Die schwere Kindheit, der brutale Vater und Preußens Gloria:  

300. Geburtstag des Alten Fritz, Teil 1


Mittwoch, 25. Januar 2012. Gestern wäre
Friedrich II., auch Friedrich der Große oder der Alte Fritz genannt, 300 Jahre alt geworden. Diejenigen, die sich dafür – warum auch immer - interessieren – werden längst irgendetwas aus der aktuellen Medienberichterstattung dazu konsumiert haben. Die Historiker unter Ihnen wissen ohnehin Bescheid. Und wer Geschichte sowieso langweilig findet, wird sich vom Alten Fritz nicht deshalb vom Hocker reißen lassen, nur weil der gestern einen runden Geburtstag hatte. Genau genommen: gehabt hätte. Denn natürlich werden nicht einmal Könige 300 Jahre alt. In alttestamentarischen Zeiten vielleicht, aber vor dreitausend Jahren oder so hatten die Menschen auch noch so ihre liebe Last mit der Zeitbestimmung. Das dagegen klappte vor 300 Jahren schon ganz gut. Noch keine Atomuhr und keine Funkwecker; doch für das Entwickeln und Durchziehen der sprichwörtlichen preußischen Tugenden hatte es allemal gereicht.


Der „Alte Fritz“: Friedrich II. im Alter von 68 Jahren (Gemälde von Anton Graff, 1781)


300 Jahre alt konnte Friedrich, den sich die Deutschen angewöhnt hatten, „den Großen“ zu nennen, nicht werden. Aber 76 Jahre hatte er geschafft; für die damalige Zeit auch schon nicht schlecht. Wer oder was auch immer dieser Friedrich gewesen sein mag, groß war er schon einmal nicht. Jedenfalls nicht groß im Sinne von lang. Und wie das so ist: man liebt immer den oder das, wen oder was einem am meisten fehlt. Der Alte Fritz  liebte seine Langen Kerls, die Jungs vom altpreußischen Infanterieregiment No. 6. Gegründet hatte er diese sog. „Potsdamer Riesengarde“ nicht; denn es wurde bereits 1675 als „Regiment Kurprinz“ aufgestellt. Erster Chef war der Kurprinz von Brandenburg, der auch schon auf den schönen Namen Friedrich hörte. Ihm folgte der Kronprinz Friedrich Wilhelm, die Langen Kerls hießen fortan „Kronprinzenregiment“, Friedrich Wilhelm wurde später der „Soldatenkönig“ und noch etwas später Vater unseres kleinen Alten Fritzchens.

Diejenigen, die sich für sowas interessieren, werden spätestens jetzt mitgekriegt haben, dass das Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Papa Friedrich Wilhelm und Filius Fritz Zwo – sagen wir es mal so – nicht völlig frei von Konflikten war. Nun, es gibt ja überall mal Etwas. Frie Willi, um es kurz zu machen, war einfach not amused darüber … - ach nee, damals war Englisch ja kein bisschen in, sondern Französisch. Also: il n´était pas amusé, dass sein zu Höherem auserkorener Erstgeborener – tja, wie soll ich´s sagen? – ein schwuler Flötenspieler war. Als Klein Alt Fritzchen einst mit seinem Freund aus dem Militärdienst ausgebüchst war, hatte Frie Willi gar in Erwägung gezogen, seine missratene Brut einen Kopf kürzer machen zu lassen. Aber Blut ist nun einmal keine Buttermilch, und so ließ Papa Gnade vor Recht ergehen. Denn selbstverständlich stand in Preußen auf Fahnenflucht die Todesstrafe. Das war allerdings nun wirklich keine preußische Besonderheit.

Friedrich Wilhelm ließ seinem ungezogenen Bengel das Leben, wofür er sich später wiederholt noch Vorwürfe machen sollte. Allerdings hatte er angeordnet, dass Friedrich, also unser gestriges Geburtstagskind, sich die Enthauptung seines Freundes ansehen musste. Preußische Soldaten hatten befehlsgemäß dafür gesorgt, dass der 18-jährige Sohnemann auch ja nicht wegsehen konnte, als der Kopf des geliebten Freundes in den Korb fiel. Blut ist keine Buttermilch, aber Gesetz ist eben auch Gesetz, und Desertation ist nirgends gern gesehen. Im alten Preußen schon gar nicht. Und wenn irgendwo auf der Welt ein Gesetz wirklich auch ein Gesetz ist, dann in Preußen. Der Soldatenkönig hatte so seine Grundsätze. Doch Frie Willi war auch, wie Wikipedia schreibt, „ein Mensch mit Widersprüchen“. Aber sind wir das nicht irgendwie alle?

„Insgesamt gesehen war er ein Mensch mit Widersprüchen. Einerseits ein friedliebender Monarch, andererseits ein heilloser Militarist ... Er war ein Despot à la russe und ein tief religiöser, gottesfürchtiger Mensch.“ Zur Erinnerung: die Rede ist vom Vater unseres Geburtstagskindes, nicht vom Alten Fritz. Bei dem wird es dann noch ein Ideechen widersprüchlicher. Doch lassen wir, bevor wir uns den genauer ansehen, erst einmal den Soldatenkönig Bilanz ziehen: „Mein ganzes Leben hindurch fand ich mich genötigt, zwei Leidenschaften anzuhängen, die ich nicht [sic!] hatte“. Nicht hatte – so ein Fazit ist emotional schon ein wenig unbefriedigend. Friedrich Wilhelm schrieb ja nicht etwa: „Mein ganzes Leben hindurch musste ich eine Scheiße machen, auf die ich im Grunde überhaupt keinen Bock hatte.“

Okay, so schreibt man auch bei Hofe nicht. Und damals schon einmal überhaupt nicht. Schon klar; dies erklärt manches. Aber eben nicht, warum Frie Willi sich „genötigt (sah), zwei Leidenschaften anzuhängen“. Wer verstehen will, was Preußentum bedeutet, muss sich diese einzigartige Formulierung intensiv durch den Kopf gehen lassen: „genötigt, Leidenschaften anzuhängen“. Einfach genial! Wir finden diese Art von Preußischem noch heute bspw. in der links-alternativen Szene, wenn in aller Höflichkeit die Bitte geäußert wird: „Sei doch mal spontan!“ Und welche beiden Leidenschaften waren es, denen der arme Soldatenkönig nachgehen musste? „Eine war ungereimter Geiz und die andere eine ausschweifende Neigung für große Soldaten.“ Dazu muss man wissen, dass Friedrich Wilhelm als „großzügig“ beschrieben wird, und dass ihm – wie bereits erwähnt – Homosexualität nicht nur fremd, sondern ausgesprochen zuwider war. 

Egal: die, wie er es in der ihm eigenen Homophobie formuliert, „ausschweifende Neigung für große Soldaten“ musste ihm eine Leidenschaft sein. Preußen heißt eben nicht nur: „Leben bedeutet Pflichterfüllung!“ Der Preuße hat seine Pflichten darüber hinaus noch mit Freude zu erfüllen, ach was: sie haben ihm eine Leidenschaft zu sein. Selbst wenn sie seinen eigenen Wünschen, Neigungen und Interessen diametral entgegen stehen. „Es gibt Dinge, die wichtiger sind als wir selbst“, formulierte ein damaliger Vorsitzender auf dem SPD-Parteitag unter großem Applaus. Einen Tag später war er abgewählt. So muss es aber nicht zwingend kommen. Friedrich Wilhelm zum Beispiel konnte gar nicht abgewählt werden. Doch abgesehen davon: für ihn hatte sich die Erfüllung von Pflichten, die ihm ungereimt bzw. ausschweifend erschienen, durchaus gelohnt.

„Nur wegen dieser so sehr in die Augen fallenden Schwachheiten vergönnte man mir das Einsammeln eines großen Schatzes und die Errichtung einer starken Armee.“ Prima, ließe sich sagen. Da hatte sich die ganze Scheiße für ihn ja wenigstens gelohnt. In der Tat: er selbst hatte dies offenbar so empfunden. Doch was sollte ein Individuum, eine Person mit einer „starken Armee“ anfangen?! Die starke Armee nützt Preußen, also dem Königreich, nicht etwa dem König. Dass sich mit einem „großen Schatz“ alles Mögliche anfangen ließe, liegt auf der Hand. Aber auch dieser ist vom König ganz selbstverständlich nicht für sein Privatvergnügen gedacht, sondern für Preußens Gloria. Die Armee und der Schatz; Friedrich Wilhelm " (zit. nach Georg Malkowsky, Die Kunst im Dienste der Staats-Idee; Berlin 1912; S. 110): „ Beide sind da, nun bedarf mein Nachfolger weiter keiner Maske.“

Eine Maske. Wie schrecklich für einen echten Preußen! Ein Preuße hat gradlinig zu sein. Frie Willis Lebensleistung besteht darin, seinem Nachfolger den Zwang zu diesen unpreußischen Verrenkungen erspart zu haben. In der Tat! Allerdings hatte er auch die gewissen Widersprüchlichkeiten in seiner Persönlichkeit an seinen Sohn „vererbt“. Die Gene, die Gewissensbildung, die Konflikte auf Leben und Tod. Eigentlich müsste uns diese Geschichte nicht weiter interessieren; der Geburtstag des nachfolgenden Sohnes liegt 300 Jahre zurück. Allein: diese Gene, diese etwas eigentümliche Gewissensbildung, Konflikte auf Leben und Tod in noch diabolischerem Ausmaß und all diese anderen „Dinge, die wichtiger sind als wir selbst“ lebten und leben fort. In diesem Land, das seinen Ursprung in Preußen hat. Und wir sind auch noch stolz darauf.

Soweit für heute. Es ist das Schicksal der Söhne prominenter Väter, dass selbst dann, wenn es um sie gehen sollte, stets zuerst an den Alten gedacht wird. Selbst wenn Rocco Stark im Dschungelcamp die tollsten Heldentaten vollbringt, wird über Uwe Ochsenknecht geplaudert. Ungerecht. Wer weiß? Vielleicht wird ja Rocco noch ein Größerer als Uwe. Keine Ahnung. Ich glaube: eher nicht. Fest steht jedoch, dass aus Friedrich, dem Zweiten, eine noch größere Nummer wurde als aus seinem brutalen, militaristischen Vater. Aus ihm wurde der Alte Fritz, genannt: Friedrich, der Große. Vielleicht nicht der schlimmste Kriegstreiber seither. Doch der Erste, der mit dieser Rücksichtslosigkeit einen derart hohen Blutzoll von den Völkern abverlangt hatte. 

Ich werde es wiedergutmachen: der zweite Teil wird ausschließlich ihm gewidmet sein. Er erscheint in Kürze.


Werner Jurga, 25.01.2012





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