Das Land, die Liebe und die Einschaltquote

Samstag, 16. Juli. So Freunde, jetzt machen wir mal ein Quiz! Denn: was könnte es Schöneres geben als ein Quiz?! Quiz geht immer. Das macht doch Spaß. Nun aber genug der Vorrede. Hier kommt sie schon, die erste Frage. Gut aufgepasst! Na, wer hat das gesagt? "Ich liebe auch mein Land und bin ganz glücklich, dass ich in diesem Land groß werden durfte und leben darf und jetzt Staatsoberhaupt sein darf.“ Ja, ein Staatsoberhaupt. Richtig, kurz nach der Wahl gesagt.
Okay, ich werde mal ein wenig helfen. Gesagt hat es ein Mann, und das Zitat geht direkt damit weiter, dass dieser Mann begründet, warum er sein Land liebt. Nämlich – nochmal aufgepasst - "weil ich finde: unser Land ist ein wunderbares, ein großartiges Land. Das darf man auch lieben. Man darf auch seine Heimat lieben.“ Wer könnte es wohl gewesen sein? Wer könnte das wohl gesagt haben? Nun überlegen Sie mal schön!

In der Zwischenzeit erzähle ich unserem Publikum, während Sie grübeln, dass gestern Abend Jürgen von der Lippes neue Show eine tolle Einschaltquote erzielen konnte. 3,38 Millionen Zuschauer sahen zu, ein Erfolg. „Ich liebe Deutschland“ heißt von der Lippes neue Sendung. Sie lief nicht im Ersten, wie dereinst der Dauererfolg „Geld oder Liebe“, sondern auf Sat1. Es war auch nicht die große Samstagabendshow, sondern einfach nur ein Quiz. Dennoch präsentiert wie eine Art Kindergeburtstag.
So gesehen sind fast dreieinhalb Millionen Zuschauer wirklich nicht schlecht. Auch die Kritik ist ganz angetan von „Ich liebe Deutschland“; die
WAZ schreibt: „Nach diesem Auftakt scheint klar: Das Format hat Potenzial für mehr.“ Mehr als die bislang geplanten sechs Sendungen. Haben Sie sich inzwischen überlegt, von wem das oben angeführte Zitat stammen könnte? Irgendein Amerikaner oder Franzose? Ja, es ist schwierig. Die lieben ja alle ihre Länder so innig; da könnte unsereins fast neidisch werden.

Jürgen von der Lippe jetzt nicht so sehr. „Mein Verhältnis zu Deutschland ist entspannt“, sagt er, was sich nicht nach wahrer Liebe anhört, und: „mein Verhältnis zu dem Titel ist nicht ganz so entspannt.“ Nützt aber alles nichts; denn Jürgen ist jung und braucht das Geld. Und Sat1 braucht sowieso Geld, also auch Sendetitel, die das Volk so richtig ansprechen. Irgendwie eine faustische Situation. „Ich reagiere panisch, wann immer ich in den Verdacht geraten könnte, nationalistische Strömungen zu unterstützen.“ Guten Morgen, liebe Sorgen! Seid Ihr auch schon wieder da?
Ach was, kein Grund sich Sorgen zu machen. Ein Quiz über Deutschland, die Show ganz witzig, manchmal etwas albern, klasse Einschaltquote, kurzum: ein
sagenhafter Start. Im Grunde genauso ein sagenhafter Start wie der von Christian Wulff. Von dem stammt nämlich, um Ihnen des Rätsels Lösung zu verraten, obige Liebeserklärung an das „wunderbare und großartige Land“. 

„Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau“, antwortete Gustav Heinemann dereinst auf die Frage, ob er Deutschland liebe. Die entsprechende Fragestellung an Wulff hatte ausdrücklich auf dieses Heinemann-Zitat Bezug genommen. Andere Zeiten, andere Bundespräsidenten. „Ich liebe Deutschland“, das ist die coole Message heutzutage. Egal ob als über den Politikern schwebender Ersatzkönig oder als Quizfragen vorlesender Fernsehstar: das Volk zu belustigen heißt, Deutschland zu lieben.
Blöd nur, wenn das Volk es ernst meint. Wenn Leute, von denen man sich nur schwer vorstellen kann, dass sie wüssten, was Liebe bedeuten könnte, auch noch vorgeben, Deutschland zu lieben. Ausgerechnet Deutschland. Und wie soll das eigentlich gehen, Deutschland lieben? Vielleicht so wie
Alexandra. Alexandra ist Fußballerin, Außenverteidigerin in der US-Nationalmannschaft. Und sie liebt Deutschland, sagt sie. Deshalb hat sie sich das Wort „Liebe“ auf den Unterarm tätowieren lassen. In deutscher Sprache, versteht sich.

Alexandra heißt mit Nachnamen Krieger. Dafür kann sie aber nichts.

Werner Jurga, 16.07.2011