Vorsicht beim Vorwurf der Homophobie

Dienstag, 17. Mai 2011. Wissen Sie eigentlich, was heute für ein Tag ist? Dienstag – ja, klar, wie witzig. Nein, ich meine natürlich: was heute für ein ganz besonderer Tag ist. Gedenktag, Aktionstag, international und so - Sie wissen schon …
Nein, nicht der Internationale Tag der Frau. Der ist doch am … - na, wann ist der denn?! So etwas muss man aber wissen. Und frau erst recht. 8. November? – Ja, nicht schlecht, aber leider kein Volltreffer. Da ist nämlich „nur“ der Internationaler Tag der Putzfrau. „Nur“ setze ich selbstverständlich in Anführzeichen. Und „Putzfrau“ – eigentlich müsste es freilich „Raumpflegerin“ heißen. Ich kann es nicht ändern …
Am 15. Oktober ist der Internationaler Tag der Frau … - in ländlichen Gebieten. Sie wissen natürlich Bescheid: der richtige Tag der Frau ist am 8. März. Glück gehabt. Männer, denkt an die Blumen!

So, jetzt aber zurück zur Frage. Zur Eingangsfrage. Was haben wir denn nun heute für einen Tag? Klar, auch wieder so etwas mit Minderheiten. Kleiner Tipp: es gibt ja nicht nur Frauen. Okay, Frauen sind hier auch dabei, um die geht es aber hierbei weniger. Bei Frauen ist das nämlich sozusagen eine saubere Sache. Also?
Richtig: heute ist der Internationale Hypertonie-Tag. Hoppla! Woher wussten Sie das denn? Sehr schön; den meinte ich aber nicht. Auch nicht den Weltfernmeldetag; der ist nämlich auch heute.  So, jetzt denken Sie doch einmal nach! Heute, der 17. Mai. Na, klingelt es? 17.5.? Stehen Sie auf der Leitung oder was?!
Lassen Sie doch einfach mal den Punkt weg! Und?
175, haben wir es jetzt?! Genau, der 17. Mai, der "Feiertag der Schwulen". Hi hi, kleiner Scherz. Okay, alter Witz. Das sagen wir nämlich schon seit Anno Tobak: "Feiertag der Schwulen". Aber erst seit 2005 ist der 17. Mai der „Internationale Tag gegen Homophobie“.

Nein, nicht deshalb, weil wir in Deutschland den § 175 hatten. Natürlich nicht. Hatten Sie das jetzt wirklich angenommen? Interessant. Nein, das Datum wurde gewählt – reiner Zufall, weil die Weltgesundheitsorganisation (WHO) an einem 17. Mai, nämlich 1990, die Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel strich.
Will sagen: schwul ist nicht krank. Man kann zwar schwul sein und gleichzeitig krank, aber schwul sein an und für sich ist noch nicht unbedingt krank. Sollten Sie auch so nicht mehr sagen. Wenn Ihnen diese Leute – warum auch immer – irgendwie nicht so ganz geheuer sind, sagen Sie einfach so etwas wie „Risikogruppe“! Das ist zwar Tinnef, aber so geht´s.
Noch besser wäre freilich, Sie würden sich Ihre Vorurteile gegen Homosexuelle einfach einmal ganz abgewöhnen. Auch wenn´s schwer fällt. Denn damit sind Sie irgendwie nicht mehr so richtig up to date. Schauen Sie: Homophobie – das ist etwas für Osteuropäer, Araber, Afrikaner und andere Hinterwäldler. Wir dagegen sind modern und aufgeklärt und haben mit sowas überhaupt keine Probleme.

Insofern brauchen wir bei uns diesen Internationalen Tag gegen Homophobie eigentlich gar nicht. Gucken Sie sich das doch einfach mal im Fernsehen an! Wenn Sie da mal eine Unterhaltungssendung sehen wollen ohne Schwule, müssen Sie schon Volksmusik einschalten und darauf verzichten, sich diese sympathischen Sangesbrüder näher anzusehen.
Eurovision Song Contest – okay, der war schon immer voll schwul. Aber auch in der Politik greift das ja ganz schön um sich. Womit ich sagen will: hierzulande ist sowas heutzutage nun wirklich überhaupt kein Problem mehr. Politiker! Ja, überlegen Sie doch nur. Andererseits kann man freilich die FDP auch irgendwie verstehen, dass sie sich nach all den Jahren, wie es im Fernsehen hieß, „nach diesen Bildern gesehnt“ hatte.
Mit dem Vorwurf der Homophobie sollte man überhaupt sehr vorsichtig sein. Ihnen wäre doch auch lieber, Ihr Sohn käme mit einer Vietnamesin nach Hause als mit einem zwar deutschen, dafür aber Mann. Na, sehen Sie! Sind Sie deshalb etwa „homophob“?

Da sollte man die Kirche mal im Dorf lassen! Auch dass die Kirche offiziell nicht so für Homosexualität ist, ist ja auch irgendwie klar. Na und?! Da hört doch sowieso keiner drauf. Insofern ist es auch nicht ganz fair, sich darüber aufzuregen, wenn ein islamischer Geistlicher darauf hinweist, wie das in seiner Religion so mit der Homosexualität aussieht.
Oder wenn in unserer Jugend „schwul“ zu den beliebtesten
Schimpfwörtern überhaupt gehört. Es kann sogar sein, dass die jungen Leute mit „schwul“ im Grunde gar nicht „schwul“ meinen, sondern dies einfach nur so sagen. Wie „behindert“ oder „Jude“ oder „Opfer“ oder so. Dummejungensprüche, reine Gedankenlosigkeit.
Da sollte man nicht immer gleich so hysterisch-affektiert reagieren. Ist doch schwul, sowas.

Werner Jurga, 17.05.2011