Marmor, Stein und Eisen bricht

aber unsere Liebe nicht

alles, alles geht vorbei

doch wir sind uns treu




Marmor, Stein und Eisen...-

Na, was werden die wohl machen?


Freitag, 14. Juni 2013. Der Hinweis ist nicht ganz neu, muss deshalb aber nicht falsch sein. Muss nicht, kann aber. Worum geht’s? Hartnäckig hält sich der Einwand, Drafi Deutschers Smash-Hit aus dem Jahr 1965 Marmor, Stein und Eisen bricht enthalte einen Grammatikfehler. Und auf den ersten Blick erscheint der Fall klar: Marmor, Stein und Eisen – das sind drei Subjekte, also mehrere. Folglich müsse dann auch das Prädikat in der Mehrzahl erscheinen. Der Singular „bricht“ wäre somit grammatikalisch falsch; richtig wäre der Plural „brechen“. Marmor, Stein und Eisen brechen - wie witzig... - oder auch nicht. Der Bayerische Rundfunk untersagte jahrelang das Abspielen dieses Schlagers – wegen des vermeintlichen grammatikalischen Fehlers.


Christian Bruhn, der Texter dieser unvergesslichen Zeilen, hatte diese Kritik schon früh mit der Behauptung zurückgewiesen, es handele sich hier um einen singularis materialis. Dieser ist nicht nur im Deutschen, sondern auch im Englischen oder Lateinischen als Stilfigur in der Dichtung oder Sprichwörtern und Redewendungen aufzufinden. Beispiele:

Stock und Hut steht ihm gut

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

Gleich und gleich gesellt sich gern

Da ist Hopfen und Malz verloren

Brot und Salz – Gott erhalt’s


Man stelle sich nur vor, der Bayerische Rundfunk hätte sich jahrelang bei der Übertragung der Gottesdienste – in der Regel: Heiliger Messen – ausgeblendet, als das Vaterunser gebetet wurde! Oder in seinen Kindersendungen das Hänschen klein verboten. Nun ja, ungelegte Eier; denn selbstverständlich sind die BR-Sprachwächter in diesen Fällen untätig geblieben. Obwohl... - genau genommen: in diesen Fällen wäre eine Intervention durchaus sachlich gerechtfertigt. Nicht jedoch bei Marmor, Stein und Eisen bricht: hier muss das Prädikat im Singular stehen, hier darf es nicht im Plural kommen! Gemeint ist nämlich, dass Marmor, Stein und Eisen zerbrechlich sind, und nicht etwa die (apokalyptisch anmutende) Situation, dass all diese Stoffe gerade gleichzeitig brechen.


Genau dies würde jedoch die Formulierung Marmor, Stein und Eisen brechen bedeuten. So eine Art Text von Black Sabbath: große Katastrophe, all diese massiven Baustoffen brechen gerade, allein die große Liebe des Sängers (jetzt nicht mehr Black Sabbath) hält trotz des gerade vonstatten gehenden Weltuntergangs. Ja, das glaube ich. Nur: das ist nicht gemeint. Gemeint ist, dass diese Stoffe, so manifest sie wirken, in puncto Anfälligkeit nichts sind gegen „unsere“ Liebe. Machen wir uns dies klar an einem Beispiel; ich hätte da eines aus der Welt der Bodenbeläge. „Teppich, Kork und Parkett brennen, Marmor aber nicht“? Falsch! Jedenfalls dann, wenn nicht etwa ein Inferno geschildert werden soll, sondern verschiedene Beläge nach dem Kriterium ihrer Entflammbarkeit unterschieden werden.


Es dürfte unstreitig sein, dass der Songtext von Marmor, Stein und Eisen bricht trotz seiner beachtlichen Kürze kurz vor oder auch schon hinter der Grenze zum Schwachsinn rangiert. Dies gilt jedoch vor allem für seine drei zweizeiligen Strophen (es sei denn, man rechnet „Dam Dam“ mit, dann sind sie vierzeilig). Mehr Text ist es nicht: ein unfassbarer Stuss. Dagegen der Refrain... - geht doch! Ein Klischee, möchte man sagen. Unzerbrechliche, immerwährende Liebe. Doch erstens ist das Ding vor 48 Jahren geschrieben worden. Was heute ein Klischee ist, kann damals originell gewesen sein. Ich erinnere das nicht. Und zweitens lagen seinerzeit die Trennungs- und Scheidungsraten nicht einmal in der Nähe der heutigen Quoten.


Doch selbst wenn es anders (gewesen) wäre: wenigstens in einem Schlager - sagen wir: in einem Liebeslied – sollte es möglich sein, das Soll so zu besingen, als wäre es das Ist. Es ist das Klischeehafte, das Vordergründige, das Billige, das heutzutage aus dem deutschen Schlager dieses abstoßende Massenprodukt macht, das es an die nimmersatten Sehnsüchtigen in hoher Umdrehungszahl zu verkaufen gilt. Marmor, Stein und Eisen bricht war das – dem amerikanischen und britischen – Rock´n´Roll nachempfundene Original. Insofern war es, wie auch immer man über Christian Bruhn denken mag, auf seine Weise „grundehrlich“. Wie sonst hätte dieses schlichte Liedchen ein Evergreen werden können, das jetzt schon fast ein halbes Jahrhundert Massenpopularität geschafft hat?!


Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht – das ist doch klasse! Gewiss, der Text ist nicht mehr so ganz up-to-date. Andererseits: in der Welt der Popmusik sollte ein Ideechen Romantik zulässig sein. Die Alternative brächte es einfach nicht so: „Trotz des Umstandes, dass jede dritte Ehe, in den Städten jede zweite, geschieden wird, möchte ich hier und an dieser Stelle meiner Hoffnung Ausdruck verleihen, dass es mir im Grunde ganz gelegen käme, wenn wir beide, also Du und ich, gegebenenfalls zu den zwei Dritteln – oder: da wir Städter sind – zu derjenigen Hälfte gehören könnten, die länger als einen Lebensabschnitt, vielleicht sogar länger als zwei...“ - Vermutlich kann man diese Zeilen nicht einmal singen. Auf jeden Fall lässt sich das so nicht verkaufen. Dann schon eher: „Ich find Dich scheiße“. Aber das ist ja auch kindisch...


Werner Jurga, 14.06.2013





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