No more Gauck

 

Mittwoch, 22. Februar 2012. Nein, nein. Mir ist es alles Andere als gleichgültig, wer in diesem Land Staatsoberhaupt ist. Oder wird. Oder was ein solcher so meint, zu bedenken geben zu müssen. Nein, es ist mir nicht egal. Und denjenigen, die darauf verweisen, dass ein Bundespräsident ohnehin – im machtpolitischen Sinne des Wortes – nichts zu sagen habe, sondern dass das, was er – im wahrsten Sinne des Wortes - zu sagen habe, doch „nur“ Ideologie sei, halte ich entgegen, dass Ideologie so ganz unwichtig nicht ist. Findet doch die ganze Veranstaltung namens Staat nur deshalb statt, damit der ganze Laden mehr oder weniger friedlich zusammengehalten werden kann. Zeichnet sich die ganze Veranstaltung namens Kapitalismus doch vor allem dadurch aus, dass die Einen die Anderen übers Ohr hauen.

 

Da es nun aber dem Veranstaltungszweck des Staates ganz erheblich zuwiderliefe, wenn die Anderen haufenweise dahinterkämen, worin der Veranstaltungszweck des Kapitalismus besteht, geben sich die Einen – jedenfalls in aller Regel – die größte Mühe, den Anderen irgendwelche Geschichten zu erzählen. Diese Geschichten werden landläufig Ideologien genannt. Wer also die Besetzung des Amtes als obersten Geschichtenerzähler mit Königskrone für nicht so ganz wichtig hält, hat also entweder diesen – im Grunde doch recht leicht durchschaubaren – Zusammenhang nicht durchschaut oder ist ein Sektierer. Oder beides, in seiner aktuellen Variante „Wutbürger“ genannt. Wie auch immer: in jedem Fall ist, wer eine Bundespräsidentenwahl in Deutschland meint ignorieren zu können, ein recht unpolitisches Wesen.

 

Deshalb war es auch alles Andere als belanglos, dass es vor knapp zwanzig Jahren gelungen ist, Kohls Präsidentschaftskandidaten Hohmann zu verhindern, um nur ein Beispiel anzuführen. Die meisten Bundespräsidentenwahlen waren im Vorfeld von intensiven politischen Auseinandersetzungen begleitet, und es wäre unpolitisch, diese Kontroversen im Nachhinein als Showveranstaltungen abzutun. Diesmal jedoch scheint die Sache allein schon deshalb ganz anders zu verlaufen, weil die überwältigende Mehrheit der Deutschen sich Herrn Gauck als Bundespräsidenten wünscht, und weil er der Konsenskandidat aller Parteien ist. Dass die Linkspartei Gauck nicht unterstützt, wird allein schon deshalb nicht sonderlich ernst genommen, weil Gauck als Stasijäger bekannt geworden, und die Partei „Die Linke“ Rechtsnachfolgerin der SED ist. Damit hat sich alles lästige Nachfragen erübrigt.

 

Reflektionen über den Zählkandidaten, den „Die Linke“ zusammen mit den „Piraten“ gegen Gauck in der Bundesversammlung aufbieten will, sind müßig. Die Sache ist gelaufen. Gauck wird am 18. März mit überwältigender Mehrheit zum Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland gewählt werden. Es ist müßig, sich über vergossene Milch zu grämen. Gewiss, in den nächsten drei Wochen wird über diese Personalie noch das ein oder andere publiziert werden. „Die ersten Boshaftigkeiten“ seien in der Hauptstadt bereits zu vernehmen, schrieb gestern die WAZ … - in einer Glosse. Der Gag: „Ganz dicke Leiche im Keller. Da war mal was mit der Stasi.“ Urkomisch. Dass von Gauck auch behauptet wird, er sei zu DDR-Zeiten IM gewesen, und dass sein Tarnname genannt wird, dürfte dem Autoren der Glosse verborgen geblieben sein.

 

Mich interessiert das nicht. Und mich interessiert schon überhaupt nicht, ob Herr Gauck gedenkt, seine Lebensgefährtin zu heiraten – womit diese nach herrschendem Recht immerhin einverstanden sein müsste, was einige Kritiker zu übersehen scheinen. Nach herrschendem Recht müsste sich Gauck bekanntlich zuvor von der Mutter seiner Kinder scheiden lassen, was mir ebenfalls völlig gleichgültig ist. Mir genügt, was ich von Gauck zu zentralen politischen Fragen gehört und gelesen habe. Ich lehne Herrn Gauck als Bundespräsidenten ab und, wenn Sie so wollen, sogar nachdrücklich. Allein: ich werde es nicht verhindern können, dass dieser Erzreaktionär zum obersten Geschichtenerzähler dieses Landes gewählt werden wird. Es ist müßig, sich über vergossene Milch zu grämen.

 

Der oben angeführten WAZ-Glosse verdanke ich noch den folgenden Hinweis: „Aber bis zum 18. März ist noch viel Zeit, und wir Journalisten wollen bis dahin ja nicht nur leere Seiten drucken.“ Sehr erhellend! Zwar bin ich erstens kein Journalist und bedrucke zweitens keine Seiten. Vor allem aber verdanke ich dem impliziten Vorwurf, bei der Kritik an Wulff handele es sich im Grunde um nichts Anderes als um marktgängige Beschäftigungstherapie, ein ganz persönliches Erweckungserlebnis. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Verflucht nochmal. Seit Wochen und Monaten befasse ich mich ständig mit diesem Gernegroß aus Großburgwedel und jetzt schon seit Tagen mit diesem außer Rand und Band geratenen Stasijäger aus dem Osten, der sehr genau weiß, wie er unter dem Label der „Freiheit“ die antikommunistische Formierung zu betreiben hat.

 

Nein, nein. Mir ist es alles Andere als gleichgültig, wer in diesem Land Staatsoberhaupt ist. Oder wird. Aber ich hasse Niederlagen. Und ich sehe nicht ein, warum man zunächst für einen schnorrenden Sonnyboy und jetzt wegen eines älteren Herrn, den man uns allen Ernstes als „Intellektuellen“ verkaufen will, politische Themen liegen lassen sollte, bei denen es immerhin um Fragen wie Krieg und Frieden (im Nahen Osten) oder um die Zukunft dieses Kontinents (Europa) geht. Ich bin es so was von leid, zu all diesen Fragen zu schweigen, um stattdessen eine Einlassung wie z.B. diese zu erörtern: „Wer aus dieser Krise die Schlussfolgerung zieht, dass die Wirtschaft einer Art strenger Zähmung braucht, dem widerspreche ich“ (Gauck am 12. Juni 2010 über die internationale Finanzkrise).

 

Gegen Deutsche im Rausch ist kein Kraut gewachsen. Vielleicht macht es nach dem 18. März wieder ein wenig Sinn.

 

Werner Jurga, 22.02.2012





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