Ägypten am 5. Juli 2013

Die Lage ist unübersichtlich


Samstag, 6. Juli 2013. Der neue Tag hat – rein kalendarisch gesehen – gerade begonnen. Die Lage in Ägypten ist unübersichtlich. Kein Wunder, mögen Sie meinen. So von einem deutschen Wohn- oder Arbeitszimmer aus betrachtet, durch den TV- oder PC-Bildschirm... Da mag man sich, wenn in Ägypten gerade – ja, was passiert da eigentlich gerade?! - eine bessere Übersicht wünschen. Man bekommt hier ja gar nicht richtig mit, was da eigentlich los ist. Die Liveticker im Internet, na gut. Die beiden privaten Nachrichtenkanäle im deutschen Fernsehen? Ein Totalausfall, zwei Totalausfälle: hier eine Konserve über deutsche Eisenbahnen dort über fantastische Naturspektakel gottweißwo. CNN international ist dabei; aber nach diesem mir diesmal besonders schnell vorkommenden Englisch steht mir nicht der Sinn. In der ARD begannen die Tagesthemen um 21:45 Uhr. Kein Kommentar! Das heute-Journal startete im ZDF um 22:00 Uhr. Die wiederum haben das ganz gut gemacht. Dennoch: für mich bleibt die Lage unübersichtlich. 


Schon klar: was dort in diesem Moment und in diesen Stunden passiert, ist abgrundtief entsetzlich. Dort in Kairo, aber nicht nur in Kairo, sondern vielerorts in Ägypten. An wie vielen Orten genau, weiß man nicht. Es wird getötet, es wird gestorben. Von wie vielen Menschen die Rede ist, man weiß es nicht. Irgendwie scheinen sich das Entsetzliche und das Unübersichtliche zueinander proportional zu verhalten. Auf einen solchen Gedanken kann man vermutlich nur kommen, wenn man bequem im Wohnzimmer sitzt. Aber wer weiß? Den Eindruck, dass das gegenwärtige Geschehen bizarr ist, hat auch Dietmar Ossenberg. Ja, so hat er es gesagt: „bizarr“. Kein Wunder, möchte ich meinen. Denn er hat ja noch weniger Übersicht als ich, der Dietmar Ossenberg. Er ist der Chefkorrespondent des ZDF in Kairo, befindet sich folglich nicht in einem behaglichen deutschen Wohnzimmer, sondern in einem Hotelzimmer mitten in Kairo. Ziemlich „genau an der Frontlinie“, wie er so um kurz nach zehn die Lage einschätzte. Seine Übersicht verschaffte ihm der Blick aus dem dunklen Zimmer durchs Fenster auf die Straße.  


Eigentlich war doch bekannt, dass die Muslimbrüder für den "Freitag der Ablehnung" zu einer gewaltigen Massendemonstration in Kairo aufgerufen hatten. Sie hatten Gewaltlosigkeit zugesichert, im Gegenzug – so hatte ich dies jedenfalls verstanden – garantierte ihnen das Militär das Recht auf Versammlungsfreiheit. Na ja, die letzten Tage waren mal die Einen auf der Straße, an diesem Freitag dann eben mal wieder die Anderen. Hatte ich mir dies in etwa so vorgestellt? Die „Zweite Revolution“ oder die „Konterrevolution“ oder der „Militärputsch“ – ja, was passiert da eigentlich gerade?! - in Ägypten läuft ab nach dem Muster des Treppenputzplanes in einem deutschen Mehrfamilienhaus? Im Grunde geräuschlos. Falls Ärger in der Luft liegen sollte, redet man mal miteinander. Und wenn alle Stricke reißen, tja... dann geht es nun einmal nicht anders: dann beschwere ich mich beim Hausmeister. Ob ich mir dies so oder so ähnlich wirklich vorgestellt hatte? Nein, so nicht. Aber ja, so ähnlich. Das Militär hatte geputscht (in diesem Punkt war ich mit den Islamisten einig). Gut oder auch nicht gut; jedenfalls kann erst einmal nichts anbrennen... 


Von Dietmar Ossenberg war zwischen zehn und halb elf selbst unter Berücksichtigung der entrichteten Fernsehgebühren nicht zu erwarten, sich mehr Übersicht zu verschaffen – etwa vom Balkon aus oder auch nur durch das Zurückziehen der Vorhänge. Mir einer solchen Aktion hätte er nicht nur sein Leben sowie das seiner Mitarbeiter aufs Spiel gesetzt, sondern sämtliche im Hotel befindliche Journalisten aus allen möglichen Ländern der Gefahr ausgesetzt, von dem aus Zigtausenden bestehenden vorbeiziehenden Zug der Muslimbrüder und -schwestern unmittelbar gelyncht zu werden. Mittendrin statt nur dabei, und dennoch fast völlig ohne Übersicht. Ich räume ein: die Fernsehstationen und Internetkanäle, die ich hier habe, die hat er dort auch. Er hat Mitarbeiter, Kontaktleute, Kollegen. Es gibt Zugang zur arabischen Sprache und zur Straße. Während der beiden Live-Schalten zwischen zehn und halb elf hatten ihm all diese Dinge nicht sehr viel genützt. Nichts für seine Arbeit. Ich hoffe, dass es mittlerweile besser aussieht. Und wenn nicht, dass das ganze Equipment zumindest in Hinblick auf die Sicherheit von Leib und Leben aller Kollegen zu etwas gut ist.  

Wie kann denn so etwas sein, dass Hunderttausende ungebremst aufeinander zu marschieren können, vielfach bewaffnet, teilweise auch schwer bewaffnet? Hunderttausende fanatisierte Islamisten auf der einen Seite gegen ebenfalls Hunderttausende von ihrem Sieg bereits überzeugte Mursi-Gegner auf der anderen Seite? Stundenlang ist von Militär und Polizei, wie übereinstimmend berichtet wird, nichts gesehen worden. Etwa während der heute-Journal-Sendung, als die beiden Massen sich auf breiter Front zu begegnen begannen, scheint sich diesbezüglich etwas geändert zu haben. Vielleicht wissen Sie zum Zeitpunkt der Lektüre dieses Artikels ja schon mehr. Ich höre vom ungezügelten Aufeinandertreffen der Massen und den daraus resultierenden Metzeleien. Oder von der Armee, die „dazwischen“ gehe. Aber auch von der Armee, die triumphierend, gemeinsam mit Aktivisten der bisherigen Opposition auf den Panzern, Islamisten abschlachtet. Die Lage ist unübersichtlich. Was wäre eigentlich, wenn alle drei Schilderungen zuträfen? In der City von Kairo. Und außerhalb des Stadtzentrums, in den anderen Großstädten, an all den anderen Ort, von wo uns Berichte von Schlachten erreichen?  


Ja, wie kann denn so etwas sein, dass es die Armee überhaupt so weit kommen lässt? Die hat doch das ganze Land mit Spitzeln durchsetzt und könnte abriegeln, wo immer sie auch wollte. Allerdings: die Muslimbruderschaft hat auch das ganze Land mit Spitzeln durchsetzt. Damit kann sie zwar nicht abriegeln, damit kann sie aber abriegeln lassen. Die Muslimbruderschaft liefert am Freitagabend, berichtet Ossenberg, in Kairos Straßen eine strategisch-taktische Meisterleistung ab. Perfekte Organisation, blitzschnelle Angriffe und Rückzüge, den an den Abenden zuvor noch jubelnden Volksmassen in jeder Hinsicht kämpferisch überlegen. Aber was war mit der Armee? Konnte sie nicht oder wollte sie nicht. Es gibt durchaus Aspekte, die für ein Nicht-Können sprechen. Islamistischer Terror, klug verteilt in der Fläche, binden die Streitkräfte überall im Lande weit außerhalb des „eigentlichen Geschehens“. Offenbar generalstabsmäßig koordiniert mit den Massenkämpfen in Kairo und in den anderen Städten. Ein - falls überhaupt angestrebter - Überrumpelungseffekt durch die Verhaftung der gesamten Muslimbrüderführung unterblieb.  


So etwas kann aber auch gar nicht funktionieren, was einer von den USA bestens ausgebildeten Militärführung eigentlich auch bekannt sein sollte. Zur Erinnerung: die ägyptische Armee wird mit einer Milliarde Euro jährlich von den USA unterstützt. Klar ist: auch mit dieser Power wird man die Muslimbruder nicht noch einmal für Jahrzehnte am Boden halten können. Aber lässt sich so der Verlauf der Ereignisse in der Nacht von Freitag auf Samstag erklären? Amerikanische Journalisten spekulieren, die Armee habe ganz gezielt den Eindruck entstehen lassen, das gesamte Land versinke hoffnungslos in Chaos und Anarchie, in Mord und Totschlag, um auf diese Weise eine Legitimation für für eine harte, also kaum noch verschleierbare, Militärdiktatur zu erhalten. Eine Spekulation, mehr nicht. Martin Gehlen (Zeit, Tagesspiegel, WAZ, etc.) meldet soeben aus Kairo, Mursi werde bereits kommende Woche einem Untersuchungsrichter vorgeführt. Man werde ihm als Anklagepunkt „Beleidigung der Justiz“ zur Last legen. Das ginge in Richtung der amerikanischen Gerüchte. Ich weiß es nicht. Die Lage ist unübersichtlich in Ägypten.



Werner Jurga, 06.07.2013




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