Sonntag, 13. Juni 2013, nachmittags. „Ägypten bereitet sich auf Massenproteste vor“, meldet Reuters. Da sowohl Anhänger wie auch Gegner sich zu Großdemonstrationen formieren, werden „schwere Auseinandersetzungen“, sprich: ein Blutbad, befürchtet. Während sich in Kairo die Seiten, wenn sie nur wollten, aus dem Weg gehen könnten, scheint dies in Alexandria und Port Said angesichts der erwarteten Massen allein schon räumlich gar nicht möglich zu sein. „Die Armee drohte mit einem Eingreifen, falls die Lage außer Kontrolle gerate“ (Reuters).  

In der Juli-Ausgabe des Cicero schreibt der deutsch-ägyptische Sozialwissenschaftler und Journalist über die Umstände der Todes-Fatwa gegen ihn. Ich zitiere einen kleinen Ausschnitt.

Werner Jurga, 30.06.2013



Hamed Abdel-Samad: 

"Wanted dead“


Alles begann am 4. Juni. Ich hielt in Kairo einen Vortrag über den „religiösen Faschismus in Ägypten“ und vertrat die These, dass das faschistoide Denken im Islam nicht erst mit dem Aufstieg der Muslimbrüder begonnen habe, sondern in der Urgeschichte des Islam begründet sei.  

...  

Kurz darauf versammelte sich eine Gruppe islamischer Geistlicher und wollte meine Argumente live im Fernsehen entkräften. Nachdem sie zahlreiche Beispiele aus der Biografie des Propheten und aus dem Koran zitiert hatten, die beweisen sollten, dass der Islam Vielfalt und andere Meinungen respektiere, diskutierten sie, wie ich für die Verunglimpfung des Islam bestraft werden sollte. Das Urteil fiel schnell und einstimmig. Ich sollte getötet werden!  

Allein wie ich getötet werden sollte, und wer die Macht habe, meine Tötung zu verfügen, wurde weiter debattiert. Ein Fernsehprediger sagte, ich solle zur Reue und zur Rückkehr zum Islam eingeladen werden; sollte ich das ablehnen, müsse der Herrscher Ägyptens mich töten. Ein Professor aus der renommierten Al-Azhar-Universität und ein Anführer der Terrorbewegung Dschamaa Islamiya forderten meinen sofortigen Tod ohne Reue, denn ich soll auch den Propheten beleidigt haben, und da helfe keine Reue. Einer von ihnen sah keine Notwenigkeit, den Herrscher Ägyptens vor meiner Tötung um Erlaubnis zu bitten.


Hamed Abdel-Samad

Cicero, Ausgabe Juli 2013, S. 78.




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