Die Nerven, die Nerven ...

Samstag, 2. Juli. Und? Wie sieht´s aus? Was machen die Nerven?
Alles klar? Oder zumindest: es geht so?
Verstehe. Sie haben nicht studiert. Oder, falls doch: das ist schon eine ganze Weile her.

Denn, was musste ich gestern in der Zeitung lesen? In der WAZ, versteht sich – eine Meldung mit der Überschrift: „Immer mehr Studenten nervenkrank“. Das ist ja schlimm. In der Online-Ausgabe, also auf Der Westen, erfährt man eine ganze Menge dazu; aber in der Printausgabe, also in der gedruckten Zeitung, tut es auch die Reuters-Meldung.
Erster Satz: „Studenten in Deutschland sind immer häufiger psychisch krank.“ Erster Einwand: das ist nicht ganz genau dasselbe wie „Immer mehr Studenten nervenkrank“, wie es in der Überschrift heißt. a) weil eine Nervenkrankheit nicht in jedem Fall identisch mit einer psychischen Erkrankung ist, und b) weil „immer häufiger psychisch krank“ auch nicht dasselbe ist wie „immer mehr Leute krank“.

Wenn nämlich, wie es im ersten Satz heißt, die Studenten in Deutschland seien „immer häufiger psychisch krank“, ließe sich ja annehmen, früher seien unsere – dafür anfälligen - angehenden Akademiker nur ein- oder zweimal jährlich psychisch krank geworden, heute dagegen schon drei- bis viermal. Sind jedoch “immer mehr Studenten nervenkrank“, hätte sich einfach nur die Zahl der für so etwas Anfälligen erhöht.
Was die leidige Angelegenheit freilich auch nicht besser macht, oder sagen wir: besser machen würde. Denn wie sich das jetzt so ganz genau verhält, also ob die gleiche Zahl an Studenten öfter einen Rappel kriegt, oder ob deutlich mehr Kommilitonen irgendwie nicht mehr klar kommen, allerdings in üblicher Frequenz, weiß man leider auch nicht ganz genau. Möglich ist natürlich auch, dass ein Gemisch aus beiden Ursachen vorliegt.

Im Text geht es folgendermaßen weiter: „Innerhalb von vier Jahren sei der Anteil der verschriebenen Medikamente zur Behandlung des Nervensystems bei Studenten um 54 Prozent gestiegen.“ Tja, nun sind wir auch nicht schlauer. Mehr Happy-Pillen sind verschrieben worden. Ja und?! Wen interessiert das?
Okay, erstens eine ganze Menge Leute, und zweitens – selbstredend – die Krankenkassen. Deshalb sagte das auch „der Chef der Techniker Krankenkasse (TK), Norbert Klusen, bei der Präsentation des TK-Gesundheitsreports“. Na klar, der findet so etwas überhaupt nicht schön. Weiter geht es – wie bisher – ungekürzt im Text der Meldung:
„Psychopharmaka machten bei den Hochschülern damit mehr als ein Fünftel aller verordneten Arzneimittel aus.“ Das ist schlimm. Über zwanzig Prozent. Das muss man sich nur einmal vorstellen! … Pause … Und, was stellen Sie sich vor? Richtig: fast achtzig Prozent aller für Studenten verordneten Medikamente sind ausschließlich für die Behandlung rein körperlicher Beschwerden indiziert. Boah!

Lernen macht psychisch kaputt. Weiter im Text, ungekürzt: „Bei den gleichaltrigen Beschäftigten fielen dagegen lediglich knapp 14 Prozent der verschriebenen Arzneimittel auf Nervenpräparate.“ Knapp 14 Prozent gegen gut 20 Prozent! Wir (fertigen) Akademiker sprechen hier von einer Signifikanz. Mein Gott, die armen Studenten.
Okay, mehr als 86 Prozent der Pillen für die jungen Nichtakademiker helfen nur gegen rein körperliche Beschwerden. Aber das ist erstens normal und zweitens hier nun wahrlich nicht unser Thema. Das Thema ist … – ich zitiere munter weiter ungekürzt aus dem Text; hoffentlich gibt das keinen Ärger. Dieser psychische Stress! Egal, weiter:
„Auch der Kreis der damit behandelten Studierenden werde immer größer, heißt es.“ Sehen Sie! Das habe ich mir doch gedacht. Daraus folgt immerhin auch, dass es diejenigen, die etwas öfter depressiv verstimmt sind, nicht ganz so häufig erwischt hat. Nein, nein, ich will überhaupt nichts beschönigen.

Wir kommen jetzt zum Ende der Reuters-Meldung: „Fünf Prozent der Studentinnen und drei Prozent der Studenten bekämen mittlerweile Medikamente gegen Depressionen“- Das sind ja Ausmaße. Dimensionen! Und hinter diesen kalten Zahlen verbergen sich, wie so häufig, Einzelschicksale. „40 Prozent mehr als vor vier Jahren.“
So, das war´s. Die Meldung ist zu Ende. Ist das nicht alles furchtbar schlimm?! 3% der Studenten, 5% der Studentinnen – unfassbar. Am besten, man lässt das von vornherein ganz sein, dieses nervenaufreibende Studieren. „Immer mehr Psychopharmaka verschrieben - Macht Studieren die Seele krank?“ titelt die
Bildzeitung.
Deren Leser dürften auf der Baustelle gerade eine Pause machen, beim Bier ihr Blatt lesen und sagen: „Wie gut, dass ich mich nicht diesem Stress ausgesetzt habe!“ Oder: „Habe ich es nicht immer gesagt? Die Studierten sind alle psycho.“ Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass sich letztendlich nur ehrliche Arbeit auszahlt.

Man weiß natürlich noch nicht so genau, woran das liegt. Also, dass unsere Hochschüler alle – nun ja: fast alle – nervlich so daneben sind. Ein Psychologieprofessor meinte, das könne nur am Bologna-Prozess liegen. Also der ganze Leistungsstress, die kurzen Studienzeiten und so. Kann natürlich gut sein.
Vielleicht stellt sich aber das Ursache-Wirkungs-Verhältnis genau anders herum dar. Nicht das Studium verursacht psychische Schäden, sondern die psychisch Gestörten entscheiden sich fürs Studium. Kann doch sein! Ein gesunder Mensch, der muss sich doch sagen: „So! Lange genug die Schulbank gedrückt. Jetzt habe ich Bock darauf, auch mal etwas Richtiges zu leisten.“ Während den Depressiven schon allein der Gedanke zu schaffen macht: „Arbeiten? Boah näh. Lass mal lieber!“

Doch wirklich. So könnte es auch sein, das Kausalverhältnis zwischen unseren Akademien und unserer gestörten lernenden Jugend. Vieles, wenn nicht alles ist möglich. Wenn ich so manch einen Professor im Fernsehen sehe oder in der Zeitung lese, frage ich mich auch, wie man so einen Typen jahrelang aushalten kann, ohne bekloppt zu werden.
Wahrscheinlich ist es aber so wie bei den Älteren auch. Erstens gehen die richtigen Arbeiter höchstens dann zum Arzt, wenn sie schon den Kopf unterm Arm tragen. Und zweitens würden die doch dem Doc niemals erzählen, dass sie irgendwie einen an der Waffel haben. Wenn man sich die oben ausführlich beschriebene äußerst dünne Datenlage ansieht, erklärt allein dies schon mehr als genug.

Damit sollte dieser Beitrag sein Ende haben; doch dann lese ich dies hier:TK: Zehn (!) Prozent der bayerischen Studentinnen sind depressiv“. 10% in Bayern. Auf Deutsch: ein rein statistischer Effekt. Optische Täuschung mit Zahlenmaterial. Die nicht-bayrischen Studenten sind genauso normal oder nicht-normal wie Nicht-Studenten auch. Manchmal klärt sich wirklich alles restlos auf.
Stellen Sie sich doch nur einmal vor: Studieren in Bayern! 90% der Armen schaffen das ohne jede psycho-pharmakologische Hilfe. Wahnsinn! Das ist eigentlich die Meldung.


Werner Jurga, 02.07.2011