Foto: Stepan (via Wikipedia)

Claudia Roth ist empört

Dienstag, 19. Juli. Claudia Roth ist empört. Und wenn sie empört ist, wird sie wütend. Und dann regt sie sich richtig auf, die Claudia Roth. Hinzu kommt: Claudia Roth ist ziemlich oft empört. Stets und ständig, über alles und jeden. Womit wir bereits die Ursache dafür ermittelt haben, warum wir Claudia Roth immer nur so aufgeregt zu sehen bekommen.
Damit zeigt sie eine Fähigkeit, die mir mit zunehmendem Alter mehr und mehr abhanden zu kommen droht. Zwar passt auch mir so einiges nicht, doch meist knöttere ich recht still vor mich hin. Eigentlich sollte ich mal, genau genommen müsste ich mal … - doch es will nicht mehr. Irgendwie kann ich mich kaum noch so richtig aufregen. Nicht einmal über Claudia Roth. Dabei: die nervt echt!

Am Sonntagabend zum Beispiel. Ich hänge ganz friedlich bis lethargisch im Sessel, gucke im ZDF die Nachrichten und richte mich darauf ein, mir danach Berlin direkt anzusehen. Dass schon jetzt, obwohl hier in NRW noch gar keine Ferien sind, die Sommerinterviews begonnen hatten, hatte ich völlig verdrängt. Die Aufregung darüber, dass Bundespräsident Wulff einen Urlaub vortäuschen musste, hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht mitbekommen.
Ja, auch dieses präsidiale Norderney-Interview hatte ich mir angesehen. Ich hänge halt am Sonntagabend häufig einfach nur so rum. Ich gebe zu, ich hatte es einfach wieder vergessen. Wulff an der Nordsee. Ja und?! Selbst wenn ich gewusst hätte, dass der arme Kerl für diese Show extra mit dem Hubschrauber aus Berlin hin- und auch wieder zurückgebracht werden musste, hätte mich das nicht groß aufgeregt.

Gut, dass das die Claudia Roth auch noch nicht gewusst hatte. Was hätte die sich aufgeregt! Auf Kosten des Steuerzahlers, Täuschung der Öffentlichkeit, usw. usf. Gut, dass mir dies erspart geblieben ist! Hinterher hätte ich mich darüber auch noch aufgeregt. Nein, nicht über den Wulff. Sondern über das „Eichhörnchen auf Ecstasy“, wie Harald Schmidt die grüne Parteivorsitzende in aller Liebe bezeichnet hatte. Christian Wulff ist nicht aufregend.
Das darf er ja auch gar nicht sein; denn der ist ja Präsident. Schwebt also über den Parteien, zur Not auch im Highspeed-Helikopter. Nun aber sind die Parteivorsitzenden dran.
Los ging es mit Frau Roth – auch am Wasser. „In der Heimat“, wie sie sagt, am Bodensee. Womöglich macht sie dort tatsächlich Urlaub. Sie strahlt. Thomas Walde, der ZDF-Moderator eröffnet mit der Frage: „Was hat Sie in Berlin in der vergangenen Woche politisch so aufgeregt, dass Sie sich jetzt hier erst mal davon erholen müssen?“

Kein Problem. Im Gegenteil: Super Frage. Claudia darf das Thema bestimmen und kommt sofort mächtig in Fahrt. „Die Reise der Kanzlerin“. Der Hunger in Afrika, Merkels Rüstungsexportpolitik. Walde fällt ihr mit dem Hinweis ins Wort, die rot-grüne Waffenexportpraxis sei nicht wesentlich anders gewesen. Roth regt sich nun wirklich auf, gesteht aber damalige „Fehler“ ein, gibt jedoch zu bedenken, … - Nun gut, Rüstungsexporte sind nicht ihr Spezialgebiet.
Weiter geht´s mit der Eurokrise. Leider erst recht nicht ihr Spezialgebiet. Dann endlich die Energiewende. Walde gibt zu bedenken, Bürgerinitiativen blockierten vor Ort die beim Atomausstieg nötigen Ersatzinvestitionen. Roth hält Kohlekraftwerke nicht für die richtige Alternative; die Zukunft gehöre den erneuerbaren Energien. Walde weiß von Windrädern, Trassen für Überlandleitungen, Pumpstationen und Stauseen zu berichten, gegen die auch Grüne demonstrierten. „Dann gibt es dafür auch Gründe!“ kontert die Parteichefin emotional stark bewegt. Nicht mit Claudia! In der Gewissheit, dass dieser Punkt an sie ging, schaltet sie wieder um auf ihr bezauberndes Lächeln.

Jetzt aber endlich weg von diesen lästigen Sachthemen. Walde wirft die Koalitionsfrage auf; ärgerlich: noch lästiger. Mit der Antwort, dass „wir Grüne“ diese Frage dann, wenn … - also frühestens in einem Jahr – gibt sich der Typ nicht zufrieden: „aber Sie persönlich?“ Mist. „Wir Grüne“, „wir Grüne“, „wir Grüne“ – Claudia eiert rum, beginnt zu torkeln. Bis ihr schließlich einfällt: das wäre doch gar nicht nötig gewesen. Da hätte sie auch früher drauf kommen können.
Bei den Grünen ist das nämlich so: es gibt – sowohl in der Partei als auch in der Fraktion – immer zwei Vorsitzende. Der eine ein Mann, die andere eine Frau. Und – jetzt kommt´s: immer ein Linker und ein – nein, kein Rechter, sondern – Realo. Oder eine Reala. Am besten so wie jetzt: einmal ist der Mann links (Trittin) und die Frau eine Reala (Künast), das andere Mal der Mann Realo (Özdemir) und die Frau links. Nämlich Claudia Roth.

Na also. Blöd, dass sie da nicht sofort drauf gekommen ist. Richtig. „Ich bin ja eine Linke“, fiel Claudia endlich ein. Das war die Rettung, da konnte sie ja sagen: „Wir stehen der SPD deutlich näher als der CDU.“ Und nix mit „Äquidistanz“; diesen Part beackert doch der Cem. Der ist doch der Realo. Gleicher Abstand zur CDU wie zur SPD. Ein wenig rechts von der SPD, jedenfalls weniger als links von der CDU – das ist wahrscheinlich irrealo, auf jeden Fall ziemlich links. Puh, das wurde aber auch Zeit! Und der Walde hat nichts gemerkt. Wie auch?!
Der bohrt gleich weiter mit der K-Frage. Nicht wen, sondern ob denn die Grünen überhaupt einen Kanzlerkandidaten nominieren werden. Dazu hatte Frau Roth nun offensichtlich überhaupt nichts im Briefing. Also: „Wir Grüne“ werden diese Frage dann, wenn … - Wonach sich dies denn dann richte, wollte der ZDF-Journalist dann noch wissen. Ob es dafür einen Kriterienkatalog gäbe. Da hatte sich die Claudia aber wirklich aufgeregt. Sie sage das, was sie sagen wolle, und sonst gar nichts. „Danke, Frau Roth!“ bedankt sich der Moderator artig – im sicheren Gefühl, dass dieser Punkt an ihn ging.

Dabei ist die Frage gar nicht so schwer. Sie ist so leicht, dass sie eigentlich schon fast gar keine Frage mehr ist. Liebe Claudia Roth, lieber Thomas Walde, es ist doch so: wenn die Grünen im Herbst 2012 immer noch Umfragewerte von deutlich mehr als 20 Prozent erzielen, stellen sie einen Kandidaten auf. Liegen sie jedoch nur noch bei 18 Prozent, lassen sie es.
Walde weiß das, Roth eigentlich auch. Sie weiß aber nicht, ob sie das sagen darf. Darüber könnte ich mich aufregen.

Werner Jurga, 19.07.2011