Türkei / Syrien: die Katastrophe von Reyhanli

und auf einmal geht es dann doch um Alles


Montag, 13. Mai 2013. Wer im Fernsehen die Bilder nach den Detonationen der beiden Bomben, die Samstagmittag in Reyhanli, der türkischen Kleinstadt nahe der syrischen Grenze explodiert sind, gesehen hat, dieses unglaubliche Ausmaß der Zerstörung, wird keine Scheu haben, in diesem Zusammenhang von einer militärischen Aktion zu sprechen. Allerdings dürfte es hierzulande nur Wenigen in den Sinn kommen, dass es der Nato-Doktrin zufolge keinerlei Unterschied macht, ob eine feindliche Militäraktion Menschenleben in Reyhanli kostet oder – sagen wir mal – in Duisburg-Marxloh. Krieg ist Krieg, und Nato-Gebiet ist Nato-Gebiet. Es gibt innerhalb des westlichen Bündnisses keine Zonen unterschiedlicher Sicherheit. Wer die Nato angreift, und zwar egal wo, hat mit militärischen Gegenmaßnahmen zu rechnen. Wenn die Nato angegriffen wird, muss jeder Nato-Soldat, also auch jeder Bundeswehrsoldat damit rechnen, zur Abwehr dieses Angreifers eingesetzt zu werden. Deshalb ist die Frage, wer für die Autobomben im Stadtzentrum von Reyhanli verantwortlich ist, von herausragender politischer Bedeutung. Es ist eine Frage von Krieg und Frieden auch für uns Deutsche. Deshalb gestern die ernsten Gesichter von Außenminister Westerwelle und Verteidigungsminister de Maizière.


Es ist jedoch nicht bekannt, wer die Bomben von Reyhanli gelegt hat. Auch wenn sich die türkische Regierung sehr schnell festgelegt hat, um wen es sich bei den Übeltätern handele, nämlich um das Assad-Regime in Syrien. Und in der Tat: für die Täterschaft des syrischen Diktators spricht einiges. In Reyhanli leben nämlich rund 20.000 syrische Flüchtlinge in Notunterkünften, die Stadt gilt als Umschlagplatz für die Waffenlieferungen an die syrischen Rebellen, und die Konflikte zwischen Syrern und Türken in der überfüllten Grenzstadt haben schon vor den verheerenden Anschlägen merklich zugenommen. Umfragen zufolge lehnen drei Viertel der Türken eine Einmischung in Syrien ab. Dieser Anteil dürfte „nach Reyhanli“ noch einmal deutlich zugenommen haben, die Abneigung der türkischen Bevölkerung gegen „die Syrer“ entsprechend abgenommen. Eine Motivforschung, die der Frage „cui bono?“ folgt, scheint also tatsächlich Richtung Damaskus zu zeigen. Andererseits weiß auch Assad nur zu genau, dass Erdogan nur auf einen Anlass wartet, die bislang unwilligen Nato-Partner in ein militärisches Abenteuer mit unübersehbaren Folgen hineinzuzwingen. Eine türkische Intervention mit Nato-Unterstützung wäre so ziemlich das Letzte, was sich das Assad-Regime wünschen kann.


So dementiert Damaskus denn auch jegliche Verstrickung in dieses schreckliche Attentat. Ankara dagegen bleibt dabei. Die Drahtzieher der Anschläge seien identifiziert. Innenminister Güler erklärt, es sei erwiesen, dass die Verhafteten „Verbindungen zu Organisationen haben, die vom syrischen Regime und seinen Geheimdiensten unterstützt werden“. Da kennt also einer jemanden, der Verbindungen haben soll zu noch einem Anderen, der wiederum unterstützt wird von denen, die eigentlich gemeint sind. Der Eindruck könnte sich aufdrängen, dass sich die türkische Regierung keine allzu große Mühe gibt, ihre Instrumentalisierung der schrecklichen Ereignisse von Reyhanli zu kaschieren. Wenn da nicht der großartige Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wäre, der in einer ersten Reaktion nicht ausschließen wollte, dass es einen kurdischen Zusammenhang geben könnte. Der Regierungschef treibt nämlich gerade einen Friedensprozess mit der PKK voran, und "nicht alle sind damit einverstanden", so Erdogan. So ist das: viel Feind, viel Ehr. Einer der Vorsitzenden der sozialdemokratischen Kurdenpartei BDP hält seinerseits eine Verwicklung des syrischen al-Qaida Ablegers al-Nusra für denkbar. Die Kurden werfen der türkischen Regierung vor, die Dschihadisten bei ihren Angriffen auf kurdische Gebiete in Syrien zu unterstützen.


Warum jedoch al-Nusra den Terror in die Türkei tragen sollte, bleibt das Geheimnis der Kurden. Ein vermeintlich „kurdischer Zusammenhang“ spräche hier in der Tat eher für Erdogans Version, hätte dann wiederum aber eher den Charakter eines kurdischen Gegenschlags. Mittlerweile ist Erdogan freilich auf die offizielle Version seiner Regierung eingeschwenkt, dass die Syrer, also das Assad-Regime, hinter dem Anschlag stecken – also die Alawiten und nicht die Kurden. Unterdessen erzählt sich der türkische „kleine Mann auf der Straße“, die USA und Israel seien die Drahtzieher des Anschlags, um die Türkei zu einer Intervention zu bewegen. Als Beleg für diese „Theorie“ wird die von Erdogan geplante USA-Reise angeführt. Dass offensichtlich das Gegenteil der Fall ist, dass nämlich ihr Regierungschef die USA und die Nato mit in einen Krieg gegen Syrien hineinziehen will, passt nicht so recht ins landläufig-türkische Weltbild. Die überwältigende Mehrheit der Türken will, wie bereits erwähnt, keine Intervention; da kann es gar nicht sein, dass der von ebendieser überwältigenden Mehrheit gewählte Ministerpräsident ebendiese Intervention vorbereitet. Was nicht sein kann, das nicht sein darf – da bietet nur das Stereotyp von der jüdischen Weltverschwörung einen Ausweg aus dem Dilemma.


Es ist nicht bekannt, wer die Bomben von Reyhanli gelegt hat. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wer dieses schwere Verbrechen auf dem Gewissen hat. Die Logik des „cui bono?“, des „Wem nützt es?“, würde, wie gezeigt werden konnte, am ehesten den Verdacht auf die Regierung in Ankara lenken. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann auch dieses Selbstgemacht nicht ausgeschlossen werden. Allein: diese cui-bono-Logik hilft kein bisschen weiter. Manchmal kommt sie hin, meist nicht. Doch ganz egal, wer es war, wer die entsetzlichen Anschläge von Reyhanli in Auftrag gegeben hat, er tat, sie taten es in der Absicht, den syrischen Bürgerkrieg zu internationalisieren. Wer die USA und die Nato mit hineinziehen will, weiß, dass er damit auch Russland und den Iran mit hineinzieht. Eine Internationalisierung des syrischen Bürgerkriegs bietet allerdings nicht – und gewiss nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt – die Hoffnung, das Blutvergießen zu beenden. Eine noch schlimmere Katastrophe wäre die Folge. Es ist ein seit dem Ende des Kalten Krieges nicht gekanntes Spiel mit dem Feuer, das sogar die Gefahr des direkten Aufeinandertreffens westlicher und russischer Streitkräfte in sich birgt. Auf jeden Fall aber die Gefahr, dass der gesamte Nahe und Mittlere Osten in Flammen aufgeht. De Maizière und Westerwelle haben die Gefahr erkannt; jetzt muss kluge Regierungspolitik folgen!


Werner Jurga, 13.05.2013




Bild: Google Maps




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