Zur Frage der angemessenen Entsorgung Heiliger Schriften
Heiliger Bimbam


Mittwoch, 22. Februar 2012. Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Wie schön war sie doch, die fünfte Jahreszeit! In der Tradition der aufstrebenden Bourgeoisie, die im Zuge ihrer Entwicklung zur herrschenden Klasse Adel, Klerus und Militär mit schamlosen Spott überzogen hatte, ließ es sich auch hier und heute an irgendwelchen Präsidenten und Anwärtern, ihren kleinen menschlichen Schwächen und ihren großen politischen Unglaublichkeiten munter erfreuen. Doch damit ist jetzt Schluss! Heute beginnt für uns Christenmenschen die Fastenzeit. Welch hartes Brot!

 

Gerade auch für mich. Und das kam so: es geschah in den frühen Morgenstunden. Zwar schmücken bereits die Aschenkreuze die Häupter meiner katholischen Glaubensbrüder und –schwestern; doch die deutschen Parteiführer hatten noch nicht damit begonnen, in ihren traditionellen Aschermittwochsansprachen deftig auf ihre jeweilige Konkurrenz einzudreschen – zur Freude ihrer am Morgen bereits (bzw. noch) angeschickerten Anhängerschaft, die sich mit einem letzten Bierchen auf die siebenwöchige Phase brutalstmöglicher Askese zum Zwecke innerer Einkehr vorbereitete.

 

Zu dieser Zeit trug es sich zu, also in der heutigen Herrgottsfrühe, dass ich meine eMails checkte und auch mal auf Facebook schaute, was meine gleichnamigen Freunde, also meine Facebook-Freunde, so machen. Ich erinnere nicht mehr, ob ich mir zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht im Klaren darüber war, oder ob ich es schlicht und einfach nicht wahrhaben wollte. Nämlich die Tatsache, dass nunmehr der Spaß vorbei ist und die Zeit religiöser Einkehr begonnen hat. Doch es gab kein Entrinnen. Schnell wurde klar, dass der Teufel überall lauert – auch und gerade im Detail.

 

„Kann ein pdf auch heilig sein oder gilt das nur für ein gedrucktes Buch?“ Knallhart die Frage aufgeworfen. Tja, und jetzt?! Ein Facebook-„Freund“ hatte die – bis dahin muntere – Runde mit diesem theologischen Problem der modernen Gesellschaft konfrontiert – möglicherweise inspiriert durch aktuelle soziale Verwerfungen in einer vormodernen Gesellschaft, die durch eine unsachgemäße Entsorgung Heiliger Schriften ausgelöst wurden. Nur: vertun wir uns nicht! Die Schändung der Heiligen Schrift ist und bleibt eine Todsünde, ganz unabhängig davon, wie modern oder postmodern, vormodern oder antimodern eine Gesellschaft auch immer verfasst sein mag.

 

Ich denke, dies bedarf keiner weiteren Erläuterung. Sie können ja jetzt nicht einfach hingehen und ihre Schulbibel, die bei Ihnen zuhause im Regal ohnehin nur blöde rumsteht, vor der nächstbesten Kirche unsachgemäß entsorgen. Also zum Beispiel, um im Bilde zu bleiben: via Feuerbestattung. Was glauben Sie wohl, was Sie dann für einen Tullus bekämen! Das ist ja klar. Wie überhaupt Bücherverbrennungen hierzulande seit einiger Zeit aus guten Gründen nicht allzu gut beleumundet sind. Also, kein Thema, brauchen wir gar nicht groß drüber zu diskutieren: unsachgemäße Entsorgung Heiliger Schriften – geht gar nicht.

 

Ganz egal, wie die jeweilige Gesellschaft gerade so tickt. Blöd nur – und der Facebook-„Freund“ hat mit seiner theologischen Frage gnadenlos darauf aufmerksam gemacht – dass sich mit dem Wandel der Gesellschaften auch die Schrift (bzw. die Schriften) verändern! „Kann ein pdf auch heilig sein oder gilt das nur für ein gedrucktes Buch?“ Schon der Name dieses „Freundes“ liefert einen untrüglichen Hinweis darauf, dass er ursprünglich nicht dem christlichen Kulturkreis entspringt. Doch was heißt das schon?! Ist es der Teufel, der da fragt? Oder ist es etwa Gott persönlich, der uns mit dieser theologischen Kniffeligkeit auf die Probe stellen will?

 

Vielleicht ist es / er aber auch wirklich eine verunsicherte Seele, die in diesen gottlosen, aber doch unglaublich komplizierten Zeiten seligmachenden Rat sucht? – Also, ich persönlich glaube das eher nicht. Zu abgefeimt erscheint mir dafür die Frage, die er im Laufe der Diskussion nachschiebt: „Darf man ein heiliges Buch von einer Festplatte wieder löschen? Und was, wenn sie kaputt geht? Darf man die Festplatte dann entsorgen? Weil... es ist ja noch drauf, auch wenn z.B. die Leseköpfe nicht mehr funktionieren.“ Und dann auch noch diese: „Man könnte ein heiliges pdf so oft kopieren bis kein Platz mehr auf der Festplatte ist. Muss sich ein Gläubiger dann eine neue kaufen und die alte z.B. in die Vitrine stellen?“

 

Teufel, Teufel! Aber, liebe Brüder und Schwestern, sind es nicht gerade diese schwierigen Fragen, an deren Beantwortung sich der wahrhaft Gläubige als Anhänger Gottes zeigen und sich von all den Ungläubigen, Oberflächlichen und was sonst noch so alles die Umwelt verpestet abgrenzen kann? Uns zum Beispiel ist vor einiger Zeit zu Werbezwecken eine Hörbuch-CD (Kurzversion) der Bibel von einem christlichen Verlagshaus zugesandt worden. Etwa zehn Minuten heilige Verse in angemessen gesprochener Form. Sie glauben doch wohl nicht, dass ich jetzt … - Herr, steh mir bei!

 

Gehören CDs überhaupt in die Gelbe Tonne? Oder müsste ich da den Abholtermin für Metallschrott abwarten? Gehört der Abfallkalender auch zu den Heiligen Schriften? Oder kann man ihn nach Ablauf sämtlicher Abfalltermine so ohne weiteres in der Blauen Tonne für Altpapier angemessen entsorgen? Sie merken, wie sich hier ganz unmerklich religiöse Fragen mit politischen Fragestellungen verzahnen. Aber ich will nicht vom Thema abschweifen. Fraglos bereitet die elektronische Datenverarbeitung die theologisch größten Probleme bei der angemessenen Entsorgung Heiliger Texte.

 

Eine Mitdiskutantin gibt den m.E. entscheidenden Hinweis: „Sobald das Wort, das wir für Gott benutzen, drin steht, ist es heilig und darf nicht einfach so deleted werden.“ Gott ja, eigentlich logisch. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können! Mist. Nun gut, damit wäre diese Sache so weit geklärt. Angenommen, Sie wären jetzt nur so mäßig gläubig, können Sie den Fall damit für sich als erledigt betrachten. Sind Sie jedoch sehr gläubig oder, sagen wir mal so: bei gesamtgesellschaftlicher Betrachtung, fangen die wirklichen Probleme hier erst an: wohin mit dem ganzen alten Scheiß?! Ach Du Heiliger Bimbam!

 

Da haben wir ja jetzt eine Frage, wo wir noch die ganze Fastenzeit (mindestens!) dran knacken können.

Werner Jurga, 22.02.2012






Quelle: "Can this John Lennon get more fans than Jesus?"






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