Irgendwie überraschend:
Staatsanwaltschaft schöpft Anfangsverdacht gegen Wulff

 

Donnerstag, 16 Februar 2012. Es ist komisch. Irgendwie kommt es ja dann doch überraschend. Dabei ist es alles Andere als eine Überraschung. Die Staatsanwaltschaft hat, wie wir heute Abend kurz vor acht erfahren haben, beim Deutschen Bundestag die Aufhebung der Immunität von Bundespräsident Wulff beantragt. Nach allem, was über den damaligen Sylt-Urlaub der Brautleute Wulff und Körner bereits in den Medien zu erfahren war, wäre es vielmehr eine Überraschung gewesen, wenn die StA keinen Anfangsverdacht geschöpft hätte.

 

Warum also war ich dann doch überrascht – irgendwie, also: ohne nähere Angaben von Gründen. Nun, wenn ich es wüsste, würde ich nicht „irgendwie“ schreiben. Irgendwie überrascht. Vielleicht hat es daran gelegen, dass in der Causa Wulff schon dermaßen viele „Geschichten“ zusammen gekommen sind. Dass er jetzt ausgerechnet über diese stolpern soll, kommt einem dabei schon fast unverhältnismäßig vor. Irgendwie. Der finanzielle Vorteil, den Wulff aus den beiden abenteuerlichen Krediten für seinen Klinkerbau gezogen hatte, war doch deutlich größer.

 

Keine Leistung ohne Gegenleistung. Doch auch die in Rede stehenden mutmaßlichen Gegenleistungen, die Wulff im Falle der BW Bank möglicherweise aufgebracht haben könnte, wiegen deutlich schwerer als diese paar popeligen Hotelübernachtungen. Die Welt kann mitunter so ungerecht sein. Und so grotesk! Denn es ist kaum damit zu rechnen, dass bei den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in dieser Sache so handfeste Ergebnisse herauskommen, dass eine Anklageerhebung gerechtfertigt wäre.

 

Gewiss: die StA musste einen Anfangsverdacht konstatieren. Dass der Filmproduzent Groenewold nach Beginn der Präsidentenaffäre noch das besagte Hotel auf Sylt aufgesucht und auf Herausgabe sämtlicher Belege gedrängt hatte, ist nun wirklich ungemein tollpatschig aufgetragen. Andererseits ist nicht zu erkennen, wie die StA die Version der Herren Groenewold und Wulff widerlegen könnte, dass der spätere Präsident am Ort seinen Anteil bezahlt hätte. Zumal gewiss auch die damalige Verlobte diese Version bezeugen kann.

 

Dies zur strafrechtlichen Seite. Politisch sieht die Sache allerdings ganz anders aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Wulff jetzt auch noch da durch will. Ich bin weder ein Wulff-Experte noch kenne ich den Herrn persönlich. Bedauerlicherweise habe ich nicht einmal Freunde, die ihn persönlich kennen. So schlimm ist das aber nun auch wieder nicht; denn ich verfolge ja die Berichterstattung. Schon als in der ersten Jahreswoche die Sternsinger im Schloss Bellevue vorbeigeschaut hatten, soll Wulff sich dahingehend geäußert haben, nicht noch einmal zwei Wochen wie die bis dahin verstrichenen durchleben zu wollen.

 

Wulff scheint mir nicht so gestrickt zu sein, auf Dauer im Sauerland-Modus agieren zu wollen. Wenn man die Aktionen in diesem Modus überhaupt als „Agieren“ bezeichnen kann. Dies war im Falle Sauerland schon schwer möglich, und: am Ende hat es dem abgewählten Duisburger Oberbürgermeister nicht allzu viel genützt. Ein paar Euro mehr, ja. Ob selbst dies für Wulff genug wäre, sich – und eben nicht nur sich – diesem unwürdigen „Spiel“ auszusetzen? Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich nehme an, er wird in Kürze seinen Rücktritt erklären. Ob ich drauf wetten würde? – Nein. Das tut man nicht.

 

Werner Jurga, 16.02.2012






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