erscheint heute: Herwig - Flakhelfer



Genscher & Co.

Die Jugendsündigen


Montag, 13. Mai 2013. Dass Hans-Dietrich Genscher Mitglied der NSDAP war, kann man ihm nun wirklich nicht vorwerfen. Erstens, weil dies eine Jugendsünde war, und zweitens weil alle Politiker seiner Generation Mitglied der NSDAP waren. Alle deutschen Politiker, versteht sich. Westdeutsche, versteht sich erst recht. Alle miteinander waren sie damals Nazis, erstens weil man das damals sein musste. Das war nämlich eine Diktatur. Und zweitens, weil man sich danach, also nach der Diktatur, keine anderen Politiker backen konnte. So ganz ohne Politiker ging es eben auch nicht, sonst wäre es ja keine Demokratie gewesen. Die jedoch musste es aber damals sein, also danach. Deshalb musste man auch nehmen, was man kriegen konnte, und das waren nun einmal alles Nazis. Einmal abgesehen von Willy Brandt.


Bei dem handelte es sich aber erstens nicht mehr um eine Jugendsünde, weil der ja gut dreizehn Jahre vor dem Genscher das Licht der Welt erblickt hatte, weshalb man ihm zweitens folglich sehr wohl einen Vorwurf daraus machen konnte. Brandt, der eigentlich Herbert Frahm hieß, hatte nämlich „gegen Deutschland gekämpft“, wie das in den Wahlkämpfen hieß, und das – darüber brauchen wir gar nicht erst groß zu reden – geht ja wohl gar nicht. Bei „Willy Brandt“ handelte es sich nur um einen Decknamen aus dem Kampf gegen das Vaterland, den der Herr Frahm danach beibehielt. Wohl auch, um seine uneheliche Herkunft zu verschleiern, was ihm aber auch deshalb nicht gelingen konnte, weil etwa Konrad Adenauer, obwohl auch er kein Mitglied der Nazipartei war, ständig auf diese Schmach aufmerksam gemacht hatte.


Nun gut, für die Sünden seiner Mutter konnte Brandt nichts; aber für das, was man selbst verbockt hat, muss man geradestehen. Und wenn man erst einmal 30 ist, braucht man mit der Ausrede „Jugendsünde“ nicht mehr zu kommen. Ein Beispiel dafür wäre die Nachfolgerin Brandts im Kanzleramt: dafür, dass ihr Vater – und das auch noch als Pfarrer! - tief in das DDR-Unrechtsregime verstrickt gewesen war, kann Angela Merkel freilich nichts. Aber dass sie selbst, eigenen Angaben zufolge, “keine Heldin“ war, sondern sich „angepasst“ hatte,... - immerhin hatte sie nicht „gegen Deutschland gekämpft“. Aber trotzdem! „Agitation und Propaganda“ - also beides! - soll sie für den Feind betrieben haben, was man freilich auch nicht macht. Merkel streitet dies ab, sie habe sich nur um die „Kultur“ gekümmert. Na und?! Wo ist denn da der Unterschied?


Auch schon um die 30, wahrlich keine Jugendsünde mehr. 35 Jahre alt war sie, als es dann so richtig losging. Doch während unsereins gebannt vor der Glotze hing, um mitanzusehen, wie das Unheil seinen Lauf nahm, schwitzte Angela Merkel in der Sauna. Dabei hatten sie selbstverständlich auch drüben Fernsehen, also: richtiges Fernsehen, sprich: Westfernsehen. Aber Merkel war ja gegen die Wiedervereinigung, übrigens auch noch nach dem Saunaabend. Da war der Willy Brandt aus ganz anderem Holz geschnitzt. Aber so geht das: wir entwickeln uns weiter; das ist Evolution. Darwin nannte es „survival of the fittest“, das Überleben der Angepasstesten. Ich zum Beispiel war 1989 auch noch sehr gern in der Sauna, bis mir erst Jahre später klar wurde, dass das nicht das Richtige für mich ist.


Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ - das Satzende ging unter in tausendfachem Aufschrei und Jubel. Hans-Dietrich Genscher war mittlerweile 62 und einer der Wegbereiter der deutschen Wiedervereinigung, was man ihm nun wirklich nicht vorwerfen kann. Erstens, weil dies sowieso nicht zu ändern war, und zweitens weil alle Politiker seiner Generation für die Wiedervereinigung waren. Alle deutschen Politiker, versteht sich. Westdeutsche, versteht sich erst recht. Alle miteinander waren sie damals für die Wiedervereinigung. So war das damals nun einmal, 1989. Was man ihm jedoch vorwerfen kann, dem Hans-Dietrich Genscher, ist, dass das Auswärtige Amt 1989 die US-Amerikaner erfolgreich darum gebeten hatte, auf ein zur Irreführung der deutschen Öffentlichkeit inszeniertes Doppelspiel einzugehen.


Der Vorwurf ist allein schon deshalb legitim, weil Hans-Dietrich Genscher als Bundesaußenminister der Chef des Auswärtigen Amtes war, als der Deutsche Bundestag auf Antrag der Grünen die Regierung aufgefordert hatte, von den Vereinigten Staaten die Herausgabe der Akten (u.a. der NSDAP-Mitgliedskartei) aus dem Document Center in Berlin zu fordern. Die USA waren dazu zwar schon seit 1967 bereit gewesen, was allerdings bis dato unbekannt geblieben ist, weil die deutschen Politiker... - Sie wissen schon: damals, alle miteinander. Und deshalb hatte im Februar 1990 eine deutsche Delegation den Bundestagsbeschluss von 1989 dahingehend umgesetzt, dass sie von den Amerikanern die sofortige Rückgabe des Document Centers kompromisslos gefordert hatte – allerdings nur zum Schein, wobei der Bundesaußenminister eine klare Absage erwartete, um den Bundestag entsprechend informieren zu können.


Werner Jurga, 13.05.2013





Die Information über Genschers "Doppeltes Spiel" stammt aus dem heute erscheinenden Buch "Die Flakhelfer" von Malte Herwig.
Vorab: der Spiegel, Nr. 19/13, S. 16.