Bundespräsident
Es musste ja so kommen

 

Montag, 20. Februar 2012. Es musste ja so kommen. Das war ja klar: irgendwann musste es mal so kommen. Herr Wulff war noch gar nicht zurückgetreten, als auf Bundesebene schon die gleiche Platte gespielt wurde, die hier in Duisburg seit einiger Zeit läuft. Herr Sauerland war noch gar nicht abgewählt; da hatte in der Montanstadt der Film schon angefangen zu laufen. „Beim nächsten Mann wird Alles ganz anders“, so der Titel, und schnell waren die Spielregeln für die Castingshow aufgestellt.

 

Der nächste Mann – Regel Nummer Eins – wäre am besten zunächst einmal eine Frau. Die Befolgung dieser Regel in Duisburg wünschenswert, in Berlin – bei der Vermietung des Schlosses Bellevue – dringend geboten. Nun gut, das war in beiden Fällen recht einleuchtend. In Duisburg war schon einmal eine Frau das Stadtoberhaupt, allerdings nur einmal. In Deutschland jedoch war noch nie eine Frau Staatsoberhaupt. Dass der Bundespräsident hierzulande auch dann so gut wie nichts zu sagen hat, selbst wenn er eine Bundespräsidentin ist – egal.

 

Darum geht es hier nicht; allein das Symbol zählt. Kein Grund zur Klage: auch ich hatte einen Personalvorschlag fürs protokollarisch höchste Staatsamt unterbreitet. Am 2. Januar, eine Frau, und ganz zufälligerweise eine evangelische Geistliche. Nun gut, dieser Vorschlag hatte nicht alle Aspekte des Vorlebens der Kandidatin angemessen gewürdigt. Mir blieb nichts Anderes, als ihn drei Tage später zurückzuziehen und mich bei denen, die mein Personalvorschlag gekränkt haben musste, zu entschuldigen. Für mich stand damit fest, mich am weiteren Casting nicht mehr zu beteiligen. Jetzt ist es ohnehin etwas zu spät. Das Gezerre um die Personalie läuft – vor allem im Kanzleramt, wo sonst? – auf Hochtouren.

 

Die „Qualifikationskriterien“ sind längst scharf definiert. Weiblich kann, anständig muss, und das Allerbeste wäre: überparteilich. Im Land der Anständigen, hieß es alsbald – wie in Duisburg, so auch in Berlin – müsse das höchste Amt nun einmal mit einer Persönlichkeit besetzt werden, die (also i.d.R. der) noch mehr Anstand besitzt, als all die normal anständigen normalen Personen, die auch dann, wenn sie in der Steuererklärung nicht bei der Kilometerpauschale ein bisschen schummeln, allein dadurch nicht zu allgemein respektierten Persönlichkeiten werden.

 

Sie mögen anständig sein; eine Persönlichkeit zu sein, bedeutet aber mehr. Immerhin ist das Amt des Bundespräsidenten ein aus der Zeit der absoluten Monarchie in die Demokratie herübergerettetes Relikt – nicht das einzige, aber das offensichtlichste und deshalb mit der meisten Ehrfurcht versehene. Gerade der Preuße braucht einen Führer, zu dem er aufblicken kann - guten Gewissens, ehrfürchtig und vor allem: im Wissen um das Gute, sprich: den Anstand. Richard von Weizsäcker hat diese preußischen Tugenden verkörpert wie kein zweiter. Und wenn ihm danach war, und weil es auch sonst kaum etwas gibt, mit dem sich ein Bundespräsident profilieren könnte, geißelte er die politischen Parteien.

 

Womit wir bei der zentralen Kategorie angekommen wären, die sich im Kandidaten-Casting – wie in Duisburg, also auch in Berlin – herausgebildet hatte: die Überparteilichkeit. Parteien nämlich verstoßen – schon durch ihr Wesen bedingt – gegen die Grundregeln des Anstands; denn sie vertreten – am Sonntag mussten wir es wieder bitterlich erfahren – Interessen. Teilinteressen – denn Partei kommt von pars, der Teil. Ein Bundespräsident jedoch muss, wie auch ein Oberbürgermeister, für alle sprechen, alle repräsentieren, also nicht nur einen Teil.

 

Wie aber soll sich der höchste Repräsentant – ob in der Stadt oder im Land – für die ganze Gemeinschaft einsetzen, wenn er selbst eine Partei, also nur einen Teil, repräsentiert?! – So geht´s also nicht, sprich: der Bundespräsident muss überparteilich sein. Nun erzählt man mir genau dies schon seit meiner Kindheit. Der Präsident lasse während seiner Amtszeit seine Parteimitgliedschaft ruhen, auf dass er als Staatsoberhaupt den Niederungen des Unanständigen befreit in die Sphäre des Anständigen aufsteigen möge.

 

Denn Politik – das weiß aber nun wirklich jeder – ist ein schmutziges Geschäft, was man jetzt wieder daran erkennen konnte, dass Herr Wulff (ein Parteimann) seine Urlaube erschnorrt und Herr Sauerland (ebenfalls ein Parteimann) diese Loveparade durchgezogen hatte. Braucht es unter diesen Umständen etwa noch weitere Beweise?! Nein! So konnte die Diagnose(n) schnell erstellt werden. Die Parteien, die Apparate aus der Sphäre des Schmutzigen, des Nicht-Anständigen waren schuld. In Duisburg, also auch in Berlin. Schuld an den Toten, Verletzten und Traumatisierten, sprich: an Duisburgs Imageverlust. Also auch an der Schande für Deutschland.

 

Zwar war und ist dieses im Kern auf den ersten Blick als antidemokratischer Reflex erkennbare Ressentiment offensichtlich an Beknacktheit kaum zu überbieten. Denn jeder weiß freilich, dass man nicht extra in die CDU eintreten muss, um den eigenen Geldbeutel über das Gemeinwohl zu stellen. Dass man sogar als gänzlich Parteiloser durchaus willens und in der Lage ist, sich vom eigenen Geltungsdrang überwältigen zu lassen. Doch was soll´s?! Wenn es um die Ehre – sei es der Stadt, sei es des Landes – geht, müssen rationale Erwägungen mal hintanstehen. Da geht es mal nicht so sehr um den Teil, um den pars, um die Parteien. Da geht es um das Große und Ganze.

 

Und wer das Große und Ganze liebt, verachtet die Teile. Wer den Anstand liebt, verachtet das Schmutzige. Wer die Ehre seiner Stadt und seines Landes im Auge hat, dem geht es nicht so sehr um irgendwelche Personen. Der sehnt sich nach außergewöhnlichen Persönlichkeiten. Nach anständigen, versteht sich. Also überparteilichen. Normalerweise parteilosen. Oder sind Sie etwa Mitglied einer Partei?! Na also. „Deutschland braucht keinen obersten Grüßaugust mehr“, schrieb denn auch Gerd Appenzeller im Tagesspiegel. Das klingt nach denjenigen, die das Amt des Bundespräsidenten aus emanzipatorischen Gründen abschaffen wollen.

 

Weit gefehlt: derselbe Aufsatz erschien etwas später auf Zeit Online, diesmal jedoch unter der Überschrift: „Deutschland braucht einen Charakter-Präsidenten“. Kurioserweise mit der URL http://www.zeit.de/politik/2012-02/deutschland-braucht-keinen-ob „Deutschland braucht keinen OB“ – sehr komisch! „Ehrgeiz und Parteipolitik“, beginnt Appenzeller, „dürfen nicht im Vordergrund stehen.“ Immerhin: Partei ginge zwar, darf halt nur „nicht im Vordergrund stehen“. Wir wissen nicht, wie das Land aussehen könnte, das Appenzeller sich vorstellt. Doch wir wissen, wie dessen Bundespräsident beschaffen sein müsste.

 

„Es ist Zeit für einen Bundespräsidenten, der als Persönlichkeit bestehen kann.“ Klare Ansage. Eine „honorige Persönlichkeit“ sucht Appenzeller – mit „Lebenserfahrung“, die so ein Schnösel von Anfang 50 naturgemäß nicht mitbringen konnte. Junge Blondine, Handy, Autos, Partys, Urlaub – da fehlte die „Lebenserfahrung“. Verständlich, aber schlimm, dass wir dabei auf der Strecke geblieben sind! „Wie sehr wir eine überzeugende Erste Frau oder einen Ersten Mann im Bellevue brauchen, haben wir in den Wochen gelernt, in denen wir uns für den Hausherrn meinten schämen zu müssen.“

 

Wir mussten uns nicht schämen; wir konnten ja nichts dafür. Es ist vorbei und, wie ich während des Schreibens dieser Kolumne erfahren durfte: wir werden einen „Charakter-Präsidenten“ erhalten, „der als Persönlichkeit bestehen kann“. Die Parteien (kleiner Schönheitsfehler) haben sich darauf geeinigt, Joachim Gauck zum nächsten Bundespräsidenten zu wählen. Eine „honorige Persönlichkeit“ mit „Lebenserfahrung“. Der „Tagesspiegel“ und „Die Zeit“, die Zentralorgane der staatstragenden Kräfte werden begeistert sein. Wir dürfen uns jetzt schon auf ihre Jubelkommentare freuen.

 

Kommunismus ist gleich Nationalsozialismus, Sarrazin ist ein mutiger Mann, und die Occupy-Leute sind naiv. Mag sein, dass die Occupy-Bewegung ihre Kritik der Politischen Ökonomie des Kapitalismus noch etwas verfeinern könnte. Dass Sarrazin mutig ist, hatte ich bislang noch nie so gesehen. Aber ja, mit diesen Sprüchen auf Tournee durchs Land zu tingeln – da gehört schon etwas dazu! Nur: so ganz genau wie in der DDR kann es bei den Nazis nicht zugegangen sein. Glaube ich.


Jedenfalls sind zwanzig (auch dreißig) Jahre nach dem Ende des Naziregimes nie die Verfolgten Bundespräsident geworden. Sondern immer nur NSDAP-Mitglieder.

 

Werner Jurga, 20.02.2012




Der designierte Bundespräsident auf einer Party (B-Event.net)



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