Auf dem Weg zum authentisch-sunnitischen System
Tunesien unter Druck der Salafisten


Montag, 20. Mai 2013. Es ist schwer zu sagen, wie es weitergeht. Gestern, also am Sonntag, den wir in der christlichen Welt Pfingstsonntag zu nennen pflegen, war in Tunesien die Hölle los. In mehreren Städten gab es Straßenschlachten zwischen Demonstranten und der Polizei. Die Demonstranten errichteten Straßenblockaden aus brennenden Reifen und warfen Steine und Molotowcocktails; die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschosse ein. Es wurde auch scharf geschossen, ein Demonstrant ist dabei ums Leben gekommen. Nach Angaben des Innenministeriums wurden elf Sicherheitskräfte verletzt, davon einer schwer. Unter den Demonstranten wurden drei Verletzte gezählt. Es ist schwer zu sagen, wie es weitergeht in Tunesien.


Herr Schankiti, ein angesehener Sympathisant, rief die Demonstranten zur Mäßigung auf. Er appellierte an sie, “Klugheit und Geduld“ an den Tag zu legen und “sich nicht vom Regime provozieren zu lassen“. Stattdessen sollten die „guten Schritte, die Früchte tragen“ weitergehen, sagte Abu Jahja ash-Shankiti. Herr Schankiti ist Mitglied des sogenannten Scharia-Komitees von al-Qaida im islamischen Maghreb (Aqmi). Da al-Qaida jedoch auch im islamischen Maghreb, wie überall auf der Welt, also auch in Tunesien, verboten ist, konnte sich Schankiti nicht direkt, sondern nur per Internetbotschaft an seine Zuhörer wenden. Seine Zuhörer, das sind die Demonstranten in Tunesien, nämlich die Anhänger der islamisch-fundamentalistischen Salafisten-Bewegung Ansar ash-Sharia.


In Tunesien begann mit den Protesten gegen die Regierung von Präsident Ben Ali der "arabische Frühling". Am 17. Dezember 2010 protestierte der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi „mit seiner Selbstverbrennung gegen Polizeiwillkür und Demütigungen“ (Wikipedia). Bouazizis Demütigung bestand konkret darin, dass Ben Alis diktatorisches Regime für jeglichen Gemüsehandel eine Standgenehmigung zur Voraussetzung machte, worüber Herr Bouazizi mit der Kommunalbeamtin - ja richtig: eine weibliche Verwaltungskraft - aneinander geriet. Jedenfalls verweigerte die Verwaltungsbeamtin dem Gemüsehändler die Standgenehmigung, scheuerte ihm auch wohl noch eine, woraufhin sich derartig gedemütigt Mohamed Bouazizi öffentlich in Brand setzte, woraufhin zunächst Tunesien und infolgedessen fast die gesamte arabische Welt in Brand geriet.


Die Jasminrevolution in Tunesien wurde bekanntlich zum Fanal für Aufstände in vielen arabischen Ländern, die in Regimewechsel nicht nur in Tunesien, sondern auch in Ägypten und Libyen, einmündeten. Spiegel Online hatte diese Entwicklung bereits am 16. Januar 2011, also genau einen Monat nach Beginn der tunesischen Revolution, vorhergesehen: „Der Aufstand der Tunesier ist allerdings bereits jetzt Vorbild für Millionen von Arabern, die seit Jahrzehnten unter ihren korrupten Herrschern leiden. Oppositionelle Kräfte in zahlreichen Ländern reagierten am Wochenende entsprechend optimistisch. `Das tunesische Volk hat den Preis für die Freiheit bezahlt und den Tyrannen gestürzt´, lobt die linke ägyptische Karama-Partei.“


Die Euphorie des Spiegel-Artikels, als dessen Quelle nur Nachrichtenagenturen, aber keine Autoren angegeben werden, mag nachvollziehbar sein. Nochmal: er ist von Januar 2011. Komisch nur: der Artikel ist überschrieben mit „Unruhen in Tunesien: Vermummte feuern auf Polizisten“. Ein anderes Zitat daraus: „Soldaten bewachen öffentliche Gebäude mit Panzern, trotzdem hallen immer wieder Schüsse durch die Stadt. Auf der Flaniermeile Avenue Bourguiba waren bewaffnete Soldaten und Dutzende Polizisten mit Schlagstöcken zu sehen. Nach den Brandstiftungen der vergangenen Tage hing beißender Rauch über der Stadt. Nach Angaben der Oppositionspartei PDP nahmen Polizisten einen Konvoi mit bewaffneten Männern fest.“ Spiegel Online am 16. Januar 2011. Wer wissen wollte, konnte wissen.


Und die Revolution geht weiter - in Tunesien, in Ägypten, in Libyen. In jedem dieser Länder liegen die Konfliktlinien etwas anders; doch allerorten geht die Revolution weiter. Aus dem arabischen Frühling, der nie einer war, ist längst ein unfreundlicher Herbst geworden, der dabei ist, in einen bitterkalten Winter überzugehen. Jedenfalls dann, wenn mit „Frühling“ das Ende der Unterdrückung, das Aufblühen der Freiheit gemeint gewesen sein sollte. 2010/2011 wurde es Frühling für die Islamisten, die in allen drei Ländern demokratisch an die Macht gewählt wurden. Die Konstellation in Ägypten ist weithin bekannt. Hier sind die Muslimbrüder ein Bündnis mit Salafisten und Armee eingegangen, das von der demokratischen Opposition ebenso erbittert wie aussichtslos bekämpft wird.


Auch in Tunesien regieren mit der Ennahda-Partei islamistische Kräfte. Hier sind jedoch die Salafisten stark genug, der Regierung den Krieg erklären zu können, weil sie ihrer Ansicht nach zu westlich sei. Die Salafisten von der Ansar al-Scharia sind mit der Al-Qaida verbandelte Dschihadisten, wie Raniah Salloum auf Spiegel Online berichtet. Die dramatische Wirtschaftskrise hat ihnen Massen an jungen Männern zugespült, die Kriege in Libyen und jetzt in Mali Unmengen an Waffen. Zur Machtprobe ist es jetzt gekommen, weil die tunesische Regierung das Jahrestreffen der Ansar al-Scharia verboten hatte. Deren Reaktion steht auf ihrer Homepage; dort heißt es: "Die jungen Leute, die ihren Mut, den Islam zu verteidigen, in Afghanistan, Tschetschenien, im Irak, Somalia und Syrien bewiesen haben, werden nicht davor zurückschrecken, sich für ihre Religion in Kairouan zu opfern."


Viele dieser opferbereiten „jungen Leute“ sind zur Zeit allerdings noch in Syrien gebunden. Kämpfer, die im tunesischen Dschihad fehlen, woraus sich die Mahnung des eingangs zitierten Al-Qaida-Führers Schankiti erklärt, “Klugheit und Geduld“ walten zu lassen. Wann und ob überhaupt diese tunesischen jungen Männer aus Syrien an die Heimatfront zurückkehren werden, lässt sich – zumal nach Assads jüngstem Fernsehinterview – freilich nicht sagen. Mag sein, dass die Al-Qaida aus ihrer Sicht etwas zu optimistische Erwartungen die Zeitachse betreffend hegt. Andererseits: wer wie Schankiti “Klugheit und Geduld“ anmahnt, zeigt nicht nur, dass er selbst über ein gewisses Maß an “Klugheit und Geduld“ verfügt, sondern auch über das Selbstbewusstsein, die Zeit auf seiner Seite zu wissen.


Es ist schwer zu sagen, wie es weitergeht. In Tunesien wie auch in Syrien, in Ägypten wie in Libyen. Als sicher hingegen darf gelten, dass sich die arabische Welt nach dem Ende der postkolonialen Militärdiktaturen auf ein authentisch-sunnitisches System zubewegt. Hierzu schrieb ich in meinen Überlegungen vom 10.12.2012: „In Tunesien... ist gegenwärtig der gleiche Transformationsprozess im Gange wie in Ägypten, unter ähnlich stark eskalierenden Konflikten... Nach dem Ende des Bürgerkriegs wird sich auch in Syrien ein streng durchmilitarisierter Staat etablieren. Denkbar ist, dass eine Phase des gewaltsamen Konfliktes zwischen der Muslimbruderschaft und (teils ausländischen) salafistischen Gruppen auf die Zerschlagung aller nicht-sunnitischen islamistischen Kräfte folgt. Wie lange dies alles noch dauern wird, ist nicht vorherzusehen.“


Werner Jurga, 20.05.2013




Seitenanfang