Donnerstag, 5. Januar 2011. An diesem Montag habe ich – in der Annahme, dass Wulff nicht mehr zu halten sei, hier ein Plädoyer für Antje Vollmer als eine geeignete Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten gehalten. Darin schrieb ich u.a., Vollmer habe „als Vorsitzende des Runden Tisches Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren über den Politikbetrieb i.e.S. hinaus großes Ansehen erworben“.
Zu meiner Kolumne, meinem Vorschlag und insbesondere zur angeführten Bemerkung erhielt ich am Dienstag eine Reihe von eMails der von dieser Heimerziehung Geschädigten, von denen ich drei im Folgenden – selbstverständlich in Absprache – veröffentliche. Die erste hat mir Helmut Jacob geschrieben, der auf seiner Website den Protest gegen meine Anregung und die Korrespondenz mit mir ebenfalls dokumentiert.




Volmarstein Johanna-Helenen-Heim. Ansicht: Hofseite des Johanna-Helenen-Heimes. Hinter den zwei linken Fenstern war die Klasse 3 und 4. Darunter die Treppe zur ehemaligen Leichenhalle, in der Verstorbene aus den anderen Anstaltshäusern und aus der Klinik aufgebahrt wurden. Hinter den 3 rechten die Klasse 5 - 8.



Foto: Ina Hüffer (am 26.06.2007), Quelle: gewalt-im-jhh.de




Vollmer for President? Das hat uns gerade noch gefehlt

Im Zuge einer Recherche fiel mir der Blog eines Dr. Werner Jurga, Duisburg, unter die Augen (http://jurga.de/167.html) und ich erschrak mächtig. Jurga empfiehlt Antje Vollmer als zukünftige Bundespräsidentin. Mir ist klar, dass E-Mails gern unter den Tisch fallen, darum schreibe ich Herrn Jurga auf diesem Wege.

Lieber Herr Jurga!

In Sachen Wulff sind Sie nach eigenem Bekunden mächtig gegen die Wand gelaufen. Ihre Einschätzung war eher von wenig Instinkt und mangelnder politischer Erfahrung geleitet, sonst hätten Sie wissen müssen, dass sich die Ära des Herrn Wulff als Bundespräsident bereits am 15. Dezember dem Ende neigte, nachdem er gewaltig in die Schlagzeilen geriet. Aber Schwamm drüber; man kann sich irren.
Nun sind Sie dabei sich wenigstens ein zweites Mal mächtig zu irren, indem Sie Vollmer lobdudeln und gar als zukünftige Präsidentin wie warme Puddingplätzchen anpreisen. Sie versteigen sich sogar zu der Behauptung, Vollmer habe sich „als Vorsitzende des „Runden Tisches Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ über den „Politikbetrieb“ i.e.S. hinaus großes Ansehen erworben.“ Woher Sie diese Erkenntnisse haben, interessiert mich sehr. Bitte klären Sie mich auf.
Überlegen Sie sich Ihre Werbung noch einmal, bevor Sie zugeben müssen, dass Sie sich erneut geirrt haben.

Um Ihren Geist zu erhellen, empfehle ich Ihnen das Studium folgender Homepageseiten:

http://gewalt-im-jhh.de/Runder_Tisch_-_Informationen_u/runder_tisch_-_informationen_u.html

http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Runder_Tisch_Heimkinder__Vollm/runder_tisch_heimkinder__vollm.html

http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Manfred_Kappeler_-_Kritischer_/manfred_kappeler_-_kritischer_.html

http://dierkschaefer.wordpress.com/   mit etlichen Beiträgen zur Arbeit des Runden Tisches Heimerziehung unter Tischvorsitz von Antje Vollmer

http://www.veh-ev.info//pages/homepage-des-vereins-ehemaliger-heimkinder-e.v.-veh-e.v/preisverleihungen.php

Mit freundlichem Gruß
Helmut Jacob


Allen anderen, die mehr in das Seelenleben des Dr. Jurga eintauchen möchten, empfehle ich beispielsweise diesen Link:
http://www.xtranews.de/2011/12/31/zeit-fuer-einen-systemwechsel-duisburg-21-deutschland-21-welt-21/comment-page-1/#comment-11885


Die nächste Mail stammt von Heidi Dettinger (Verein ehemaliger Heimkinder):

Sehr geehrter Herr Jurga,

Sie schreiben in Ihrem Blog, Sie halten "es für eine ausgesprochen gute Idee, sich mal bei Antje Vollmer zu erkundigen, ob sie für diese Aufgabe zur Verfügung stünde."

Und führen weiter aus, Frau Vollmer habe sich als "Vorsitzende des "Runden Tisches Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren" über den "Politikbetrieb" i.e.S. hinaus großes Ansehen erworben".

Irgendwie scheint da einiges an Ihnen vorbei gegangen zu sein:

Frau Vollmer wusste von Anfang des "Runden Tisches Heimerziehung der 50er und 60er Jahre" (RTH) an um die besondere Problematik dieses "Gremiums": seiner Entstehung, seiner Konstruktion und seiner Abschottung. Sie hat nicht nur nicht erkennbar reagiert, sondern hat sich des Wort- und Vertrauensbruches schuldig gemacht. Nachweisbar. Schriftlich.

Frau Vollmer hat sich - als Moderatorin (oder Vorsitzende, wie Sie es nennen) - mit deutlichen Worten dagegen gewehrt, dass die Gruppe der Heimkinder mit Behinderungen in die Diskussion mit aufgenommen werden.

Dasselbe gilt für Kleinkinder, die oftmals Monate oder gar Jahre in Säuglingsverwahranstalten ausharren mussten und dort allen nur denkbaren Misshandlungen ausgesetzt waren. Der eigentliche Skandal hierbei ist, dass Frau Vollmer es ablehnte, über eine Einbeziehung dieser Personengruppen auch nur zu diskutieren.

Bereits bei der Herausgabe des Zwischenberichtes des RTH gab es laute Kritik an Vorgehensweise und Demokratieverständnis von Frau Vollmer.

Bei der Verabschiedung des Abschlussberichtes hat Frau Vollmer sich besondere Mühe gegeben, eine Einstimmigkeit herbeizuführen. Und ist dabei weder vor Druck noch vor Verfälschung der Abstimmungsergebnisse zurückgeschreckt. Belegbar. Beweisbar.

Ich würde Ihnen raten, das Blog von Pastor i.R. Dierk Schäfer zu besuchen, hier besonders die Diskussion anlässlich der Ehrenberg-Preisverleihung über Vollmers Preiswürdigkeit
http://dierkschaefer.wordpress.com/page/6/, des weiteren das Blog von Helmut Jacob, ehemaliger Insasse eines Kinderheimes für behinderte Kinder
http://gewalt-im-jhh.de/Runder_Tisch_-_Informationen_u/runder_tisch_-_informationen_u.html
oder auch die Homepage des Vereins ehemaliger Heimkinder e.V., genauer diese Seite dort:
http://www.veh-ev.info//pages/homepage-des-vereins-ehemaliger-heimkinder-e.v.-veh-e.v/preisverleihungen.php

Sie werden feststellen, dass zumindest diejenigen, über Frau Vollmer an diesem Runden Tisch "Vorsitz" gesessen hat, deutlich anderer Meinung als Sie sind.
Außerdem empfehle ich Ihnen die Lektüre verschiedener Aufsätze von Prof. Dr. Kappler, einem ausgewiesenem Kenner der Heimkinderproblematik!

Sollten Ihnen der Sinn nach weiteren Informationen über Ihre eigenwillige "Favoritenkür" stehen, wenden Sie sich getrost und vertrauensvoll an mich. Ich bin fast sicher, auch Herr Jacob und / oder Herr Schäfer werden Ihnen antworten, da ich beide als sehr höfliche Menschen kennengelernt habe.

Mit besten Grüßen
Heidi Dettinger





Volmarstein um 1950


Die folgende eMail von Lutz Adler habe ich – in Rücksprache mit ihm – ein wenig gekürzt um einige sehr persönliche Bemerkungen sowie Anmerkungen zur Sache Wulff.


Sehr geehrter Herr Dr. Werner Jurga,

mit Entsetzen habe ich Ihre Gedankenspiele um die Neubesetzung des in Verruf gekommenen Amtes des BP gelesen. Ich möchte ihnen darauf antworten bzw. einige Infos zur Verfügung stellen.
So denke ich lässt sich das Bild vom RTH –West besser einordnen (RTH = Runder Tisch Heimerziehung) und die dort maßgeblich beteiligte Frau Vollmer.

Frau Vollmer und in Arbeitsgemeinschaft ebenfalls Frau Rupprecht (SPD) habe am RTH – West nichts unversucht gelassen, die Verantwortlichen für die erwiesenermaßen schlimmen Dinge die an Heimkindern verbrochen worden sind zu beschönigen.
Ich wähle bewusst „verbrochen“, denn anders sind diese Dinge nicht zu nennen.
Schläge, Folter, Zwangsarbeit im Namen des Herrn und des Staates, das sind die unwiderlegbaren Tatsachen.
Frau Vollmer und auch Frau Rupprecht, die sich nicht zu schade, war das Plenum des deutschen Bundestages zu belügen, haben diese Dinge verharmlost und die Opfer erneut verhöhnt.
Frau Rupprecht hat von der Verletzung der Menschenrechte im Plenum gesprochen, aber entschädigt soll das alles nicht werden.
Schauen Sie ins Netz z.B. auf die Seite des DEMO (die ehemaligen minderjährigen Opfer), auf die Seite des VEH e.V. und Sie werden sehen was ich meine.
Ich erlaube mir, Ihnen entsprechendes Material im Anhang meiner Mail  zur Verfügung zu stellen.

Sehr geehrter Herr Dr. Werner Jurga,
ich hoffe, dass Sie mein Bedürfnis, Ihnen diese Zeilen zu senden, richtig einordnen können.
Sollten nun bei Innen Fragen auftauchen oder weiterer Infobedarf entstanden sein, bin ich selbstverständlich gern bereit, Ihnen Rede und Antwort zu stehen.

Mit freundlichen Grüßen
Lutz Adler


In der Nacht von Montag und Dienstag habe ich folgende Antwort an die drei Betroffenen gemailt:


Sehr geehrte Frau Dettinger,
sehr geehrter Herr Jacob,
sehr geehrter Herr Adler,

es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen noch in dieser Nacht eine kurze Antwort auf Ihre eMails (bzw. Herrn Jacobs Blogeintrag) zu geben. Im Laufe des Mittwochs werde ich nämlich gewiss nicht dazu kommen, mich mit den Verbrechen an den Heimkindern im Nachkriegsdeutschland und deren „Aufarbeitung“ zu befassen, und es hätte mir keine Ruhe gelassen, womöglich erst am Wochenende auf Ihre Schreiben zu reagieren.

In meiner von Ihnen zu Recht kritisierten Kolumne habe ich in eklatanter Weise gegen den Anspruch an Sorgfalt verstoßen, den ich selbst an meine publizistische Tätigkeit stelle. An mir ist da einiges – wie Sie, Frau Dettinger, richtig schreiben - vorbei gegangen. Auch das Verfassen dieser Kolumne war mir nicht Anlass, mich mit der gebotenen Gründlichkeit diesem – ich scheue mich, „Ihrem“ zu schreiben – Thema zu widmen. Das war Ihnen gegenüber unsensibel und in politischer bzw. publizistischer Hinsicht grottenschlecht. Ich ärgere mich sehr darüber.

Den Anstoß zu diesem Text bekam ich, wie Sie erkennen konnten, aus der Zuspitzung der Debatte um Herrn Wulff. Ich fand es für die Zwecke meines Blogs ganz gut, einen alternativen Personalvorschlag zu machen – warum auch immer. Das Warum zu erläutern würde mich zu wichtig nehmen. Ich habe erläutert, warum mir Frau Vollmer in den Sinn kam – nicht, weil ich ein langjähriger Fan dieser Politikerin wäre oder gar, weil ich annähme, meine Vorschläge fänden in den hier relevanten Kreisen Gehör, sondern weil ich meinen Lesern eine „interessante Gedankenanregung“ bieten wollte.

Ich selbst habe mir dann zur Person Antje Vollmer Gedanken gemacht, weil mir der Anlass ihres Ausstieges aus der aktiven Politik unangenehm aufgestoßen ist. Wie ich kurz geschrieben habe, hatte ich mich dann mit ihrer Versicherung, für die Gleichberechtigung Homosexueller einzutreten, zufrieden gegeben, und ihre mit dem Vorrang des Kindeswohls vor dem Minderheitenschutz begründete Ausnahme für mich für tolerabel, wenn auch nicht für nachvollziehbar erklärt.

Was nun Vollmers Rolle bei der „Aufarbeitung“ der Verbrechen an den Heimkindern im Nachkriegsdeutschland betrifft, muss ich wiederholen: da habe ich in unverantwortlicher Weise geschludert. Keine Entschuldigung, nicht einmal eine „Erklärung“ (die ja in aller Regel auf dasselbe hinauslaufen soll), einfach nur eine Beschreibung der Motivlage: die Kolumne sollte „raus“; mein relativ ausführliches Nachdenken über Vollmers Dissidenz beim Adoptionsrecht bereitete mir das Gefühl, die Sache umfassend durchdacht zu haben.

Diese Beschreibung erklärt nicht, warum ich beim Thema Heimkinder weggesehen habe. Ich suche nicht nach einer Entschuldigung; ich suche nach einer Erklärung. Damit bin ich allerdings „noch nicht fertig“. Mich bei Ihnen zu entschuldigen, fiele mir nicht schwer; allein: der Nutzen ist nicht ohne weiteres erkennbar. Also komme ich auf den Begriff der „Wiedergutmachung“ zu sprechen, ein Wort, von dem ich argwöhne, dass es bei Ihnen die übelsten Assoziationen auslösen dürfte. Es steht mir nicht im Entferntesten zu, Ihnen zu erklären, dass nichts, aber auch gar nichts, wiedergutmachen könnte, was Ihnen in Ihrer Kindheit angetan worden ist.

Allein: das habe nicht ich Ihnen angetan. Ich habe „nur“ in gedankenloser und schlampiger Art und Weise über Ihr Schicksal hinweggesehen – in der vermeintlich „gutgläubigen“ Annahme, dass eine Antje Vollmer schon irgendwie Gutes im Sinn haben dürfte. Ich bin noch nicht dazu gekommen, die von Ihnen empfohlenen Materialien in der gebotenen Gründlichkeit zu studieren, und ich möchte nicht Frau Vollmer gegenüber denselben Fehler begehen wie Ihnen gegenüber und vorschnell zu einem Urteil kommen, das darüber hinaus mir ohnehin nicht zusteht, und das insofern nicht ganz so bedeutsam ist, als dass der Leserkreis meines Blogs letztlich überschaubar ist.

Das nimmt nichts von der Selbstverständlichkeit, dass ich – zumindest in diesem Rahmen, besser aber darüber hinaus – möchte, dass Ihr Standpunkt bekannt gemacht wird und vielleicht Teile der hier angedeuteten und zudem noch zu vertiefenden „Läuterung“ – wie Sie es nennen, Herr Jacob – meinerseits eine mindestens genauso große Verbreitung finden wie die von Ihnen zurecht beanstandete Kolumne.

Sie können selbstverständlich, Herr Jacob, was immer sie wollen, publizieren. Mein Motiv ist jedoch nicht, mich als geläuterten guten Menschen präsentieren zu wollen. Ich würde mich ein Ideechen besser fühlen, wenn ich Sie dabei ein klein wenig unterstützen dürfte, „Ihre Sache“ (sorry) bekannter zu machen.
Ich hoffe auf Ihre Antwort und bitte um Verständnis, sollte ich nicht immer so zeitnah reagieren können wie jetzt.

Herzliche Grüße
Werner Jurga




Heidi Dettinger, Lutz Adler und Helmut Jacob haben mir jeweils am Dienstag in individuellen Schreiben geantwortet. Ich will es dabei belassen, hier „nur“ Herrn Jacobs Schreiben zu dokumentieren:


Sehr geehrter Herr Dr. Jurga!

Selbstverständlich nehme ich Ihre Entschuldigung an! Dabei betone ich ausdrücklich die Selbstverständlichkeit, dass Sie anderer Meinung sein dürfen als andere; immerhin gilt Gott sei Dank Meinungsfreiheit. Für mich ist die Sache erledigt. An Ihrer Stellungnahme kann sich Herr Wulff eine Scheibe abschneiden. Ich stelle sie in meinen Blog. Selbstverständlich können Sie alle meine Blogeinträge, ob im Zusammenhang mit Vollmer oder nicht, für Ihre Facebook-Seite verwenden. Mein Blog und die Homepage www.gewalt-im-jhh.de der "Freien Arbeitsgruppe JHH 2006" sind öffentlich und sollen ja auch gelesen werden.
Noch einmal herzlichen Dank für Ihre ausführliche Stellungnahme!

Mit freundlichem Gruß
Helmut Jacob


Frau Dettinger und Herr Adler hatten ausführlicher und m.E. auch persönlicher geantwortet – mit ähnlicher inhaltlicher Substanz. In meinen Mails vom Mittwoch habe ich bekräftigt, dass ich mit ihnen in Kontakt bleiben möchte und mich in Kürze mit der Geschichte der Verbrechen an den Heimkindern im Nachkriegsdeutschland und deren „Aufarbeitung“ intensiver befassen werde.

Werner Jurga, 05.01.2012




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