Drei Jahre nach der Loveparade-Katastrophe 

Kurz vor der Anklageerhebung



Freitag, 7. Juni 2013. Am 24. Juli jährt sich die Loveparade-Katastrophe von Duisburg zum dritten Mal. 21 Menschen kamen dabei zu Tode, mehr als 500 Menschen sind dabei – zum Teil erheblich - verletzt und/oder traumatisiert worden. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Duisburg gegen fünfzehn Beschuldigte, darunter Mitarbeiter der Stadt Duisburg und des Veranstalters Lopavent, stehen mittlerweile kurz vor ihrem Abschluss. Die Ergebnisse des Gutachters Keith Still bildeten dabei einen wichtigen Baustein, wie der Oberstaatsanwalt gegenüber der WAZ bestätigt hat. Still belastet die Stadt Duisburg und den Veranstalter Lopavent schwer. Niemals hätte die Loveparade genehmigt werden dürfen. Nicht einmal theoretisch wäre es möglich gewesen, so Still, diese Großveranstaltung gefahrlos durchzuführen, zumal in ihrer Vorbereitung selbst auf grundlegende Berechnungen verzichtet worden war. 

Dass die Loveparade in einer Katastrophe enden musste, ist auch das Fazit eines weiteren Gutachtens, das die Firma Invita Consult im Auftrag der Staatsanwaltschaft Duisburg erstellt hatte. Hierin wird die Schuld des Veranstalters, Schallers Firma Lopavent, besonders herausgestrichen, aber ebenfalls auch darauf hingewiesen, dass die Stadt Duisburg diesen Wahnsinn niemals hätte genehmigen dürfen. Die Staatsanwaltschaft hat nun einzelnen Personen deren persönliche Schuld und Verantwortung an den Toten und Verletzten nachzuweisen. Sie muss beweisen, wer seine ihm zugewiesene und von ihm zu verantwortende Pflicht nicht erfüllte, wer seiner Sorgfaltspflicht nicht gerecht wurde, wer wegsah, etwa indem er wider besseren Wissens keine Einwände erhob und damit schwere Schäden für andere Menschen in Kauf nahm.  

Diese Beweisführung ist / diese Beweisführungen sind ohne jeden Zweifel kompliziert, zumal es sowohl am Tag der Loveparade als auch in deren Vorfeld derartig viele Fehlentscheidungen, untaugliche Planungen, zu laxe Kontrollen usw. gegeben hatte. Die Faktoren, die zur Katastrophe führten, reichen von absichtlichen Manipulationen bis hin zu einfach nur Pech. Ein Wust von Einzelheiten ist der Öffentlichkeit bekannt: die fehlende Lautsprecheranlage, zu wenige Ordner und Pusher, der Schichtwechsel bei der Polizei ausgerechnet zum Unglückszeitpunkt, die Leute vom Bauamt, die lieber nicht kontrollierten, um im unschuldigen Nichtwissen verbleiben zu können, die Leute vom Ordnungsamt, die auch nichts gesagt hatten, um keinen Ärger zu bekommen.




Foto: xtranews


Auf dem 110.000 Quadratmeter großen, eingezäunten Party-Gelände wurden nur 234 – darüber hinaus keineswegs erfahrene - Sicherheitsleute eingesetzt. Auch wenn die vorher marktschreierisch angekündigten eine Million Besucher bekanntlich nichts mehr als eine gezielte Marketing-Täuschung waren: jeder kann sich ausrechnen, wie viel Platz dem einzelnen „Raver“ zur Verfügung gestanden hätte, wenn 550.000 oder gar nur 330.000 Besucher gekommen wären. Auf 110.000 Quadratmetern. 440.000 Angereiste – in der Stadt, freilich noch nicht auf dem Gelände – könnte eine realistische Zahl sein. Das wäre auf vier Personen pro Quadratmeter hinausgelaufen. Die Enge der Rampe ist hier noch gar nicht berücksichtigt. Realistisch betrachtet war es einfach nur Glück, dass nicht noch mehr Tote zu beklagen sind.  


Unter diesen Umständen erscheint die öffentlich vorgetragene Mutmaßung eines der Opferanwälte, die Staatsanwaltschaft müsse die Verfahren einstellen, weil sich persönliche Schuld nicht zweifelsfrei beweisen ließe, als nicht realistisch. Andere Anwälte haben mittlerweile auch dieser Spekulation entschieden widersprochen. Wenn die Stadt eine Veranstaltung genehmigt hatte, die nicht genehmigungsfähig gewesen und der Veranstalter gegen Genehmigungsauflagen verstoßen hat, liegen Straftaten vor. Beides ist hier offenkundig der Fall. Und es ist nicht einzusehen, dass die dafür Verantwortlichen nicht auszumachen wären. Deshalb wird die Staatsanwaltschaft Duisburg vermutlich gegen einige Entscheidungsträger aus der Stadtverwaltung, gegen einige Verantwortliche der Firma Lopavent und eventuell auch gegen einen Polizeibeamten Anklage erheben. 


Die Verfahren gegen einige der gegenwärtig fünfzehn Beschuldigten könnten eingestellt werden; andere könnten im Laufe des Strafprozesses auf Basis dort möglicherweise zutage tretenden neuer Erkenntnisse dazukommen. Bis auf die Einzelmeinung eines Universitätsprofessors deutet nichts darauf hin, dass die Staatsanwaltschaft gedenkt, gegen alle einzustellen. Im Gegenteil. Die Ermittlungen sind so gut wie abgeschlossen. Das Landgericht sucht bereits eine Halle, damit der Prozess in einem möglichst großen (Gerichts-) Saal stattfinden kann. Wegen der vielen Nebenkläger und dem Interesse der Öffentlichkeit / Presse. Ich gehe davon aus, dass in Kürze Anklagen erhoben werden.


Werner Jurga, 05.06.2013



Dieser Artikel ist bereits im xtranews-Magazin (Ausgabe 4 – Mai/Juni 2013) erschienen.




Seitenanfang