Frohes neues Jahr!  

Popeye, Putin und all die Mädels


Montag, 2. Januar 2012. Es gibt so Tage, da zieht es selbst so einen Stubenhocker wie mich vor die Tür. Da muss ich einfach mal raus. Und Silvester ist so ein Tag. Also machte ich mich vorgestern auf die Socken und zog los. Zu einer Silvester-Party, zu einer ziemlich großen Silvester-Party sogar. Ich meine: wenn schon, denn schon. Sie war hier in Duisburg; ich sage aber nicht wo. Ich sage nur so viel – Sie kennen das ja schon (von Mario Barth): alles echt passiert, wirklich wahr.

Also, pass auf: ich da rein in das Event-Schloss. Die ganze Bude rappelvoll, auf allen Etagen. Ich dachte schon: Mist! Hoffentlich bekommst Du noch einen Sitzplatz. Ich habe nämlich Last beim Stehen, müssen Sie wissen. Ich gucke so rum. Und was sehen meine Augen? Sitzen da doch tatsächlich fünf schmucke Ladies mittleren Alters an einem Tisch! Und das Beste: am Tisch ist tatsächlich noch ein Platz frei. Ich also, ganz locker - dideldum, dideldei – ran an den Speck: „Ist da noch ein Platzerl frei?“

Null Problemo: „Setzen hin!“ Also, Deutsche waren sie offenbar nicht, die fünf Ladies. Das sah man aber schon. Die gesprächigste von ihnen sah asiatisch aus, die Blonde allerdings kein bisschen, und die anderen … - nun ja, schwer zu sagen. Außerdem war die Musik etwas laut; ich konnte also kaum etwas von dem, was die Girls sich so erzählten, verstehen. Außer, dass es auswärts war, logisch. Nur die Asiatische, die direkt neben mir saß, war einer Konversation offenbar aufgeschlossen. Sie sprach, wie sich später herausstellte, von allen am besten Deutsch.

Aber in welcher Sprache sich die Damen „unterhielten“ – die Anführzeichen deshalb, weil eine gepflegte Unterhaltung wegen der Musiklautstärke kaum möglich war. Man schrie sich also immer ein paar Bröckchen ins Ohr. Das machte aber nichts; es war extrem nett mit den fünf Girls. Die Einschränkungen der Konversationsmöglichkeiten kamen mir ja eher entgegen, da andernfalls sich die Mädels ja munter drauf los in ihrer – mir auf jeden Fall gänzlich fremden – Sprache hätten unterhalten können. Das wäre irgendwie nichts gewesen.

So aber, immer mal ein Häppchen bescheidenen Geistes. Immer nur Lächeln, alles sehr freundlich – das kam mir freilich sehr entgegen. Ich kann Ihnen sagen: bis ich mal dahintergekommen bin, in welcher Sprache die Damen zu parlieren pflegten. Das hatte gedauert. Ich wollte ja auch nicht so direkt fragen. „Sagt mal, Mädels, wo kommt Ihr denn her?“ Das macht man doch nicht. Erstens. Und zweitens sahen die alle so total verschieden aus. Richtig multiethnisch was los am Tisch. Genau das Richtige für so einen Internationalisten wie mich!

Langer Rede kurzer Sinn: mit der Zeit gelangte selbst mir durchs schwerhörige Ohr in den dorftrotteligen Kopf, dass es Russisch war, was die Mädels sich da so in die Gesichter schrien. Ja, Russland ist – auch post-sowjetisch – ein verdammt großes Land. Ich sagte, wieder mal ganz locker: „дружба“. Wird ausge-sprochen: Druschba. Zu Deutsch: Freundschaft. Große Freude. Prompt die Frage, ob ich Russisch spräche. Ach nein, nur ein paar Wörter. один, два, три – eins, zwei, drei. Große Begeisterung, richtig tolle Stimmung! 

Ich konnte den Mädels noch erklären, was da so auf den Eintrittskarten und Verzehrgutscheinen stand, und wie das alles so funktioniert. Und dann, da ich ja nun einmal der einzige Mann am Tisch war, wurde von mir ein Kraftakt erwartet. Die Sache selbst muss uns nicht weiter interessieren. Hier geht es nur darum, dass ich endlich die Gelegenheit gekommen sah, mich als der zu präsentieren, der ich im Grunde bin: ein Kraftprotz. Zu dieser Präsentation liefere ich eine Nummer, die ich auch zuhause schon gewohnheitsmäßig abliefere.




Ich pumpe meinen Brustkorb voller Luft, was besonders beeindruckend wirkt, wenn mein Oberkörper entblößt ist. Dazu balle ich beide Hände zu Fäusten, knicke die Ellbogen und – das ist das Entscheidende! – spanne die Muckis in meinen Oberarmen so richtig an. Dazu rufe ich dann in bester russischer Aussprache – bei diesem Wort beherrsche ich sie wirklich! – „Putin“. Ich stehe also auf, mache fortwährend Popeye, den Seemann, und sage ab und an mit tiefer Stimme (was nicht ganz authentisch ist), aber in authentisch-russischer Aussprache „Putin“.

Ich dachte, die russischen Mädels stehen auf sowas; denn sonst würde der Herr Ministerpräsident – zurzeit, vorübergehend, sonst Staatspräsident – so einen Kokolores ja wohl kaum veranstalten. Dass die Damen irgendwie beeindruckt waren, konnten sie überdies auch kaum verleugnen. Unverkennbar war jedoch auch, dass die fröhlich-lockere Atmosphäre unter meiner Darbietung irgendwie Schaden nahm. Die Aussprache des Wortes „Putin“ war authentisch; da war ich mir sicher. Aber ansonsten?

Um den Grad an Authentizität zu erhöhen, bot ich den Ladies an, mich obenrum frei zu machen, damit sie meine Muckis mal so richtig begutachten könnten. Dabei zog ich freilich die Popeye-Nummer mit regel-mäßigem Putin-Ausruf ohne Unterlass durch. Nein, meinen Pulli könne ich ruhig anbehalten, beschied mir die Asiatische und fragte: „Bist Du Putin?“ Blöde Frage, natürlich nicht! Aber ich wäre gern so wie er, erklärte ich. Oder ich sei so wie er. Ganz genau erinnere ich dieses Detail leider nicht mehr.

„Er kann alles“, erwähnte ich anerkennend. Und dann diese Wahnsinnsnummer mit dem Tiger. Wenn es mal brennt, fliegt er mit dem Hubschrauber und löscht höchstselbst. Und alles. „Ein Spitzentyp, genau wie ich!“, rief ich begeistert. Die skeptischen Blicke, von denen ich mich getroffen wähnte, konterte ich mit dem Hinweis: „Okay, ich bin größer als er.“ Oder er ist kleiner als ich. Je nachdem, wie man´s nimmt. Aber das sind Äußerlichkeiten. Darauf kommt es bei Spitzentypen eigentlich gar nicht so an …




Nichts zu machen! Die fünf Girls gingen tanzen. Ohne mich. Irgendetwas ist da schief gelaufen. Wer weiß? Vielleicht waren es Oppositionelle, nicht so Putin-Fans, wie ich einer bin. Keine Ahnung. Es ging mir auch – jedenfalls nicht an diesem Abend – nicht so sehr um Politik. Ich wollte einfach nur gastfreundlich sein und so. Nun war ich wieder allein. Wenn man von meiner Frau absieht, die Tränen in den Augen vor Lachen hatte und sich am ganzen Körper schüttelte. Klar, dass die Spaß hatte! Nur, weil ich bei den Miezen irgendwie nicht landen konnte.

Ja, so ist sie nun einmal. Ich gönne es ihr. Ich sage immer: man muss auch gönnen können. Obwohl – und diese Geschichte hat es wieder einmal eindrucksvoll belegt: sie gönnt mir ja irgendwie nix. Egal, es wurde 12 Uhr, also 24 Uhr oder 0 Uhr. Alle raus, Gläschen Sekt in der Hand: „Frohes neues Jahr!“ Küsschen hier, Küsschen da. Ich sage: „Guck mal, Schatz!“ Nur für sie mache ich nochmal den Popeye und sage – mit unauthentisch tiefer Stimme und authentisch russischem Akzent: „Putin!“ 
Ich meine: durch so einen Jahreswechsel ändert sich doch eigentlich gar nichts.


Werner Jurga, 02.01.2012



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