Schock im Aufschwung

Sonntag, 3. Juli. Schock! Mitten in die schöne neue Welt vom Aufschwung XXL und vom Marsch in die Vollbeschäftigung platzt urplötzlich eine Meldung, die uns schlagartig wieder in die bittere deutsche Realität zurückbugsiert. Einer der größten deutschen Konzerne plant, wie dessen Vorstandsvorsitzender gegenüber der größten deutschen Tageszeitung erklärte, einen massiven Stellenabbau.

Während Bundesarbeitsministerin von der Leyen weiterhin, wie die CDU-Politikerin gegenüber dem ostdeutschen Fachblatt "Super Illu" erzählt, optimistisch auf die Entwicklung am Arbeitsmarkt blickt, verkündet der Topmanager ultimativ in der inzwischen gesamtdeutschen Tageszeitung mit den großen Buchstaben: "Wir werden bis 2015 rund 10.000 Stellen abbauen“.
Dabei bemüht er sich nicht einmal, seinen Stolz über diese bevorstehende „Leistung“ zu verbergen. Zehntausend Arbeitsplätze – einfach mal so eben futsch. In dieser einzigen Firma! In den nächsten Jahren könnten aber auch, so einer der Sprecher des großen Bosses, sogar „bis zu 17.000 Stellen wegfallen“. Die Anzahl richte sich letztlich nach der allgemeinen Wirtschaftslage. Zynisch.
Derzeit beschäftigt dieser Konzern rund 115.000 Mitarbeiter. Das bedeutet: allein in den nächsten vier Jahren sollen zwischen 8,7 % und 14,8 % der Jobs ersatzlos gestrichen werden. Ein – zumindest in den letzten Jahren – beispielloses Vorhaben in der deutschen Wirtschaft. Das Menü wird freilich serviert mit den aus früheren Jahren nur allzu bekannten Zutaten - magenfreundlich, in diesen Fällen „sozialverträglich“ genannt. So sollen die zu erwartenden Proteste in Grenzen gehalten werden.

„Sozialverträglich“ heißt in diesem Fall: es sei daran gedacht, Stellen von Mitarbeitern nicht wieder zu besetzen, die in Rente gingen, befristete Arbeitsverträge würden nicht verlängert, usw. usf. … Noch einmal: auf der Abschussliste stehen zwischen 8,7 % und 14,8 % der Arbeitsplätze. 10.000 Leute im „rentennahen“ Alter oder in Zeitverträgen – das mag vielleicht noch hinkommen. Aber 17.000 ?
Und überhaupt. Was ist das für ein Signal, wenn solch ein Gigant innerhalb von vier Jahren 17.000 Leute freisetzt?! Wenn dieser Kahlschlag in einem Konzern in Angriff genommen wird, dem nach allgemeinem Dafürhalten eine ganz besondere arbeitsmarktpolitische Verantwortung zugemessen wird?! Es ist ein Skandal ohnegleichen.
Dabei kommt dieser massenhafte Jobabbau für Insider der Szene nicht einmal überraschend. Hatte doch erst kürzlich der eingangs zitierte Vorstandsvorsitzende seinen Ruf als „knallharter Sanierer“ wieder einmal unter Beweis gestellt, als er als Chef einer Regierungskommission Pläne zum drastischen Personalabbau bei der Bundeswehr zu vertreten hatte.

Die Rede ist von Frank-Jürgen Weise, dem Leiter der Bundesagentur für Arbeit (BA). Dass ausgerechnet Weise ausgerechnet die ehemalige Bundesanstalt zur Vorreiterin ausgerechnet in Sachen Arbeitsplatzvernichtung umbauen will, ist ausgerechnet einmal irgendwie komisch.

Werner Jurga, 03.07.2011