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Rechtsextremismus
in Duisburg 2012 (Teil 2):
Die
Antifa
über drei ehrenwerte Herren
Freitag, 12. April 2013. Die Antifa
hat einen Bericht mit dem Titel „Rechtsextremismus
in Duisburg 2012“, eine Art lokaler
Verfassungsschutzbericht von linksunten,
der sich durch ein überraschendes Maß an Realitätskongruenz
auszeichnet. Am Ende befassen sich die am linken Rand des politischen
Spektrums zu verortenden Autoren mit dem „Rassismus
und Antiziganismus aus der `Mitte der Gesellschaft´“, was
vorgestern hier dokumentiert
wurde. Damit haben sie, nicht ganz so überraschend, für
Empörung gesorgt - wahrscheinlich bei denjenigen, die dort Erwähnung
gefunden haben, gewiss jedenfalls bei einigen, die die derart Gescholtenen
nicht gern „in einem Atemzug“ mit organisierten Rechtsextremisten
genannt wissen möchten. Nun führen die Autoren die Personen aus der
„Mitte der Gesellschaft“ zwar nicht „in einem Atemzug“ mit
den Neonazis von der NPD und anderen einschlägigen Vereinigungen
auf, aber eben doch in einer Publikation. Zudem sprechen sie von
„Ausfällen bürgerlicher Rassist_innen“, was die
Schlussfolgerung aufdrängt, dass es sich bei den Genannten um
Rassisten handeln müsse.
Eine solche Bezichtigung
ist freilich schwerwiegend, verletzend und alles Andere als
unproblematisch. Allerdings verhält es sich bei den Belegen, die die
linksunten-Gruppe auf Indymedia anführt, nicht viel anders.
Vorgestern sind wir bei Dr. Michael Willhardt stehengeblieben,
eigenen – glaubhaften – Angaben zufolge ein „Altlinker“, der
sich im Sommer 2011 namens einiger Hochfelder Hauseigentümer in
einem Offenen
Brief an die Stadt Duisburg gewandt hatte. Darin möchte er
„gegen den Zuzug von Bulgaren“ und „die damit einhergehende
Verwahrlosung der Zivilgesellschaft“ protestieren. Freilich sind
Willhardt und „alle Mitstreiter“ selbstredend „unbedingte
Verfechter der europäischen Idee“, was schon allein deshalb
erwähnenswert ist, weil man noch nie etwas von deren Verfechtungen
gehört hatte. Willhardt und seine Kampfgefährten, die es „begrüßen
würden, wenn...“ - so ganz ohne Bedingungen kommen auch die
„unbedingten Verfechter“ nicht aus - „wir hier zivilisierten
Menschen aus welcher Nation der Welt auch immer begegnen“. Ab wann
darf man es Rassismus nennen?!
Die jungen Leute von der
Antifa belassen es bei
der Formulierung, dass Willhardt „damit den Alltagsrassismus
nährte“. Irgendwelche Einwände? Wie sollte man Ihres Erachtens
jemanden nennen, der als unbedingter Verfechter der europäischen
Idee gegen den Zuzug von Bulgaren“ protestiert, weil damit eine
Verwahrlosung der Zivilgesellschaft einhergehe? Der mit dem Diktum
„nicht zivilisiert“ vorgibt, auf zivilisationstheoretische
Überlegungen zu rekurrieren, wo es ihm allein darum geht,
unterschwellig auf die ethnische Zugehörigkeit der Neubürger
anzuspielen? „2012 setzte der Vorsitzende des Vereins“, um mit
dem Antifa-Bericht
fortzufahren, „Michael Willhardt, noch eins drauf und kündigte mit
den Worten `Hochfeld ist nicht zu retten´, analog zu Oswald
Spenglers Märchen vom Untergang des Abendlandes, den Untergang
Hochfelds aufgrund der Zuwanderung an.“ Als ob wir am Untergang
Deutschlands nicht schon genug zu knabbern hätten, warnt
Willhardt nun auch noch vor dem Untergang Hochfelds. Der Mann ist
promovierter Soziologe; der muss es ja wissen.
Mit
der Formulierung, dass er „damit den Alltagsrassismus nährte“,
ist Willhardt ganz gut bedient. Warum nun auch noch Oswald
Spenglers „Untergang
des Abendlandes“ angeführt und Willhardt damit in die Nähe
des Faschismus gerückt werden musste, bleibt das Geheimnis der
Autoren. Mag sein, dass einer von ihnen kürzlich ein
Sprengler-Seminar belegt hatte, und uns erklären könnte, dass
Willhardts Gequatsche alle Züge präfaschistischer Stimmungsmache
aufweist, allein: das macht aus einem Willhardt noch lange keinen
Sprengler. Genau so, wie durch das unwissenschaftliche Verquirlen
nicht so recht zusammenpassender Begriffen wie „zivilisiert“ und
„Zivilgesellschaft“ aus einem Schmock noch lange kein großer
Soziologe wird. Zu Willhardts Kommunikationsmanagement in 2012 wäre
noch weit mehr zu erzählen gewesen, doch nach
diesen wenigen Zeilen sind die Leute von linksunten
mit dem „Märchen
von Hochfelds `Untergang´” durch. Ich würde auch sagen: es hat
gereicht; zumal: nun wenden sie sich den „geschichtsvergessenen
`Deportationswünschen´ in Bergheim“ zu.
Hier haben wir es in der
Tat mit einem anderen Kaliber zu tun, was möglicherweise erklärt,
dass selbst die Antifa Herrn Dr. Willhardt – zurecht, wie
ich finde – den Rassismusvorwurf erspart. Was sich einige
Mitbürgerinnen und Mitbürger des Stadtteils, in dem ich lebe, in
2012 erlaubt haben (und immer noch erlauben), … - nun, die
Unterüberschrift gibt schon einmal den passenden Vorgeschmack:
„geschichtsvergessene `Deportationswünsche´ in Bergheim“.
Wobei: das von den Autoren gewählte Attribut „geschichtsvergessen“
stimmt mit den Tatsachen nicht ganz überein. Insofern liegen die
Dinge noch schlimmer, als die Überschrift glauben machen könnte.
Hans-Wilhelm Halle, Anstifter und Anführer der rassistischen
Umtriebe in Duisburg-Bergheim, weiß nämlich nur zu genau, was es
mit dem, im Grunde in unserer Gesellschaft zurecht geächteten,
Begriff der „Umsiedlung“ - auch und gerade in Zusammenhang mit
„Zigeunern“ - auf sich hat. „Nazizeit – damit habe ich nichts
zu tun“, beschied er mir, ohne dass ich ihm mit der
„Nazikeule“ gekommen wäre. „Denn da war ich noch gar nicht auf
der Welt.“ Er sieht das wirklich so.
Zum Text des
Rechtsextremismus-Berichts 2012 der Antifa: „Im Herbst 2012
erreichte der Diskurs um Zuwanderung aus Südosteuropa...“ - wie
gesagt: Halle ist ein politisch gut informierter Mensch. Aber mit ihm
einen „Diskurs“ um Zuwanderung aus Südosteuropa zu führen,
dürfte ein Ding der Unmöglichkeit sein. Egal, weiter im Text:
besagter Diskurs erreichte „mit der Forderung nach einer
`Umsiedlung´ in Duisburg-Bergheim ansässiger Zuwander_innen –
einen neuen antiziganistischen Höhepunkt.“ Ja, so war das. Sodann
werden neben Hans-Wilhelm Halle die weiteren Erstunterzeichner
genannt (die ich hier nicht namentlich nennen möchte; daher die
etwas zerhackte Zitierweise). Konkret gehe es bei der
Unterschriftensammlung um eine Fülle „kulturrassistischer und
wohlstandschauvinistischer Begründungen für die Forderung (nach
Umsiedlung der Zuwanderer). Etwa 300 Menschen aus dem Viertel
unterschrieben dieses Papier.“ So weit bekannt, die Lokalzeitungen
u.a. hatten darüber berichtet.
Die Adjektive
„kulturrassistisch“ und „wohlstandschauvinistisch“ zeugen ein
wenig von einem Sektendeutsch, treffen den Nagel aber auf den Kopf.
Hätten die Autoren statt ihres Szenesprechs original aus der
Unterschriftensammlung zitiert, nämlich einem Offenen Brief an
politische Entscheidungsträger, wäre uns nur die politische
Fortbildung verlorengegangen, der Text selbst wäre jedoch um keinen
Deut appetitlicher geworden. Ganz gewiss nicht! „Doch damit
hatten“, fahren die Indymedia-Leute fort, „die Rassist_innen
nicht genug“. Nun gut, so spricht man halt bei Linksradikalinskis:
der Klassenfeind kriegt nie genug, die Rassisten haben nie genug, und
heißen heutzutage – allein schon wegen der dringend gebotenen
Gender-Korrektheit - „Rassist_innen“ (immerhin sind die Frauen
linksunten gleichberechtigt). Man mag diesen Sound amüsant
finden oder auch nicht; was berichtet wird, ist die Wahrheit: „Anfang
Oktober verteilten einige von ihnen Flugblätter vor dem Rathaus mit
der Überschrift `Raus mit den Zigeunern´.“ Wobei „einige von
ihnen“ nahelegt: es seien deutlich weniger als 300 Menschen
gewesen.
Tatsache ist aber, dass
„einige von ihnen“ ganz schön Viele vor dem Rathaus Rheinhausen
waren, als im Oktober 2012 drinnen die Bezirksvertretung tagte.
Aggressive Stimmung, ein rassistisch aufgeputschter Mob, der
demokratisch gewählte Volksvertreter unter Druck setzen wollte. Ein
in dieser Form gewiss einmaliger Vorgang, geschehen vor knapp einem
halben Jahr. Keine Zugereisten, keine organisierten Nazi-Kader,
sondern aufgebrachter ortsansässiger Pöbel, wie wir es aus
Westernfilmen in Dodge City kennen. Kleiner Unterschied: kein Western
ohne den Helden, der dem Mob zuruft: „Leute, geht nach Hause!“
Worauf sich die ach so braven Bürger artig verziehen. Nun haben wir
gottlob in Rheinhausen keinen Führer, dem die hässlichen Mitbürger
immer und umstandslos folgen würden. Auch Karsten Vüllings,
Sprecher der bürgerlich-liberalen Wählervereinigung (BL) in
Rheinhausen, entspricht nicht zu 100 % dem Typus des Westernhelden.
Doch in der damaligen, auch von ihm als zugespitzt empfundenen
Situation will er deeskalierend gewirkt haben.
Um überhaupt in diesem
Klientel, das 70 bis 80 Jahre hinter der Zeit zurückgeblieben zu
sein scheint, Gehör finden zu können, muss Vüllings sich notwendig
darauf einlassen, „Volksnähe“ unter Beweis stellen. Gleichzeitig
ist er Mandatsträger für die BL in der Bezirksvertretung. Man kann
es Basisverankerung eines Lokalpolitikers nennen, unter den gegebenen
Umständen ist es zwingend auch ein Doppelspiel. Die Antifa,
die Vüllings namentlich gar nicht erwähnt, sondern nur die BL,
stellt in ihrer Darstellung freilich nur die eine Seite
heraus: „Unterstützung erfahren sie (die „Bergheimer
Rassist_innen“) von der Kleinstpartei `Bürgerliche Liberale´,
welche auf der Webseite ihrer Zeitung die Unterschriftensammlung
hostet und für weitere rassistische Aussagen der Anwohner_innen eine
Plattform bietet, sowie in ihren Artikeln selbst eine Ethnisierung
sozialer Probleme betreibt, in dem z.B. Fotos von Müll die
Bildunterschrift `Müllentsorgung auf bulgarisch!´ erhalten.“ So
steht es im Indymedia-Bericht; alles zutreffend, mit Quellenangaben
bestens belegt.
Andererseits hilft
Vüllings – und er ist die BL in Rheinhausen – aber auch
tatkräftig mit, dass die Romakinder Schulunterricht erhalten können.
Kein Zweifel: Karsten Vüllings ist kein Rassist. Dies wird auch
nicht einmal von der Antifa behauptet. Genauso außer Zweifel
steht, dass sein Doppelspiel ein gefährliches Spiel ist. Es gehört
sich für einen Demokraten nun einmal nicht, für
“Deportationswünsche” auf seiner Internetseite Reklame zu
machen. Man muss sich schon entscheiden, ob man bürgerlich ist, gar
liberal, und dafür schuftet, dass die Kinder der Ärmsten der Armen
wenigstens schon einmal einen Klassenraum haben, oder ob man
Propaganda für deren Umsiedlung macht. Vüllings will dieser
Entscheidung ausweichen. Es liegt nicht einmal eine Woche zurück,
dass er – gemeinsam mit Rolf Karling - für den Unterrichtsraum der
Zuwandererkinder geschuftet hat. Es ist nicht einmal einen Monat her,
dass er demonstrativ der Protestkundgebung gegen die
Pro-NRW-Faschisten ferngeblieben ist und stattdessen an einem
öffentlich angekündigten Frühstück bei der Familie Halle
teilgenommen hatte.
Hans-Wilhelm Halle hat
aber, um zum Ende des linksunten-Kapitels wie auch dieses
Artikels zu kommen, in einem Interview bestätigt: „Wir wollen ja
auch nicht mit denen sprechen. Wir wollen die weg haben.“ Die
abschließende Wertung der Antifa, dass Halle und Konsorten
„ein brandschatzender Mob aus der rechten Szene nur entgegenkäme“,
ist sicherlich sehr weitgehend und – auch in juristischer Hinsicht
– gewagt. Eine völlig aus der Luft gegriffene, völlig aus den
Fingern gesaugte bösartige Unterstellung linksradikal-verbrannter
Hirne ist es aber nicht. Aktivitäten des organisierten
Rechtsextremismus in Bergheim kommen Halle entgegen, und sein
wiederholtes Aufmerksammachen auf die brandschutztechnischen
Unterschiede zwischen dem „Romahaus“ in Rheinhausen-Bergheim und
den Mietshäusern in Rostock-Lichtenhagen damals klingen weniger nach
humanitärer Sorge als nach bösartigem Zynismus. Denn Hans-Wilhelm
Halle ist ein unbelehrbarer und damit letztlich unberechenbarer
Rassist. Die Antifa hat keinen arglosen Normalbürger
verunglimpft; sie hat auf ein reales Problem aufmerksam gemacht.
Werner Jurga, 11.04.2013
