Machen wir uns doch nichts vor!

Aus den Fugen geraten


Montag, 8. Juli 2013. Machen wir uns doch nichts vor! Da ist doch etwas aus den Fugen geraten. Ich meine: mit der ganzen Art und Weise, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen. Wir drohen doch, einfach immer nur zu funktionieren, bis wir seelenlosen Robotern gleich... - ach! Ich darf gar nicht drüber nachdenken. Warum hilft uns denn keiner?!


Andererseits gibt es natürlich auch einige Menschen, die zu ihren Gefühlen stehen. Vor denen habe ich höchsten Respekt. Zum Beispiel und ganz besonders vor Männern, die zu ihren Gefühlen stehen. Das ist doch klasse! Allein schon aus Gründen der Gleichberechtigung finde ich allerdings auch Frauen, die so etwas können, irgendwie toll. Obwohl: denen fällt es ja nicht ganz so schwer wie unsereins. Trotzdem: eine sagenhafte Leistung! Einfach mal zu seinen Gefühlen zu stehen. Besonders gut: zu seinen verletzten Gefühlen zu stehen. Noch besser: zu seinen tiefsten Gefühlen, also den religiösen Gefühlen, zu stehen. Am allerbesten: in aller Öffentlichkeit.


Jetzt weiß ich gar nicht, ob sie schon vom Fall dieser Studentin an der UDE gehört haben. Besser nicht. Allein schon, weil ich finde, dass, wenn jemand schon einmal den Mut aufbringt, zu seinen verletzten religiösen Gefühlen in aller Öffentlichkeit zu stehen, dann ist das eine sehr persönliche Sache, der mit dem nötigen Respekt begegnet werden sollte. So etwas könnte dann auch ausnahmsweise mal mit der nötigen Diskretion behandelt werden! Aber nichts. In etlichen Zeitungen wird diese junge Frau, allein weil sie ein einziges Mal Gefühle gezeigt hatte, in aller Öffentlichkeit durch den Quirl gedreht. Gott sei Dank, um das an dieser Stelle einmal so zu sagen, hält es sich aber noch in Grenzen.


Auch ich wollte selbstverständlich kein großes Aufhebens von dieser Sache machen. Nun aber, ich sage es mal so: die UDE. Das ist die Universität Duisburg-Essen. Da geht es schon einmal damit los, dass ich selbst schon seit Ewigkeiten kein Angehöriger der Universität mehr bin. Allerdings ein Bürger der Stadt Duisburg, und so eine Universität wirkt freilich als eine Institution des freien Geistes in den öffentlichen Raum... - wie soll ich sagen? - ...hinein. Doch der hier, wenn auch ungern, in Rede stehende Vorgang ereignete sich nicht in Duisburg, sondern auf dem Campus Essen, also irgendwo außerhalb, wahrscheinlich irgendwo im Osten. Im Grunde also uninteressant.

             
"Habibi" von Craig Thompson


Eine junge Frau, die sich über ein Plakat geärgert hatte, das in der Unibibliothek hing und dabei ihre religiösen Empfindungen verletzt hatte. Das war eigentlich alles. Keine große Sache. Jetzt hängt es auch nicht mehr dort, das Plakat, im Foyer der Unibibliothek. Damit hätte dieser sog. „Fall“ eigentlich auch erledigt sein können. Das Plakat, so habe ich es irgendwo gelesen, habe eine Sexszene gezeigt und irgendwo neben diesem Schweinskram habe das Wort „Allah“ gestanden. So genau weiß ich es auch nicht. Ich habe es nämlich nicht gesehen, das Plakat. Aber dass so etwas eine gläubige junge Frau in ihren religiösen Empfindungen verletzen kann, kann ich nur zu gut verstehen.


Aber was sollte die arme Frau jetzt machen. Sie musste ja immer wieder durch dieses Foyer der Unibibliothek; sie macht nämlich gerade ihren Doktor. Oder sagt man „ihre Doktorin“? Okay, kleiner Scherz. Sie hat sich jedenfalls beschwert. In der Bibliothek über das Plakat. Und... - jetzt frage ich einmal Sie: haben Sie sich schon einmal beschwert? In einer Bibliothek über irgendein Plakat? Okay, kleine Scherzfrage. Sie würden es auch nicht machen, weil sie ja wissen, dass dabei wahrscheinlich etwa soviel herauskommen dürfte, wie wenn Sie... - egal. Jedenfalls: um kein großes Aufhebens von dieser Sache zu machen, hat die angehende Frau Doktor das besagte Plakat einfach selbst abgehängt.


So, und genau aus dieser im Grunde selbstlosen Tat wird der jungen Wissenschaftlerin jetzt auch noch ein Vorwurf gemacht! Man rennt dann damit zur Zeitung. Und dann dies noch, und dann das noch. Ja, es ist wahr. Die gläubige Muslimin hat – in der Wut, nehme ich an – die von ihr beanstandete Darstellung aus dem Plakat herausgeschnitten. Daran gibt es – nur, damit Sie mich nicht falsch verstehen! - nichts zu beschönigen. Und wenn einen irgendein Plakat noch so sehr aufregt: Abreißen tut man nicht. Hat sie aber auch nicht. Sie hatte immerhin fein-säuberlich eine Schere genommen... - Ja, ich sagte doch schon: das geht natürlich auch nicht. Aber waren wir denn nicht alle mal jung?! Sie hatten doch auch mal Überzeugungen. Aha.


Dabei darf es m.E. keine Rolle spielen, um welche Überzeugungen es sich dabei im einzelnen handelt. Und genau deshalb – ja, deshalb! - hat es auch keine Rolle zu spielen, welche Darstellung nun so ganz genau von unserer Promovendin entfernt wurde. Widerrechtlich, von mir aus; ich würde sagen: ordnungswidrig. Da gibt es doch gar keine zwei Meinungen! Aber ob da nun diese Sexszene mit dem Wort „Allah“ daneben oder ein paar junge israelische Friedensdemonstranten mit dem Transparent „Shalom“ abgebildet waren, das hat nun wirklich niemanden zu interessieren. Eine deutsche Universität ist eine Institution des freien Geistes!




Wie bitte?! Wenn jemand an einer sexuellen Darstellung Anstoß nimmt, dann hätten Sie dafür eventuell Verständnis? Sie finden also, Sexualität sei etwas Unanständiges? Aber was Israel so alles anstellt, finden Sie richtig? Alles? Und wenn irgendjemand auch nur wagt, irgendetwas an Israel auch mal nur in Frage zu stellen, dann wird die Antisemitismuskeule ausgepackt. Der Holocaust als Totschlagargument. Nee, mein Lieber! Da können wir dann aber nicht zusammen kommen. Das ist mir zu undifferenziert; das ist mir zu platt. Eine deutsche Universität als eine Institution des freien Geistes stelle ich mir ehrlich gesagt anders vor. Da kann man dann schon auch mal zwischen Juden und Israel unterscheiden.


Herrgott nochmal! Haben Sie denn überhaupt kein Fünkchen Gespür dafür, was in so einer jungen Muslimin vorgehen könnte, wenn sie mit all diesen Dingen konfrontiert wird, an denen sie doch letztlich genauso unschuldig ist wie, sagen wir mal, Sie oder ich?! Das Beste wäre, wie gesagt, man ließe diese Frau in Ruhe. Man ließe sie in Ruhe ihre Forschungsarbeiten machen. Aber man lässt sie nicht; das Neueste: jetzt wird ihr auch noch vorgeworfen, irgendeinen Vortrag Allah gewidmet zu haben. Na und?! Wissen Sie, ich hatte und habe im Grunde alle meine Vorträge Gott gewidmet. Gut, ich hänge es nicht ganz so an die große Glocke. Wir haben in diesen Dingen ja auch eine ganz andere Mentalität.


Ich bin, was dies betrifft, eher so ein Freigeist. Ich glaube, Gott wird schon mitbekommen haben, dass dieser Vortrag oder jener Aufsatz ihm gewidmet ist. Und alle Anderen geht es nichts an, sondern wären diese Sachen ihnen ja gewidmet. Leben und Leben lassen. So eine tiefgläubige, heißblütige junge Muslima hat da einfach eine ganz andere Mentalität. Da muss so etwas einfach mal raus, Allah und so. Da wird auch mal geschrien, wenn etwas Schmerz bereitet, Israel und so. Das ist doch im Grunde ziemlich sympathisch. Machen wir uns doch nichts vor! Bei uns ist doch etwas aus den Fugen geraten. Ich meine: mit der ganzen Art und Weise, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen.


Merken Sie denn eigentlich nicht, dass uns droht, einfach immer nur zu funktionieren, bis wir seelenlosen Robotern gleich... Und wenn dann mal jemand kommt und sagt: „Schluss, Leute! Besinnt Euch jetzt gefälligst mal darauf, worauf es eigentlich ankommt im Leben!“ Dann wird dies aller Wahrscheinlichkeit nach ein junger Mensch sein. Jemand, dem seine Ideale, dem sein tiefer Glauben etwas bedeutet. Das ist doch eine Bereicherung für eine Institution des freien Geistes. Da wären wir doch beschränkt, wenn wir diese zarte Wurzel des Protestes gleich wieder versuchen würden, in eine Richtung zu wachsen, die letztlich doch nur auf die von uns ausgelatschten Trampelpfade führt.


Wissenschaft – das bedeutet: Offen Sein für Neues! Für Neues Denken, ja logisch. Vor allem aber auch: Offen Sein für Neues Fühlen. Für neue Anregungen. Fremde Länder, Abenteuer, einfach mal etwas Anderes! Ein interkultureller Dialog zum Beispiel, eine tolle Sache. So können wir auch einmal mit denen diskutieren. Vielleicht ist bei denen doch auch etwas aus den Fugen geraten. Ich meine: mit der ganzen Art und Weise, wie die so mit ihren Gefühlen umgehen. Und wenn die erst einmal drohen, seelenlosen Robotern gleich, einfach immer nur so zu funktionieren... - ach! Ich darf gar nicht drüber nachdenken. Dann knallt es aber richtig. Das kann ich Ihnen sagen. Warum hilft uns denn keiner?!


Werner Jurga, 08.07.2013






Eine kleine Presseschau zum "Karikaturenstreit" an der

Universität Duisburg-Essen (UDe)

"Offen im Denken"







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