John Plender



Bettinas Ohrringe aus Brillanten mit Saphiren
Die schönen Dinge des Lebens
und der Kapitalismus

 

Mittwoch, 11. Januar 2012. Es gäbe wichtigere Dinge als die Geschichten um Christian Wulff, ist vielerorts zu lesen – häufiger von seinen Unterstützern als von seinen Gegnern. Und wenn man sich die ganze Sache ganz unvoreingenommen durch den Kopf gehen lässt, kommt man zu dem Ergebnis: Ja, es gibt sie, diese wichtigeren Dinge! Wer hätte das gedacht?! Wichtigere Dinge als die Geschichten um Christian Wulff ... – aber welche nur?

 

Spiegel-Leser wissen mehr. Mitunter sogar mehr – noch mehr! – als die Leser von Spiegel online. Über die wichtigeren Dinge, in diesem Fall: die schönen Dinge des Lebens. Es geschah am Abend des 13. Dezembers 2010, Christian Wulff befand sich auf dem Rückflug vom Persischen Golf, in der Maschine wie üblich der mitreisende Journalisten-Tross. Die ersten Enthüllungen über Wulffs Hauskredit liegen gerade etwa 24 Stunden zurück.

 

Dem von mir bereits erwähnten Spiegel-Artikel „Dünnhäutig und nachtragend“ auf Seite 24 der aktuellen Ausgabe (Heft 2 / 2012) ist zu entnehmen, dass „die Stimmung in der Kabine zunehmend aufgewühlt wirkt“. Wie gesagt: kurz nach Beginn der sog. Hauskredit-Affäre vor fast einem Monat. Wie gut, dass in dieser für alle nicht ganz einfachen Situation „eine Reporterin der Regenbogenpresse“ mit an Bord war!

 

Ihr war nämlich aufgefallen, dass die Präsidentengattin Ohrringe getragen hatte, „in denen sie Brillanten mit Saphiren erkannt haben will“. Eine wichtige Angelegenheit, wichtiger jedenfalls als diese blöden Geschichten um diesen blöden Kredit für das nicht minder blöde Haus. Ohrringe aus Brillanten mit Saphiren! Das hätten sie sein können, diese „wichtigeren Dinge als die Geschichten ...“

 

Steilvorlage der Lady-Di-Tante: „Sind Sie so ein großzügiger Ehemann, wie ihn sich jede Ehefrau wünscht?“ Ja genau, das ist das, was die Leserinnen von – ich weiß es leider nicht, so etwas behält Der Spiegel wieder einmal (vermutlich aus Konkurrenzdenken) für sich – Bunte oder Gala, oder vielleicht sogar des Neuen Blatts oder der Frau im Spiegel, brennend interessieren dürfte.

 

Möglicherweise hätte sich dem Präsidenten genau hier die einmalige Chance ergeben, die ganze blöde Hetzkampagne gegen ihn gleich im Ansatz zu ersticken. Es wäre im Grunde ein Leichtes gewesen, diesen Ball anzunehmen und in ein Traumtor zu verwandeln, hätte die Reporterin der Klatschpresse nicht auch noch dieses wissen wollen: „Oder ist das eine Leihgabe?“

 

Mist! Wie wir wissen, sind Politiker auch nur Menschen, mithin Wesen, die mitunter die Contenance verlieren. Speziell Christian Wulff verliert schon mal recht leicht die Contenance. Jedenfalls habe er nach der Brillanten-Frage der Regenbogen-Reporterin „genervt seine Stimme erhoben. Es reiche ihm jetzt, es müsse doch mal genug sein“. Am 13. Dezember, nach etwa 24 Stunden Hauskredit-Affäre, was für ein Mensch!

 

Wichtigere Dinge als die Geschichten um Christian Wulff ... – aber welche nur? Ohrringe aus Brillanten mit Saphiren sind es scheinbar schon einmal nicht. Irgendsoein politischer Kleinkram wird wohl auch kaum in Frage kommen; wirklich wichtig können eigentlich nur die ganz großen, die grundsätzlichen Dinge rund um Sein oder Nichtsein ... – äh: sein. Zum Beispiel: der Kapitalismus.

 

Der steht nämlich auf der Agenda der Financial Times Deutschland (FTD). Dort begann gestern nämlich „eine Serie, die über den Kapitalismus nach Ausbruch der Finanzkrise 2007 neu nachdenken will - und die in den kommenden zwei Wochen auf den Kommentarseiten der FTD veröffentlicht wird“ – ganz oder zumindest weitgehend identisch mit der Serie im „Mutterblatt“ Financial Times.

Der Kapitalismus – kannste mal sehen: wahrlich ein wichtigeres Ding als die Geschichten um Christian Wulff. Allerdings ... – gewisse Ähnlichkeiten, gar Parallelen sind nicht ganz von der Hand zu weisen. „Das Vertrauen in den Kapitalismus ist erschüttert“, eröffnet 
John Plender sein Geleitwort zur Artikelserie. Genau wie das Vertrauen in Christian Wulff. Das Vertrauen in Wulff wurde erschüttert, weil er – leider nur ein Mensch – nicht immer ganz gradlinig war.


Worunter nur mag das Vertrauen in den Kapitalismus gelitten haben? Man weiß es nicht. John Plender glaubt: „weil sich Banker, Manager und Händler weiter bereichern“. Da ist einerseits etwas dran; andererseits bleibt die Frage, was von Bankern, Managern und Händlern zu halten wäre, die sich nicht bereichern. Ein Händler ... – tja, wie soll ich das jetzt erklären? Also: wenn so ein Händler nach dem Handel nicht reicher ist als vorher ... – Also: wenn das einmal passiert oder zweimal ... Ständig darf so etwas jedenfalls nicht passieren!

Und wenn die ganzen Banker mit dem Bereichern aufhörten, dann bräuchte Frau Merkel auch nicht mehr zu all diesen Gipfeltreffen zu fahren. Hören die Thyssen-Krupp-Manager mit dem Bereichern auf, können die Stahlarbeiter morgens länger schlafen. „Der Arbeiter gilt nicht länger als Humankapital, sondern als reiner Kostenfaktor“, schreibt Plender. Nicht, dass er da den Guttenberg gemacht hat! Mir kommt es so vor, als hätte ich diesen Satz schon vor 20 oder 30 Jahren irgendwo anders gelesen.

Egal: „Soll der Kapitalismus überleben, müssen wir ihn neu erfinden.“ Wahrlich wichtiger als die Geschichten um Christian Wulff! Wobei: soll der Bundespräsident überlegen, das Amt, versteht sich, muss man es nicht unbedingt neu erfinden, sondern einfach nur neu besetzen. Dagegen: den Kapitalismus neu erfinden? Warum eigentlich nicht? Erstens hat das immer wieder mal geklappt, und zweitens wird
Wolfram Weimer

sich schon etwas dabei gedacht haben, als er zum Jahreswechsel auf das ewige Leben des Kapitalismus gewettet hatte.

Nur wie er neu erfunden werden könnte, das erfahren wir von ihm nicht. Nun gut, in der FTD-Artikelserie werden Autoren zu Wort kommen, die im Gegensatz zu Weimer etwas von Ökonomie verstehen. Warten wir das mal ab! Erfinderreichtum ist gefragt. Wenn der Kapitalismus „überleben soll“. Und solange ich auf die Erfindungen der Überlebenskünstler warte, vertreibe ich mir die Zeit mit unwichtigen Dingen. Mit Christian Wulff.



Werner Jurga, 11.01.2012




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