Leben auf einem anderen „Stern“
GJ 667Cc


Samstag, 4. Februar 2012. Boa ey! Haben Sie das auch gelesen? Das mit dem GJ 667Cc? Oder heißt es mit der GJ 667Cc? Egal. Auf jeden Fall ein echter Hammer! GJ 667Cc ist nämlich ein Planet; allerdings: nicht irgendein Planet, sondern so einer von der Sorte der Erde. Aber nicht nur einfach eine zweite Erde; das wäre ja ziemlich langweilig. Das kennen wir ja schon von Zuhause. Sondern eine Super-Erde, und das kennen wir in dieser Form eben nicht. Unsere Erde – ständig diese Kriege, Atomkraft und all der Scheiß. Aber GJ 667Cc – so ein richtig
„gemütlicher Felsbrocken“.

 

"Diese Super-Erde bietet gute Voraussetzungen für die Existenz von flüssigem Wasser und von Leben, wie es auch auf der Erde vorkommt", sagte der Göttinger Astrophysiker Guillem Anglada-Escudé. Stand gestern in der WAZ. Wasser, sogar flüssig – also: flüssiges Wasser, das ist doch wohl der Hammer. GJ 667Cc „ist 22 Lichtjahre von unserem Sonnensystem entfernt“, lese ich in der Bildzeitung – aber: „Immerhin gehört er damit kosmisch gesehen zu unserer Nachbarschaft.“ Ja, man muss die ganze Sache kosmisch sehen. Das ist nicht ganz so einfach; deshalb liest man so etwas auch nicht überall.

 

Wohl aber in wissenschaftlichen Fachblättern. Wie zum Beispiel der Bildzeitung, die dann auch noch Steven Vogt von der Universität von Kalifornien in Santa Cruz zu Wort kommen lässt. „Die Entdeckung dieses Planeten, so nah und so früh, legt nahe, dass es in unserer Galaxie nur so wimmelt von Milliarden potenziell bewohnbaren Gesteinsplaneten.“ Das muss man sich bloß einmal vorstellen! Na logisch: wenn schon direkt in unserer Nachbarschaft so ein „gemütlicher Felsbrocken“ rumfliegt, sicher: dann wimmelt es nur so von Super-Erden. Wie romantisch!

 

„Der Planet mit dem romantischen Namen GJ 667Cc“, schreibt die Berliner Morgenpost, „ist nur 22 Lichtjahre von der Erde entfernt, das sind 209 Billionen Kilometer.“ Ja, das geht! Das Raumschiff vollgetankt, ein paar Videos eingepackt (bei den Kindern die vermutliche Entwicklung berücksichtigen!) und ab: „Eigentlich nur ein Katzensprung“, für die Morgenpost – „im kosmischen Sinne“, versteht sich. „Ist das unsere Schwester-Erde: GJ 667Cc?“, fragt Christopher Onkelbach zu Beginn seines WAZ-Kommentars. Mit Bindestrich natürlich: „Schwester-Erde“.

 

Ohne Bindestrich hieße es ja nicht „Schwester Erde“, sondern „Mutter Erde“. So etwas weiß man aber! So gesehen wäre dann GJ 667Cc unsere Tante. Zweiter Satz die knallharte Frage: „Winken uns demnächst durch das Teleskop irgendwelche Außerirdischen zu?“ Ach Moment, das war Spaß, so Onkelbach; denn bzw. doch „im Ernst: Wissenschaftler sind überzeugt davon, dass es irgendwo im All eine zweite Erde gibt, dass es im Weltraum nur so wimmelt vor Leben.“ Ja, sage ich doch: es wimmelt nur so. „Die nun entdeckte Super-Erde gibt dieser Hoffnung neue Nahrung“ (Onkelbach).

 

Wobei das mit der „Hoffnung“ natürlich schon so eine Sache ist. Denn: ob es nur so wimmelt oder ob sich nur hier und da ein paar Außerirdische rumtreiben, in jedem Fall hieße das – Hoffnung hin, Hoffnung her: „Wir sind nicht allein.“ Nun gut, ließe sich anmerken, wer ist schon gern allein?! Andererseits, es folgt der dramatische Schluss des WAZ-Kommentars: „Wir sind nicht allein, wir sind nicht das Zentrum des Universums, wir sind nicht einzigartig. Unserem Selbstverständnis könnte dies einen ähnlichen Schlag versetzen wie einst Kopernikus’ Beobachtung, dass sich die Erde um die Sonne dreht.“

 

Könnte – muss aber nicht. Kann auch eigentlich nicht. Schließlich wimmelt es im Fernsehen nur so von Science-Fiction-Serien, die voll sind von Außerirdischen, die – wie das Leben so spielt – mal gut, manchmal aber auch nicht ganz so gut sind. Als Kind - will sagen: ein Hinweis allein für die älteren Leser – hatte mich die „Invasion von der Wega“ sehr beeindruckt. Die konnte man überhaupt nicht unterscheiden von uns Menschen, diese Weganer! Außer vielleicht daran, dass ihre kleinen Finger etwas weiter als üblich abstanden. Aber sonst … - okay, wenn man sie abknallte, blieb nichts von ihnen übrig.

 

Diese kleine Besonderheit hatte naheliegenderweise sowohl die Ermittlungen als auch den Nachweis der Existenz dieser nicht so wohlgesonnenen Wesen ganz erheblich erschwert. Allerdings auch erst möglich gemacht, eine ellenlange Serie aus diesem Stoff zu produzieren. Allein: eine „Hoffnung“ war sie nicht, diese Invasion von der Wega; eher ein „Alptraum“, wie es im Vorspann jeder Folge hieß. Wenn man nämlich nicht allein, nicht das Zentrum des Universums, nicht einzigartig ist, hat man – abgesehen von den Problemen mit dem Selbstverständnis – möglicherweise auch noch Probleme mit den „lieben“ Nachbarn.

 

Egal ob Wega, GJ 667Cc oder Kepler 22b – das ist der „Erdzwilling“, der im Dezember entdeckt wurde, der "Weihnachtsplanet" – irgendwo da draußen gibt es Leben. Ja, es wimmelt nur so davon, und wir wissen es längst. Wir wissen nämlich seit einiger Zeit, dass das Universum unendlich ist. Das Universum, um dies kurz anzudeuten: das ist das, was im „Spiegel“ und bei der Bildzeitung und in vielen anderen Blättern „Weltall“ genannt wird. Klar: die Welt, das sind wir. Und das „All“, das ist alles Andere so drumherum.

 

Das ist etwa so, als würde ich unseren Garten „Jurgagegend“ nennen – in der Annahme, dass es nur dies und nichts Anderes gäbe. Jurgagegend – in klarer Abgrenzung zu unserem Haus und stolz darauf zu wissen, dass es „da draußen“ noch etwas Anderes gibt – was mitunter in wagemutigen Expeditionen erforscht wird. Zu meiner Ehrenrettung: ich hatte die Jurgagegend nie für unendlich erklärt. Zur Ehrenrettung des Blätterwaldes: auch hier wird peinlich genau darauf geachtet, die Begriffe „Unendlichkeit“ und „Weltall“ nicht in allzu geringem Abstand zu benutzen.

 

Der Begriff „Weltall“ ist ein Kennzeichen unseres egozentrischen oder sagen wir: anthropozentrischen Weltbildes (auch so ein Wort!). Unser Wissen ist längst weiter fortgeschritten. Wir wissen: das Universum ist unendlich. Das heißt: es hat keine Enden – keine Ecken und Kanten. Obwohl es sich ausdehnt, was wir für einen Widerspruch zu seiner Unendlichkeit halten, wohl ahnend, dass sich Ausdehnung und Unendlichkeit einander unauflöslich bedingen. Weil dies so ist, wird das Universum auch nicht irgendwann beginnen zu schrumpfen.

 

Im letzten Jahr sind sogar Naturwissenschaftler dahintergekommen. Jetzt beginnen sie zu ahnen, was wir längst wissen: dass nämlich die Unendlichkeit des Universums impliziert, dass sich Materie – auf jeden Fall die uns bekannte Materie – in unendlich vielen Möglichkeiten manifestiert. Das kann nicht nur so sein; es muss so sein, will sagen: es ist so! Das ist das, was Steven Vogt von der Universität von Kalifornien in Santa Cruz zumindest schon einmal ahnt. „Die Entdeckung dieses Planeten, so nah und so früh, legt nahe, dass es in unserer Galaxie nur so wimmelt von Milliarden potenziell bewohnbaren Gesteinsplaneten.“

 

Wie naheliegend! Und, wie gesagt: eben nicht nur naheliegend, sondern zwingend. Alles Weitere wäre eine Frage der Zeit; doch diese führte jetzt zu weit.

 

Werner Jurga, 04.02.2012







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