Die neue Volkskrankheit:
Sozialdemokratisierung


Montag, 9. April 2012. Haben Sie sich das schon einmal vorgestellt? Sie wachen morgens auf und spüren sogleich, dass mit Ihnen heute nicht viel los ist? Kein revolutionärer Tatendrang durchströmt Ihren Körper, nur eine irgendwie alles lähmende Unentschlossenheit. Aufstehen oder nicht Aufstehen? Und wenn Aufstehen, warum eigentlich? Warum jetzt, wo Sie es sich doch so bequem und kuschelig in Ihrem warmen Bett eingerichtet haben? Warum jetzt, wo Sie doch genau genommen selbst zu den Profiteuren des Systems zählen? Es hilft nichts: Ihr deutsches Pflichtbewusstsein treibt Sie raus – ins Bad, schließlich interessiert Sie die Frage, was mit Ihnen eigentlich los sein könnte, und zwar keineswegs in unerheblicher Weise. Sie werfen einen Blick in den Spiegel und stellen zu Ihrem Erschrecken fest: ja, es ist passiert! Sie sind sozialdemokratisiert. Au Backe! Sozialdemokratisiert – ausgerechnet Sie!

 

Was waren Sie früher für ein schneller Junge oder für ein flottes Mädel! Und jetzt?! Abgeschlafft glotzen Sie in den brutalen Spiegel Ihres Badezimmers und schämen sich angesichts dessen, was Sie darin sehen müssen. Revolutionärer Elan – totale Fehlanzeige. Keine bürgerliche (Freiheits-) Revolution, keine sozialistische Revolution, keine konservative Revolution, überhaupt keine Revolution. Zu sehen sind nur Sie und in ihr Gesicht eingraviert Ihr spießiger, absolut langweiliger Sozialdemokratismus. Kein Wunder! Hatten Sie sich nicht kürzlich noch im kleinen Bekanntenkreis darüber beklagt, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklaffe und dass deshalb eine Gerechtigkeitslücke aufgerissen sei, die es zu schließen gelte? Und – seien Sie ehrlich – hatten Sie dabei etwa nicht anstatt an eine echte Revolution im Grunde genommen an eine Politik der kleinen Schritte gedacht? An eine ganze Reihe sozialer Reformen? Und da wundern Sie sich darüber, wie Sie aussehen?!

 

Grämen Sie sich nicht! Trösten Sie sich damit, dass Sie nicht der / die Einzige sind, der / die es erwischt hat. Gegen die Sozialdemokratisierung ist nämlich im Grunde kein Kraut gewachsen. Es sei denn, Sie sind, bleiben oder werden unpolitisch. Das wäre eine Möglichkeit, allerdings auch die einzige. Jeder andere Weg führt über kurz oder lang … - doch doch! Es nützt überhaupt nichts, wenn Sie jetzt mit der roten Fahne und / oder der Mistgabel in der Hand rausrennen und für jedermann vernehmbar „Revolution“ brüllen. Im günstigsten Fall können Sie nach der Zwangseinweisung beim Internationalen Gerichtshof die Anerkennung als politischer Gefangener beantragen, der menschenrechtswidrig psychiatriert wird. Doch selbst dieser Fall ändert wie der wahrscheinliche – nämlich der, dass überhaupt nichts passiert – nichts daran, dass Ihre politische Wirkung in äußerst bescheidenem Rahmen bleiben dürfte, Sie also unpolitisch sind.

 

Für politisch gesonnene Zeitgenossen gibt es kein Entkommen aus dem Sog der Sozialdemokratisierung. Großen Respekt verdienen die Freunde von der „Freien Demokratischen Partei“ (FDP), die bis zuletzt versucht hatten, sich gegen den Virus der Sozialdemokratisierung zu stemmen. Okay, fast bis zuletzt. Sehen wir es ihnen nach, dass sie jetzt, im Sterbebett auf der Intensivstation, winselnd ums Überleben flehen! Keine Steuersenkungen mehr, stattdessen Verzicht auf staatliche Neuverschuldung – vermutlich kommt es zu spät, dieses Einschwenken auf die herrschende Linie, die vor etwa zwei Jahren noch ein sozialdemokratisches Alleinstellungsmerkmal bildete. Dennoch: in dieser Situation verbietet der Respekt, über die FDP zu witzeln. Wenn es um Leben und Tod geht, dann … - sagen wir es so: „lieber tot als rot“ ist heutzutage nicht mehr so recht mehrheitsfähig.

 

Und die Anderen? Bei den Grünen unterschreibt man die Bereitschaft zur Sozialdemokratisierung schon mit dem Aufnahmeantrag. Die Sozialdemokratisierung der CDU darf inzwischen als weitgehend abgeschlossen gelten, sehr zum Ärger der CSU, die ohnehin schon immer viel sozialdemokratischer gewesen ist und war als ihre restdeutsche Schwesterpartei und sich deshalb die ein oder andere reaktionäre Zickerei leisten kann, die man – obwohl tiefster sozialdemokratischer Seele entsprungen wie die Herdprämie oder manche law-and-order-Rufe – der CDU als aus der Mode gekommen ankreiden würde. Sozialdemokratisierung allerorten, außer vielleicht bei der „Partei der Nichtwähler“ (Produktname: Piratenpartei), bei der (noch?) die Regel Nummer Eins volle Gültigkeit besitzt: unpolitisch als einzig mögliche Alternative zur sozialdemokratischen. Aber wer weiß … - man ist ja noch so jung.

 

Der Virus der Sozialdemokratisierung wäre auf ganzer Linie siegreich, wären da nicht auf der linken Seite einige tapfere Revolutionäre, die sich mit aller Kraft gegen ein Abgleiten in den Reformismus und Revisionismus zur Wehr setzen. So hat in Duisburg kürzlich ein Landesvorstandsmitglied der Linkspartei dem hiesigen Fraktionsvorsitzenden den unerhörten Vorwurf des Sozialdemokratismus entgegen geschleudert. Die Duisburger Linksfraktion hat nämlich nichts gegen den Bau eines Einkaufszentrums im Norden der Stadt einzuwenden. Merke: Einkaufszentren sind irgendwie sozialdemokratisch! Oder, wie es Dustin Hoffman als Rainman im gleichnamigen Film treffend auf den Punkt gebracht hatte: „Einkaufszentrum ist Scheiße.“ Leider verhindert die schleichende Sozialdemokratisierung diese für jeden echten Revolutionär fundamentale Einsicht inzwischen schon bei den Linken.

 

Andererseits: auch das ist kein Wunder. Also die Sozialdemokratisierung der Linkspartei-Linken; schließlich handelt es sich bei dieser Partei um den Zusammenschluss aus der PDS (im Osten) und der WASG (im Westen). WASG, das war die Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit, ein Zusammenschluss enttäuschter Gewerkschafter und Sozialdemokraten, die sich unter dem Eindruck der Schröder-Agenda von der SPD abgewendet hatten. Hartz IV sei „Armut per Gesetz“, erklärten sie. Sozial nicht zu vertreten und ökonomisch falsch wegen der Senkung der Massenkaufkraft. Gerade die Transferleistungseinkommen würden in hohem Maße sofort nachfragewirksam. Vermutlich im Einkaufszentrum, wie ich annehmen muss. Woraus sich die Frage ergibt: können sich Sozialdemokraten eigentlich sozialdemokratisieren?

 

„Einkaufszentrum ist Scheiße“? Eine Machenschaft profitgieriger Konzerne? – Nichts da! Ein Einkaufszentrum steht für die realistischen Kreise des Großkapitals, die letztlich auf eine Stärkung der Massenkaufkraft weder verzichten können noch wollen. Das Einkaufszentrum als gleichsam historischer Kompromiss zwischen Kapital und Arbeit, insofern sozialdemokratisch, schon wahr. Dass alte, vor sich hingammelnde Häuser realsozialistisch sind, ist ebenso bekannt. Und Sie? Was ist jetzt mit Ihnen? Stehen Sie noch immer im Bad vor Ihrem Spiegel? Nun, dann aber mal flott! Sehen Sie mal zu, dass Sie die realsozialistischen Züge aus Ihrem Gesicht wegkriegen! Es könnte jetzt wirklich einmal eine kleine Sozialdemokratisierung vertragen. Nein, nein, keine Revolution. Kein Botox oder sowas. Wasser und Seife, danach vielleicht etwas Kreme, fertig. Ja okay, das ist vielleicht ein bisschen spießig, macht sich aber einfach besser. Glauben Sie mir!

 

Werner Jurga, 09.04.2012





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