Samstags in Duisburg, Teil 10:
Das ist aber auch aufregend!
Journalisten beim Goldenen Schuss auf der Titanic

 

Samstag, 11. Februar. Teil 10 der überaus spannenden Artikelserie „Samstags in Duisburg“. Sie verdankt nicht nur ihren Namen, sondern auch, um dies ohne jedes Pathos zu sagen, ihre Existenz. Denn „samstags“ – wie oft wurde an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen?! – hat man mal so richtig Zeit, in aller Ruhe die Zeitung oder vielleicht sogar: die Zeitungen zu lesen. Und „in Duisburg“ … - dies wurde hier stets mit dem folgenden Hinweis legitimierend angeführt: „Duisburg ist toll“. Nun ja, „toll“, mehr allerdings auch nicht. Dass es dennoch irgendetwas über diese tolle Stadt zu sagen bzw. – in diesem Fall – zu schreiben gab, ja: das war toll.

 

Doch diesmal ist alles ganz anders. Aber so etwas von anders! Das ist aber auch aufregend! Man glaubt es kaum. Doch, wirklich wahr: die Rede ist von Duisburg. Man ist das doch gar nicht mehr gewohnt. Oder heißt es gewöhnt? Oder müsste es nicht vielmehr heißen: so etwas gab es doch überhaupt noch nie? Mein Gott, Duisburg! Das ist aber auch aufregend. Fernsehteams mit ihren Übertragungswägen sind on the road to this great town, und auch ihre schreibenden Kollegen machen sich in der Stärke einer Hundertschaft auf den Weg. Duisburg ist wirklich toll, einfach great! Man ist das doch gar nicht mehr gewohnt. Oder gewöhnt.

 

Na klar, das mit dieser Abwahl morgen, das können wir ja gar nicht gewöhnt sein; denn es ist ja das erste Mal überhaupt, dass ein Oberbürgermeister zur Abwahl steht. Nicht „nur“ in Duisburg, sondern in ganz Deutschland. Also: von wegen „nur in Duisburg“! Die werden uns schon noch kennen lernen. Die Frage ist nur wie. Also die Frage, wie diese Geschichte morgen ausgeht. Womit wir an dem Punkt sind, den wir aber nun wirklich nicht gewohnt sind. Nämlich den, dass man zu einer Wahl geht – oder meinetwegen zu einer Abstimmung, das spielt hier jetzt wirklich keine Rolle, Herr Sauerland! – und vorher keinen blassen Schimmer hat, wie die Sache ausgehen wird.

 

Wenn so alle zehn Wahlen die diversen Meinungsforschungsinstitute tatsächlich mal ziemlich derb danebenliegen, pflegt großer Jubel aufzukommen. Motto: „Das ist das Schöne an der Demokratie!“ So, als wären die neun anderen, im Großen und Ganzen richtig prognostizierten, Wahlen irgendwie unschön verlaufen. Denn ansonsten ist dieser Ausruf der Überraschung eigentlich aus ganz anderen Zusammenhängen bekannt: „Das ist das Schöne am Fußball!“ Diese bei Außenseitererfolgen bemühte Reporterweisheit geht letztlich zurück auf den Showmaster Vico Torriani, der in der ZDF Samstagabendshow „Der goldene Schuss“ – doch, die hieß echt so! – „das Schöne an einer Livesendung“ stets dann erklärte, wenn irgendetwas mal wieder total in die Hose gegangen ist.

 

Lang, lang ist´s her. Morgen in Duisburg werden wir nach der Auszählung nicht einmal das Vergnügen haben, „Das ist das Schöne an einem Bürgerentscheid!“ rufen zu dürfen. Jedenfalls nicht in diesem Sinne; denn wir haben ja nicht die Spur einer Ahnung, wie die Sache ausgeht. Es gibt schlicht keine auch nur halbwegs zuverlässige Prognose. 40.000 Wahlberechtigte sollen bereits per Briefwahl abgestimmt haben. Dann fehlen ja nur noch gut 50.000 – vorausgesetzt, auf den abgegebenen Stimmzetteln ist (fast) ausschließlich das Ja angekreuzt. Angeblich soll Infas etwas haben. Wie steht´s eigentlich bei den Londoner Buchmachern? Was soll´s? Alles Kaffeesatzleserei.

 

Das ist aber auch aufregend! Samstags in Duisburg. Am Sonntag wissen wir mehr. Am Sonntagabend so gegen halb acht. Das ist ja das Schöne an einer Livesendung. „Peter, den Bolzen. Bitte schön streicheln!“ Vico Torriani in der Goldene Schuss. Die gestrige Titanic-Meldung, dass sich „die 365 000 Wahlberechtigten zwischen 8 und 10 Uhr in einem schwer zugänglichen, zum Wahllokal umfunktionierten Kopierraum im Duisburger Rathaus einfinden sollen, in dem drei McFit-Mitarbeiter als Wahlhelfer eingesetzt sind“, ist freilich grober Unfug. Klar, die Titanic. Aber auch so dürfte es morgen Abend im Rathaus auf dem Burgplatz ganz schön voll werden. Passt bloß auf Euch auf! Ihr Scheiß-Journalisten!

 

Werner Jurga, 11.02.2012



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