publiziert. Und warum sollten Al-Qaida-Leute ausgerechnet gegen ein Juso-Freizeitcamp vorgehen?! Am Abend kam dann die Meldung, dass die norwegische Polizei einen 32-Jährigen Norweger festgenommenen hatte, einen groß gewachsenen, blonden, „nordisch“ aussehenden Norweger, der sowohl für Oslo als auch für Utøya verantwortlich sein soll.

Der Inhaftierte äußere sich zu seinen Tatmotiven nicht, der Ministerpräsident und sein Justizminister wollen ebenfalls nichts dazu sagen, nur die Polizei erklärt, dass nicht der „internationale Terrorismus“ zugeschlagen habe, sondern eine "lokale Variante", die sich gegen das politische System wende. Diese Sprachregelung weist in die Richtung, in die umständehalber ohnehin gedacht werden muss. Nach Rechtsaußen, zum militanten Rechtsextremismus. Das US-amerikanische (historische) „Vorbild“ wäre in diesem Fall nicht 9/11, nicht der 11. September 2001, sondern der 19. April 1995, der Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City.

Die nächsten Tage, vielleicht schon der heutige Samstag, werden in dieser Hinsicht ein höheres Maß an Klarheit bringen. Doch selbst wenn sich der Vergleich mit „Oklahoma“ erhärten sollte: die Ereignisse auf Utøya, der kleinen Insel im Fjord vor Oslo, sind etwas Neues, etwas Unvergleichliches. Ein Rechtsradikaler (oder mehrere?) gehen auf Menschenjagd und knallen sozialdemokratisch gesonnene Jugendliche systematisch ab. Das ist etwas Anderes als die bekannten – und zu Recht gefürchteten – Amokläufe. Auch Neonazi-Anschläge auf einzelne (meist radikal) linke Jugendliche sind nicht neu. Aber eine ganze Juso-Gruppe hinwegmetzeln zu wollen, … ein immerhin schon 32-Jähriger … - man ist sprachlos.

Soeben hat die Polizei in Oslo mitgeteilt, dass auf der Insel ungezündete Sprengsätze gefunden worden seien. Es fällt schwer, von einer „Einzeltäter-Theorie“ auszugehen. Utøya für ein noch schlimmeres Massaker präpariert, in der Osloer City eine (oder mehrere) Detonation von außergewöhnlicher Zerstörungskraft ausgelöst – dies alles deutet auf ein relativ gut vorbereitetes Terrorkommando hin. Warten wir ab, was die Ermittlungen in den nächsten Tagen bringen werden. Halten wir fest, dass sich Anschläge von Neonazis zunächst einmal von Al-Qaida-Aktionen nicht allzu sehr unterscheiden. Das wahllose Abschlachten „Unschuldiger“ und das gezielte Ermorden von Demokraten und Linken sind die gemeinsamen „Markenzeichen“. Es sind die Merkmale des Faschismus.

Werner Jurga, 22./23.07.2011