Wahnsinn, Wirtschaft, Wulff
Freitag, der
Dreizehnte


Freitag, 13. Januar. Also Freitag, der Dreizehnte – Unsereins ist ja nicht abergläubisch. Nie gewesen! Zum Beispiel Silvester 2008, da hatte ich schon klipp und klar herausgefunden: „Maria Esmeraldas Glaskugel taugt nichts.“ Die gute Maria war nämlich in größter Sorge, weil absehbar war, dass wir in 2009 „in zwei aufeinander folgenden Monaten, im Februar und im März, jeweils einen Freitag, den Dreizehnten“ werden erleben müssen. Und es geschah, wie Maria Esmeralda es in ihrer Glaskugel kommen gesehen hatte. War aber piepeschnurz. Wie ich es kommen gesehen hatte. Null Punkte für Maria Esmeralda, ein Punkt für mich!

Auch andere Glaskugeln hatten vor gut drei Jahren nicht das geleistet, was man sich von ihnen versprochen hatte. „Wirtschaftsforscher sehen Arbeitsmarkt etwas glimpflicher durch die Rezession kommen“, hieß es seinerzeit. Nun gut, glimpflicher als die Gesamtwirtschaft (das „Wachstum“) ist der Arbeitsmarkt tatsächlich durch die dramatische Weltwirtschaftskrise gekommen. Allerdings auch nur deshalb, weil die damalige Große Koalition sich nach anfänglichem Zögern schließlich doch zu den dringend gebotenen Maßnahmen hat durchringen können. Die „führenden Wirtschaftsforscher“ lagen mit ihren Prognosen allerdings hoffnungslos daneben.  


"2009 werde die Wirtschaft um 2,7 Prozent schrumpfen, sagten die IfW-Forscher voraus“, berichtete ich (ebenfalls an Silvester 2008). Das Kieler IfW – das marktradikalste unter Gottes Sonne – hatte sich mit dieser Prognose an die Spitze der Konjunkturpessimisten gesetzt – und auch damit die Dramatik des globalen Einbruchs völlig unterschätzt. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist 2009 fast doppelt so stark geschrumpft. Anfangs war von minus 6 % die Rede; jetzt heißt es, das BIP sei „nur“ um 5,1% zurückgegangen. Wie auch immer: die Konjunkturprogramme, die Kurzarbeiterregelung, die Abwrackprämie etc. führten dazu, dass der Mehrheit der Deutschen die Dramatik der Situation gar nicht so richtig aufgefallen ist.  

Zumal: rubbeldiekatz ging es danach wieder aufwärts. Ein Wunder! 2010 stieg das BIP um 3,6 %, 2011 immerhin noch um 3 % glatt. Weltklasse, Weltspitze! Gut, genau genommen, ohne dies jetzt unnötig zu vertiefen zu wollen, konnte mit diesen Wachstumsraten gerade einmal der Einbruch von 2009 so eben gerade wieder wettgemacht werden – so etwa gegen Mitte 2011. Im Letzten Quartal 2011 war dann schon wieder „Minuswachstum“. Entsprechend bescheiden sehen die Prognosen für 2012 aus. Zunächst einmal werde es weiter abwärts gehen, sind sich die Institute einig. Warum dennoch bei fast allen Prognosen ein kleines Plus auftaucht, bleibt das Geheimnis der Wirtschaftsforscher.  

Fest steht: seit einem Vierteljahr steckt Deutschland in der Rezession, und da wird es (mindestens) auch noch ein halbes Jahr bleiben. Fest steht freilich auch, dass Deutschland mit dieser Bilanz und diesen Aussichten allemal besser dasteht als alle seine Partner in der Eurozone und in der EU. Warum die Wirtschaftsinstitute annehmen, dass es im zweiten Halbjahr 2012 wieder aufwärts gehe mit der deutschen Wirtschaft, ist mir nicht ganz klar. Die kleinen Verbesserungen beim privaten Konsum haben nichts daran geändert, dass das deutsche Wachstum (oder „Minuswachstum“) vor allem von der Exportindustrie abhängt, und dass die Exporte nach wie vor vor allem in den Euroraum und in die anderen EU-Staaten gehen.


Wenn die Merkel-Regierung nun aber im Grunde fast allen europäischen Ländern eine Sparpolitik aufnötigt, gegen die sich die Agenda 2010 ausnimmt wie ein kleiner Snack zwischen den Hauptmahlzeiten, stellt sich unweigerlich die Frage, wo dieses (prognostizierte) Wachstum eigentlich herkommen soll. Die Auslandsnachfrage wird weiter zurückgehen, der Staat wird weiterhin – wenn auch (im europäischen Maßstab) maßvoll – sparen, und so kräftig, dass er einen gesamtwirtschaftlichen Aufschwung tragen könnte, sind die Konsummöglichkeiten der privaten Haushalte nun auch wieder nicht angestiegen. Mit dem absehbaren Rückgang der Beschäftigung werden auch sie sich eintrüben.  

Wir werden sehen. Mit Prognosen kann man daneben liegen. Insbesondere freitags, wenn der Dreizehnte ist. Freitag, das heißt: das Wochenende steht vor der Tür. Schöne Sache eigentlich, für mich allerdings insofern nicht ganz unproblematisch, weil ich am Sonntag, also vor fünf Tagen, prophezeit hatte: „Wulff muss gehen, Wulff wird gehen, spätestens bis zum nächsten Wochenende“. Unverkennbar: die Sache ist auf dem Weg. Dennoch: ich sollte den Mund nicht immer so voll nehmen. Möglich, dass es nichts mehr wird bis Sonntagabend. Vielleicht wird es Dienstag, Mittwoch oder gar Donnerstag. Knapp daneben ist auch vorbei. „Du bist immer eine Idee zu schnell“, sagte mir gestern eine Kollegin. Das kann sich nur auf meine Prognosen bezogen haben. Hatte es sich auch. Trotzdem Scheiße


Die Hoffnung stirbt zuletzt. Noch ist erst Freitag. Allerdings der Dreizehnte. Ich habe so ein mulmiges Gefühl. Nicht, dass sich das noch eine ganze Woche lang hinzieht! Es ist doch nicht mehr zu ertragen!  


Werner Jurga, 13.01.2012




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